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23. September 2011, 13:18 Uhr

Im Griff des Lifetickers

Facebook-Chef Mark Zuckerberg will Ihr ganzes Leben aufzeichnen. Er könnte so die globale Gesellschaft umkrempeln. Ein paar Fantasien und Albträume - powered by Facebook. Von Florian Güßgen

Who wants to live forever? Jenen Menschheitstraum, dessen Verwirklichung Evolution oder Schöpfung partout nicht vorgesehen haben, könnte nun ein 27-Jähriger aus Kalifornien Realität werden lassen, zumindest ein Stück weit: Mark Zuckerberg, der Facebook-Chef. Was er am Donnerstagabend in San Francisco vorstellte, ist dabei noch nicht mal eine Revolution, sondern nur die bislang konsequenteste Fortschreibung und Formulierung eines Trends der vergangenen Jahre: Die sozialen Netzwerke schicken sich an, unser komplettes Leben aufzuzeichnen. Was tun Sie? Welche Musik hören, welche Filme sehen Sie? Was für Sport treiben Sie? Wer sind Ihre Freunde? Was schreiben und denken Sie? Die Facebook-"Timeline" soll das alles aufzeichnen, von der Wiege bis zur Bahre. Sie ist nichts anderes als ein ewiger Lifeticker, powered by Facebook. Zuckerberg wird zum Herrn und Verwalter der Lebensläufe. Sie haben die Kontrolle, klar. Aber was heißt das schon?

1,2 Milliarden Katholiken, 800 Millionen Facebook-User

Es ist schon länger so, dass die sozialen Netzwerke eine neue Gesellschaft entstehen lassen, die zum Teil die analoge widerspiegelt, zum Teil aber auch darüber hinausgeht, ein Mehr schafft. Dabei sind es Konzerne, Gewinnmaximierer wie Zuckerberg oder Larry Page von Google, die mit Facebook oder Google+ die Grammatik dieser Gesellschaften vorgeben, die Möglichkeiten und Regeln, sich auszudrücken, sich digital darzustellen und damit bisweilen die analogen Lebensumstände gehörig zu verändern. Solche geographische, staatliche, spachliche oder nationale Grenzen überwölbenden Gesellschaften haben dabei immer existiert.

Das prominenteste soziale Netzwerk ist seit ein paar Jahrtausenden die katholische Kirche. Zwar hat Facebook im Vergleich zur Organisation Benedikts XVI. noch nicht ganz so viele Follower (Katholische Kirche: rund 1,2 Milliarden Mitglieder; Facebook: 800 Millionen), und zudem fehlt es Facebook auf den ersten Blick an jener spirituellen, normativen Botschaft, die der Kirche die Reichweite verschafft. Aber dennoch könnte es sein, dass Zuckerbergs Organisation das Leben auf dieser Erde demnächst stärker umkrempelt, als es die Status-Updates des Heiligen Stuhls vermögen.

Denn die Vorstellung, individuelle Lebensläufe in einer bislang ungeahnten Dichte aufzuzeichnen, ist atemberaubend. Ihr "Ich" wäre in einer zweiten Form verfügbar, als Ihr Lifeticker. Für jene Menschen, die ab jetzt geboren werden oder die jetzt jung sind, schafft das faszinierende Möglichkeiten der Selbstvergewisserung der eigenen Identität: Was habe ich noch mal in meiner Kindheit gemacht? War die glücklich oder nicht? Wie genau haben wir Weihnachten verbracht? Wie war das, als Papi plötzlich nicht mehr da war? Schon jetzt rekonstruieren wir unsere Lebensgeschichten, mit Bildern, Videos, ob digital oder analog. Unsicherheiten, Lücken füllen wir auf, oft mit heilsamer Fantasie, betrieben von unserem eigenen Wunschdenken hinsichtlich unserer eigenen Story. Zuckerbergs Vision könnte es uns erschweren, unsere Geschichte immer wieder neu zu erfinden. Wir verlieren ein Stück Kontrolle über unsere Biografie.

Lifeticker-Passwörter als digitaler Aids-Test

Vielleicht wird es künftig ja so sein, dass man beim amourösen Tête-à-Tête, am Ende des ersten, weinseligen Dates, nicht über einen gemeinsamen nächtlichen Kaffee nachdenkt, sondern Passwörter für Lebensabschnitte oder Segmente des Lifetickers austauscht, wie einen digitalen Aidstest: Ist es glaubwürdig, was mir der Typ oder das Mädel gerade über sich erzählt hat? Passt das zu seiner oder ihrer Biografie? Vor Beginn einer ernsthaften Beziehung könnten oder müssten Einblicke in die jeweilige sexuelle Lebensbilanz gewährt werden. Was hast du eigentlich in deiner Jugend getrieben? Hattest du jemals was mit dem Mann, mit dem du jetzt immer so gerne Squash spielen gehst?

Aber es ist nicht nur das: Stellen Sie sich vor, die individuellen Lebensläufe der Nazi-Generation wären bei Facebook gespeichert. Schuld hätte nur schwer verschwiegen, kaum unterdrückt werden können. "Opa, was hast du eigentlich gemacht? Gib' mir das Passwort." Die Möglichkeiten, auch für Wähler oder Arbeitgeber, Behauptungen zu prüfen, verbessern sich radikal. Was für ein Praktikum hat Guttenberg seinerzeit noch mal in New York gemacht? Um das herauszufinden, ist künftig vielleicht nicht mehr ein Enthüllungsbuch nötig, sondern lediglich ein Passwort, das Zugang zum Datensatz eines Politikers liefert. Sicher, früher oder später wird es auch Software geben, die Lifeticker konsistent umschreibt, von der Wiege bis zur Bahre neue Identitäten, Legenden kreiert. Aber ungeachtet der Möglichkeit der Manipulation stellt die Idee des Lifetickers sozial enorm wichtige gesellschaftliche Konventionen von Vertraulichkeit, Vertrauen und den Grenzen sozialer Kontrolle radikal in Frage. Was will ich wissen, wenn ich theoretisch und technisch alles wissen kann? Wie gehe ich mit diesem Wissen um? Was Wikileaks für Staaten ist, ist Facebook für Individuen.

Zahlt die Versicherung für Omas Matrix?

Aber damit nicht genug. Walter Benjamin philosophierte dereinst über die Folgen der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks. Künftig, so scheint es, könnte zwar nicht der individuelle, menschliche Geist archiviert und digital reproduziert werden, wohl aber vieles von dem, wodurch er sich ausdrückt und für andere sicht- und erkennbar wird. Der Lifeticker liefert mutmaßlich genügend dichte Informationen in Bild, Ton und Schrift, um Menschen als 3D-Avatare irgendwann täuschend echt reproduzieren zu können. Was für eine Chance! Was für ein Fluch! Oma sitzt todtraurig im Altersheim, ihr Mann, ihre Freunde, ihre gleichaltrigen Zeitgenossen sind alle längst tot. Warum lassen wir die verblichene Gesellschaft nicht einfach auferstehen, gespeist aus den Daten des Lifetickers? Der hat gespeichert, was Opa beim Frühstück gesagt hat, welche Redewendungen er gegenüber Oma verwendet hat, wie er lachte, wie er weinte. Vielleicht hilft ein Avatar Oma gegen die Einsamkeit. Oder zwei. Oder drei. Vielleicht ist sie in einer Gestern-Matrix viel glücklicher, die die Tristesse des Jetzts schlicht ausblendet. Am Sterbebett sitzen dann nicht nur wir Lebenden, sondern alle, die Oma geliebt hat. Was kostet so ein Avatar noch mal, oder besser: Was kostet die komplette Matrix? Und: Zahlt die Versicherung etwas zu?

Es ist nicht so, dass die Idee des Lifetickers, die Debatte über die möglichen lebenspraktischen, philosophischen und auch ökonomischen Folgen, neu wäre. Im Gegenteil. Das Ziel, die eigene Biografie und damit die eigene Bedeutung irgendwie zu verewigen, vielleicht sogar wieder und wieder aufleben zu lassen, ist angesichts der leidlichen Vergänglichkeit ein Dauerthema der Menschheit. Facebook, Google & Co. haben uns nur näher denn je an die technische Umsetzbarkeit gebracht. Zuerst haben sie das Wissen der Welt archiviert, jetzt geht es an die individuellen Lebensläufe. Das ist toll, das ist spannend, das schafft grandiose Chancen - ganz ungeachtet der Frage, ob es wirklich unbedingt Konzerne sein müssen, die dieses Wissen auf ihren Servern speichern. Gleichzeitig treibt die Idee des Lifetickers, des Lebenstagebuchs, eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit auf die Spitze: Wie gehen wir mit all dem Wissen um, das theoretisch verfügbar ist - und wie hegen wir seine soziale Sprengkraft ein? Nicht Zuckerberg, sondern die Facebook-Gesellschaft muss hier Antworten geben. Und jeder ganz persönlich. Dabei heißt es nun nicht mehr: Wollen Sie ewig leben? Sondern: Was soll von Ihnen digital erhalten bleiben - für die Ewigkeit?

Von Florian Güßgen
 
 
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