Die Kritik an Facebooks Datenschutzpolitik wird immer schärfer. Viele wollen nicht mehr akzeptieren, dass Firmengründer Mark Zuckerberg Privatsphäre für ein überholtes Konzept hält. Von Ralf Sander

Zuckerberg und sein Unternehmen stehen unter Beschuss© Justin Sullivan/Getty Images
Wenn du irgendetwas über irgendjemanden in Harvard wissen willst, frag nur. Ich habe mehr als 4000 Mail-Adressen, Fotos, Postanschriften", schreibt ein 19-jähriger Student der US-Eliteuniversität Harvard in einer Kurznachricht an einen Kommilitonen. "Woher hast du die denn", chattet der Mitstudent zurück. Die Antwort: "Sie haben mir die Daten überlassen. Weiß auch nicht warum." Und dann tippt er noch. "Die trauen mir, die Idioten." "Dumb fucks", heißt es sogar im Original. Bei dem Datensammler soll es sich um Mark Zuckerberg handeln, den Gründer von Facebook.
Der Dialog zwischen dem Mann mit dem Nicknamen "Zuck" - so lässt sich Zuckerberg heute noch nennen - und seinem Kumpel ist vom IT-Onlinemagazin "Silicon Alley Insider" (SAI) veröffentlicht worden. Der ungenannten Quelle des SAI zufolge fand das Gespräch vor sieben Jahren per Instant Messenger statt, kurz nachdem Zuckerberg die Community "The Facebook" für Harvard-Studenten gegründet hatte. Das "The" im Namen verschwand, es entwickelte sich mit 400 Millionen Mitgliedern das größte soziale Netzwerk der Welt. Das Protokoll, zu dem sich weder Zuckerberg noch das Unternehmen bisher geäußert haben, schärft das Bild Zuckerbergs, das verschiedene Äußerungen von Firmeninsidern bereits in den vergangenen Monaten gezeichnet haben: Der 26-Jährige interessiert sich nicht für Privatsphäre, er hält sie für ein überholtes Konzept.
Außerdem gießt das Transskript weiteres Öl in das Feuer, in dem Facebook in den USA zurzeit geröstet wird. Während das soziale Netzwerk in den vergangenen Monaten in Europa und vor allem in Deutschland für seine Datenschutzpolitik heftig kritisiert wurde, beschränkten sich im Heimatland USA die Diskussionen vor allem auf die Zirkel der Tech-Blogger und Social-Media-Experten. Doch als vor rund drei Wochen Facebook seine Pläne offenbarte, sich quasi über das ganze Web auszubreiten, wurde auch die breite Öffentlichkeit aufmerksam. Der "Gefällt mir"-Knopf sowie verschiedene andere Funktionen von Facebook können nun auch außerhalb des Netzwerks in anderen Websites eingebaut werden. So wird es möglich, überall im Web auf seine Freunde zu treffen. Das Problematische dabei: So kann Facebook auch protokollieren, was man auf anderen Websites so treibt. Welche Konsequenzen das für den einzelnen Nutzer haben kann, ist schwer zu erfassen. Ebenso schwierig ist es zu steuern, wie viel man von sich preisgibt. Facebook beruft sich darauf, genau offenzulegen, welche Daten der Nutzer wo gesammelt und veröffentlicht werden. Und außerdem sei es jedem Nutzer möglich, genau einzustellen, was er wem offenbaren möchte. Das stimmt. Und stimmt auch nicht.
Theoretisch bestehen die Möglichkeiten des Privatsphären-Feintunings tatsächlich. Doch praktisch sind sie so kompliziert wie eine deutsche Steuererklärung. Verschiedene US-Medien, allen voran die "New York Times", haben die Einstellungsmöglichkeiten und die Vereinbarungen zum Datenschutz unter die Lupe genommen und in beeindruckende Zahlen gefasst:
Wer soll das alles lesen, verstehen und seine Folgen durchschauen?
Diese Diskussion wird nicht nur verbal geführt, sie hat auch Konsequenzen für das Unternehmen. Die Stimmung scheint zu kippen. Der prominente Technikjournalist Leo Laporte löschte während seiner im Web verbreiteten Sendung seinen Account. Die Suchmaschinen-Beobachter von "Search Engine Land" bemerkten, dass die Nachfrage nach der Phrase "How do I delete my Facebook account?" ("Wie lösche ich mein Facebook-Profil?") stark ansteigt. Der Kongress hat die Telekommunikationsaufsicht FCC aufgefordert, sich mit Facebook zu beschäftigen. Und Webguru Jeff Jarvis gibt in seinem Blog Tipps, was Facebook nun tun sollte.
Das Unternehmen tut etwas - zögerlich. Der hochrangige Facebook-Manager Elliot Schrage beantwortete Fragen der "New York Times"-Leser und musste zugeben, dass die Einstellungen zur Privatssphäre "für einige Nutzer wohl etwas verwirrend sind". Er gelobte Besserung. Und verschiedene Medien berichten von einem Notfalltreffen der gesamten Facebook-Belegschaft, um die Privatssphären- und PR-Probleme zu diskutieren. Ergebnisse? Noch unbekannt. Dass gerade ein neues Sicherheitsfeature gestartet wurde, hilft da wenig: Die Nutzer können sich von nun an per E-Mail oder SMS benachrichtigen lassen, wenn sich jemand von einem unbekannten Gerät aus an ihrem Facebook-Konto zu schaffen macht. Eine sinnvolle Ergänzung - die mit den eigentlichen Streitfragen aber nichts zu tun hat.
Facebooks Probleme machen andere stärker: In New York formiert sich gerade der Gegenentwurf zu Facebook. Vier Studenten haben das Konzept für ein soziales Netzwerk erarbeitet, bei dem die Kontrolle der Privatsphäre im Vordergrund stehen soll. Name des Projekts: "Diaspora". Die Diskussion um Facebook und einige Medienberichte haben den Studenten innerhalb kürzester Zeit Startkapital von mehr als 131.000 US-Dollar beschert, Tendenz steigend. Das ist umso bemerkenswerter, da es noch bis nach dem Sommer dauert, bis die erste Zeile Code programmiert werden wird. Die Studenten schreiben lapidar auf der Diaspora-Webseite: "Wir müssen erst noch unsere Abschlüsse an der Uni machen, dann geht's los".
P.S: Muss Facebook beim Datenschutz dringend nachbessern? Oder sind Sie der Meinung, dass jeder für seine Daten selbst verantwortlich ist und sich nicht beschweren darf, wenn gepostete Fotos verbreitet werden? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.