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Viren für Arme

Jeder hat sie schon erhalten: Hilferufe per E-Mail, in denen zum Beispiel dringend Knochenmarkspender gesucht werden. Diese Aufrufe sind fast nie echt. Und manchmal hat das Weiterleiten solcher "Hoaxes" sogar ungeahnte Folgen.

Der Aufruf kommt per Mail und klingt dramatisch: "Das Problem ist, dass meine Freundin an Leukämie erkrankt ist. Es hat sich herausgestellt, dass sie nur noch wenige Wochen zu Leben hat. Aus diesem Grund seid Ihr meine letzte Chance, ihr zu helfen. Wir benötigen dringend eine/n Spender/in mit der Blutgruppe 'AB Rhesus negativ'!!! der/die bereit wären ggf. Knochenmark zu spenden. (...) Sendet bitte diesen Brief an alle, die Ihr kennt!" Unterzeichnet ist der Hilferuf von Julia Schmidt aus Unterhaching bei München.

Doch bei der Mail handelt es sich um einen so genannten Hoax, was auf Englisch "Streich, schlechter Scherz" bedeutet. Das musste auch Julia Schmidt erfahren, die den Aufruf vor Jahren wohl meinend weiter geschickt hatte. Ihr E-Mail-Programm hängte ihren Namen und die Adresse ihres Arbeitgebers automatisch an, wie der Berliner EDV-Berater und "Hoax"-Experte Frank Ziemann berichtet. Später ging die Adresse des Original-Absenders verloren, und Julia Schmidt bekam unzählige E-Mails und Anrufe.

Nur noch der Anrufbeantworter geht ran

Heute meldet sich unter ihrer Nummer nur noch ein Anrufbeantworter. Bei der Mail handele es sich "um einen ganz gemeinen Kettenbrief, mit dem weder ich noch mein Arbeitgeber in irgendeiner Weise etwas zu tun haben", heißt es. Der Inhalt sei "völlig falsch."

Die Angaben führen tatsächlich in die Irre: Bei der Suche nach einem passenden Knochenmarkspender für einen Leukämie-Patienten "kommt es auf die Blutgruppe überhaupt nicht an", wie der Geschäftsführer des Vereins "Aktion Knochenmarkspende Bayern", Hans Knabe, betont. Wichtig sind dagegen die Gewebemerkmale des Spenders, die in einem aufwändigen Verfahren getestet werden müssten.

"Mit der halben Republik telefoniert"

Schmidt, die damals bei einer Werbeagentur in Unterhaching gearbeitet hatte, hat ihre Spuren im Internet verwischt. Dagegen ist Stefan Mrosek von der Uniklinik Regensburg, der bei jüngeren Versionen des Kettenbriefes als Mitunterzeichner auftaucht, heute noch erreichbar. Er sei vor vier Jahren auf den Brief hereingefallen, weil er ihn von einer Kollegin bekommen habe, sagt er. "Ich habe inzwischen mit der halben Bundesrepublik telefoniert." Zum Teil habe er 100 bis 150 Anrufe täglich bekommen und zeitweise einen Anrufbeantworter angeschaltet. Bei den meisten handelte es sich um Menschen mit der gefragten Blutgruppe, die Knochenmark spenden wollten. "Die Leute waren meistens enttäuscht und verärgert, dass sie einer Ente aufgesessen sind", sagt er. Manche hätten sich aber auch die Adresse der Knochenmarkspender-Datenbank geben lassen.

Der Julia-Brief ist besonders hartnäckig

Aufrufe zur Knochenmarkspende kursieren immer wieder im Internet, wie Ziemann sagt. "Der Julia-Brief ist allerdings besonders hartnäckig und stark verbreitet." Es sei nicht ganz ausgeschlossen, dass der Brief ursprünglich einen realen Hintergrund gehabt habe. "Wegen der falschen, schlechten Angaben kann es sich aber nicht um einen unmittelbaren Angehörigen gehandelt haben", erklärt der Experte.

Die Hintergründe von Kettenbriefe dieser Art seien ganz unterschiedlich. In einem Fall habe offenbar eine Wienerin behauptet, Leukämie zu haben. Irrtümlicherweise hätten andere für sie einen Hilferuf losgetreten, berichtet Ziemann. In einem andern Fall waren Mails im Umlauf, die um Knochenmarkspenden für ein Kind baten, das schon längst tot war.

Auf die Tränendrüse...

Beliebt seien auch „Tränendrüsenbriefe“, in denen es heißt, Onlinedienste würden für die Weiterleitung der Mail bezahlen, berichtet Ziemann. Ein Brief handelt zum Beispiel von einem angeblich an Hirnkrebs erkrankten Mädchen namens Natalie, für das Spenden für eine Operation gesammelt würden. AOL würde für jede Weiterleitung fünf Cents bereitstellen. "Das ist schon an sich Quatsch, weil ein solches Verfahren technisch nicht möglich ist", sagt Ziemann.

Unter den Autoren solcher Hoaxes seien sicher Leute, die sich einen makabren Scherz erlaubten, sagt Ziemann. "Sie freuen sich vielleicht, wenn die Mail mal wieder bei ihnen ankommt." Das sei ähnlich wie beim Aushecken von Computerviren - doch brauche man für falsche Mails nicht einmal Fachwissen. Daher seien Hoaxes dieser Art "Viren für Arme".

E-Mail-Kettenbriefe solle man auf keinen Fall weitersenden, rät Ziemann. In den meisten Fällen handle es sich um "Unsinn". Für ernste Nachrichten habe sich dieses Medium disqualifiziert. "Wer ein ernstes Anliegen hat, hat schlechte Karten, mit einem Kettenbrief ernst genommen zu werden."

Angela Stoll, AP/AP/DPA

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