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23. März 2006, 18:29 Uhr

"Die Dinge werden zu schlau"

Mikrowellen, Waschmaschinen, Autos - die Hackerziele der Zukunft? Ein stern.de-Interview mit den IT-Sicherheitsexperten Eugene Kaspersky und Costin Raiu über schwarze Hüte, Autos - und Dinge, die immer klüger werden.

Eugene Kaspersky, vom Kryptographen zum Unternehmer© Udo Lewalter/stern.de

Eugene Kaspersky ist "das Gesicht" der Viren-Bekämpfer-Szene. Seine russische Firma Kaspersky Lab entwickelt IT-Sicherheitslösungen und Anti-Viren-Programme. Seine redselige, offene Art und Geschick in der Selbstvermarktung ("Ich bin halt die Marke des Unternehmens") verleihen dem 40-Jährigen gewisse Popstar-Qualitäten. Das Interview soll auf dem Cebit-Stand des Unternehmens stattfinden. Smalltalk über Wodka und die "Russendisko" genannte Standparty am Abend überbrückt die Zeit, in der ein hilfreicher Geist den Namensgeber sucht. Sicherster Ort, um die Suche zu beginnen: der Aschenbecher am Rande des Standes.

Am Tisch sitzt schon Costin Raiu, Rumäne, ernst, schmal, blass, Chef der Entwicklungs- und Forschungsabteilung der rumänischen Niederlassung von Kaspersky Lab. Er spricht ruhig und bedacht. Dann kommt Eugene Kaspersky, bärtig, braungebrannt, mit wuscheligen Haaren. Er strahlt, und wer etwas fragt, wird mit einem Wortschwall belohnt. Stakkatoartig schießen die Silben aus seinem Mund, sein Englisch mit dem starken russischen Akzent lässt Kaspersky klingen wie einen Bösewicht aus einem alten James-Bond-Film. Freimütig plaudert er über seine Firma, seine vielen Reisen, zählt penibel auf, in welchen Städten er alleine schon in diesem Jahr war. Und, und, und... irgendwann beginnt dieses Interview.

stern.de: Herr Kaspersky, Herr Raiu, Sie sind ständig auf der Jagd nach neuen Computerviren?

Raiu: Ich versuche, vorherzusagen, in welche Richtung sich die kommenden Computerviren bewegen werden. Zum Beispiel, was es bedeutet, wenn Geräte wie Mikrowellen und Waschmaschinen mit Internetanschlüssen ausgestattet werden. Wir müssen herausfinden, ob diese Maschinen von Viren befallen werden können

Kaspersky: Ich habe neulich im Internet das Bild einer Mikrowelle gesehen - mit einem Aufkleber "powered by Microsoft Windows". (lacht)

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie die Zukunft der Virenentwicklung vorhersagen wollen?

Raiu: Ich war neulich in Amsterdam auf einer Hacker-Konferenz. "Black Hat"-Hacker waren das...

... die mit krimineller Energie handeln und beabsichtigen, Schäden zu verursachen oder Daten zu stehlen...

Raiu: Ich höre mir deren Vorträge und Präsentationen an, schaue mich um und versuche zu erkennen, was sie als nächstes vorhaben.

Sind Sie dabei undercover?

Raiu: Ich persönlich bin offen als Vertreter von Kaspersky Lab hingegangen. Ich habe aber Leute anderer Sicherheitsfirmen gesehen, die heimlich dort waren. Auf diesen Konferenzen laufen sowieso viele Vertreter der großen IT-Unternehmen herum. Die wollen sehen, was die "bösen Hacker" so treiben. Die wiederum schauen selbst, ob sie von den Firmen nicht ein paar Infos über neue Entwicklungen ergattern können. Das Ganze ist ein Spiel, ein interessantes Spiel.

Was sind denn nun die Trends in der Virenszene?

Kaspersky: Wie schon gesagt, "Appliances", Geräte des Alltags im Haushalt. Aber auch Autos. Alle diese Geräte werden zu schlau.

Zu schlaue Mikrowellen, Waschmaschinen und Autos?

Kaspersky: Ich erzähle Ihnen mal was. Ich habe mir ein deutsches Luxusauto gekauft. Neulich hatten wir in Moskau minus 30 Grad. Der Wagen ist zwar angesprungen, der Motor lief, aber auf dem Display erschienen einige Fehlermeldungen. Das Auto gab mir die Anweisung, ich könne fahren - allerdings nur in die Werkstatt. Die Höchstgeschwindigkeit wurde automatisch auf 40 km/h beschränkt. Ich war echt angepisst. Und habe meinen alten Lada genommen.

Mehr Elektronik, mehr mögliche Probleme, das ist bekannt. Was hat das mit Viren zu tun?

Kaspersky: Es geht um Sicherheit allgemein. Die meisten technischen Neuentwicklungen haben das Problem, dass der Sicherheitsaspekt als Letztes berücksichtigt wird. Herstellung, Funktionen, Preis, Design - alles hat eine höhere Priorität. Bei WLan-Hardware für drahtlosen Internetzugang beispielsweise sind häufig die Verschlüsselungstechniken vom Werk her ab- und nicht angeschaltet. Dasselbe gilt für Smartphones. Dabei wäre es ganz einfach, die Sicherheitsfeatures standardmäßig zu aktivieren.

Aber ein Auto ist doch nicht ans Internet angeschlossen?

Kaspersky: Bei einigen Autos wird über die Funktechnik Bluetooth der Kontakt zwischen dem Bordcomputer und einem Sensor im Reifen hergestellt, um den Reifendruck zu überwachen. Eine solche Funkverbindung ist ein potenzieller Angriffspunkt. Um nur ein Beispiel zu nennen. Oder denken Sie an Navigationssysteme oder auch den Bordcomputer selbst. Früher gab es nur den Computer auf dem Schreibtisch oder in der Firma. Heute sind sie überall. Alles was sich missbrauchen lässt, wird auch missbraucht werden, solange irgendjemand eine Idee hat, wie er damit Geld machen kann.

Kaspersky Lab Eugene Kaspersky begann - so erzählt er es - 1989, sich mit Computerviren zu beschäftigen, als er eher zufällig eine infizierte Diskette in die Hände bekam. Er arbeitete zu der Zeit als Verschlüsselungsexperte beim Militär. Aus dem Hobby des Virensammelns entstand das Unternehmen Kaspersky Lab, das 1997 gegründet wurde. Hauptsitz ist Moskau. Zu den bekanntesten Produkten gehört gehört "Kaspersky Anti Virus Personal".

Interview: Udo Lewalter und Ralf Sander
 
 
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