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Ist das Dein Ernst, Facebook?

Nach langem, ärgerlichem Zögern kündigt Facebook nun doch an, etwas gegen Hasskommentare zu tun - und verkauft das Ganze gleich als geradezu humanitäre Maßnahme. Scheinheiliger geht es nicht.

Ein Kommentar von Tim Sohr

Facebook-Chefin Sheryl Sandberg auf der Pressekonferenz in Berlin

Facebook-Chefin Sheryl Sandberg bei der Pressekonferenz in Berlin: Große Worte - wenig dahinter?

Zugegeben, es hört sich verdammt ehrenwert an: Facebook hat zusammen mit Menschenrechtsorganisationen und Forschungseinrichtungen die europäische "Initiative für Zivilcourage Online" ins Leben gerufen. Die Aktion hat sich zum Ziel gesetzt, Extremismus und Hassrede im Internet zu bekämpfen.

Für diese Ankündigung ist Facebook-Chefin Sheryl Sandberg höchstpersönlich nach Berlin geflogen - in die Stadt, in der die Initiative ihren Sitz haben wird. Die beabsichtigte Botschaft ist klar: Facebook geht voran, mit der großen Geste gegen den ganzen Hass im Netz, voller Einsatz für die Menschenrechte - drunter macht es das Unternehmen nicht. Schon hört man die ersten Stimmen, die reflexartig applaudieren: "Guck an, die tun ja richtig was!"

Genau auf diese Reaktion zielt das großzügige Getrommel ab. Bloß: Nach monatelangem Zögern wirkt das alles reichlich scheinheilig.

"Facebook ist kein Ort für die Verbreitung von Hassrede oder Aufrufe zu Gewalt", sagt Sandberg. Ach so. Die zahlreichen Ausnahmen bestätigen also nur die Regel? Fast jeder Nutzer hat doch schon mal vergeblich versucht, extremistische Kommentare oder Profile per Meldung verschwinden zu lassen. Und überhaupt: Hat es nicht trotzdem ein bisschen arg lang gedauert, bis das Netzwerk seine Trägheit zum Thema ablegt? 

Die Attitüde von Facebook ist das Problem

Das Problem ist nicht, dass Facebook endlich etwas ändern will. Das ist dringend notwendig und grundsätzlich löblich - besser spät als nie. Das Problem ist die Attitüde, mit der das Unternehmen plötzlich voranprescht. "Das Internet lässt Stimmen für die Toleranz zu Wort kommen", flötet Sandberg. Facebook als Rächer aller Shitstorm-Opfer - wie ernst kann das gemeint sein, möchte man Sandberg fragen, und wie ernst kann die ganze Initiative gemeint sein?

Die Haltung verärgert in ihrer scheinbaren Kompromisslosigkeit. Facebook verkauft Maßnahmen, die schon längst selbstverständlich sein müssten, wie die neueste Erkenntnis der Sozialwissenschaften. Dabei wurde die Debatte über Hass und Hetze im Netz bloß schleichend zu schädlich fürs Image, um sich weiter blind und taub zu stellen.

Kein anderes Feld hat der Milliardenkonzern bisher so gemächlich beackert wie das Vorgehen gegen Hasskommentare. Mit dem Branchenverband Eco und der Kontrollinstanz Jugendschutz.net wurden zähe, lange nicht zielführende Gespräche zur Bildung einer Taskforce geführt. Mit ein paar großen Worten ist es deshalb nicht getan. Facebook muss nachweisen, mit seiner feierlich verkündeten Initiative mehr als nur eine Nebelkerze gezündet zu haben.

"Das beste Gegenmittel für Hass ist ein Lachen", hat Sandberg in Berlin noch gesagt. Bei so viel verlogenem Pathos kann man es sich auch kaum verkneifen.

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