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Bei Twitter notgelandet

Das erste Foto des im Hudson River notgelandeten Airbus' wurde nicht von Journalisten veröffentlicht, sondern von einem Bürger auf "Twitter". Das Flugzeugunglück ist nur das jüngste Beispiel für das Tempo, mit dem der Onlinedienst Nachrichten verbreiten kann. Aber was ist Twitter eigentlich?

Von Ralf Sander

"Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Ich bin auf der Fähre, die die Menschen aufsammeln wird. Verrückt." Im englischen Original umfasst die Meldung nur 67 Zeichen. Die wenigen Worte, direkt vom Geschehen, begleiten ein Foto, das inzwischen um die Welt gegangen ist: Es zeigt den notgelandeten Airbus A320 der U.S. Airways im eisigen Hudson River vor New York. Passagiere stehen dicht gedrängt auf einer schon von Wasser überspülten Tragfläche, andere sitzen auf einer aufgeblasenen Notrutsche.

Es ist das erste Foto überhaupt von dem notgewasserten Airbus - veröffentlicht Minuten nach der Notwasserung. Kein Fernsehsender, keine Nachrichtenagentur, keine Nachrichtenangebot war so schnell. Das beeindruckende Bild erschien zuerst im Internet, veröffentlicht über den Mikroblogging-Dienst Twitter. Der US-Amerikaner Janis Krums, von Beruf Ernährungsberater, wurde durch Zufall zum Bürgerjournalisten der Stunde: Als die Fähre, die er und viele andere Berufspendler gerade nutzten, sich der Unglücksstelle näherte, zückte er sein iPhone, machte das Foto und veröffentlichte es mithilfe des iPhone-Programms Twittelator auf Twitpic, einem Fotodienst für Twitter. Blitzschnell, unbearbeitet, sogar mit deutlich sichtbarem Dreck auf der Linse. Die Nachricht über das Foto raste durchs Netz, mehr als 60.000 Abrufe zwangen den Twitpic-Server zeitweise in die Knie. Die Nachrichtenagentur AP kaufte das Bild später und vertreibt es nun weltweit. Und Krums gibt der traditionellen Presse Interviews.

Das Foto das aktuellste Symbol für die Macht und Möglichkeiten des Web-Bürgerjournalismus - dank Twitter. In den vergangenen Monaten hatte der Webdienst bei Großereignissen wie dem Terroristenangriff in der indischen Hauptstadt Mumbai und dem Erdbeben in China bereits mehrfach durch eine Flut direkter Augenzeugenberichte für Aufsehen gesorgt. Und am 28.12.2008 twitterte der US-Amerikaner Mike Wilson, wie er sieben Minuten zuvor ein Flugzeugunglück überlebt hatte. Erst gezittert, dann getwittert. Doch wie funktioniert Twitter? Was macht die Faszination dieses Internetangebots aus, das zurzeit rund sechs Millionen Menschen weltweit nutzen?

Das ist Twitter

Twitter ist ein Kurznachrichtendienst im Web. Um das Angebot zu nutzen, ist eine einmalige kostenlose Anmeldung notwendig. Jeder kann Nachrichten von 140 Zeichen Länge - das sind 20 Zeichen weniger als bei einer SMS - über Twitter veröffentlichen. Diese Meldung kann auch einen Link zu einer Website enthalten. Wer diese Nachrichten lesen will, muss sie - ebenfalls kostenlos - abonnieren, dadurch wird man zum so genannten "Follower". Jeder Twitter-Nutzer ("Twit") kann sich bei jedem anderen eintragen. Mit einer simplen Kurznachricht - "Tweet" genannt -, ist es also möglich, auf einen Schlag fünf, 500 oder 50.000 Menschen zu erreichen. Jeder Follower kann seinerseits auf Tweets antworten, entweder öffentlich oder in einer privaten Nachricht, die nur der Absender lesen kann. Was bei Beiträgen wie "Ich liebe dich aber nicht!" oder "Vor der Kantine!" absolut sinnvoll ist.

Eine Stärke von Twitter ist, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, den Dienst zu nutzen: Das Webinterface unter twitter.com ist nur eine davon. Vor allem Mobiltelefone haben sich als beliebte Twitter-Geräte entpuppt: Wegen ihrer Kürze können Tweets auch per SMS befüllt werden. Die meisten Katastrophenberichte - wie auch das Crashbild vom Hudson River - sind per Handy auf Twitter geschickt worden. Außerdem gibt es zahlreiche nützliche Programme, die auf fast jeder denkbaren Plattform den Zugang zu Twitter erleichtern.

"Was tust Du gerade?"

Als Twitter 2006 von Jack Dorsey, Evan Williams und Biz Stone in San Francisco gegründet wurde, nahmen die ersten Nutzer den Slogan des Angebots wörtlich: "Was tust Du gerade?" steht in großen Lettern über der Eingabebox für die 140 Zeichen eines Tweets. Statusanzeigen aus dem eigenen Leben, das ist die Grundidee von Twitter. Ein Blog in Kurzform - deshalb wird Twittern auch als Mikroblogging bezeichnet. "Esse gerade vor dem Fernseher", "Bin in München", "Habe verschlafen, muss mich beeilen" - solche Nachrichten beherrschten Twitter in der Frühphase fast völlig. Twitter-Fans liebten es, ihre Freunde auf diesem Weg an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Kritiker hassten Twitter dafür, nur ein Chronist der Banalität des Alltags zu sein.

Trotz der banalen Einträge: Twitter traf den Nerv der Zeit und bot neben Social Communitys wie Facebook, Myspace & Co. eine weitere Gelegenheit, sich mit anderen zu vernetzen. Außerdem entdeckten Blogger als Twitter als Verbreitungsweg für Schlagzeilen, verbunden mit einem Link zum jeweiligen Artikel. Ein Idee, die inzwischen viele journalistische Webangebote übernommen haben. Auch viele deutsche Medien, darunter einige Ressorts von stern.de nutzen Twitter, um über die Nachrichtenlage oder Neuigkeiten aus der Redaktion zu berichten.

Die Nachfrage wuchs, so schnell, dass die Server häufig schlapp machten und es zu stundenlangen Ausfällen kam. Auch heute noch kommt es gelegentlich zu kürzeren Aussetzern.

Heute nutzen rund sechs Millionen Menschen Twitter. Laut dem Marktforschungsunternehmen Hubspot kommen pro Tag zwischen 5000 und 10.000 neue Nutzer hinzu, die Userbasis wachse um rund 600 Prozent pro Jahr. Twitter wird erwachsen.

Im vergangenen Jahr hat Twitter einen Reifegrad erreicht, der das Angebot auch interessant macht für Menschen, die an dem Leben der Anderen nicht bis ins Detail teilnehmen wollen. Twitter kann eine Quelle sein für Informationen, für Nachrichten aus aller Welt, wie es sie sowohl in Form als auch Geschwindigkeit in dieser Form bisher nicht gab: Der künftige US-Präsident Barack Obama zum Beispiel nutzte Twitter intensiv während seines Wahlkampfes. Er hat mehr als 100.000 Follower - und veröffentlichte den Namen seines Vize-Kandidaten zuerst auf diesem Wege. Nach der gewonnen Wahl wurde es zunächst ruhig im präsidialen Twitter-Kanal, doch jetzt ist er wieder zum Leben erwacht. Pünktlich zur Amtseinführung am Dienstag.

Was stimmt, was nicht?

Zum Erwachsenwerden von Twitter gehört aber auch eine Diskussion über die Glaubwürdigkeit dessen, was es dort zu lesen gibt. Im Fall des Hudson-River-Fotos gibt es keine Zweifel an seiner Authentizität. Aber wer kann sagen, ob ein Hilferuf echt ist? Ob ein Twitterer wirklich gerade den Angriff von Terroristen beobachtet? Vielleicht irrt er sich einfach? Oder er ist ein Spinner. Vor einigen Tagen verschaffte sich ein Hacker Zugriff zu verschiedenen Twitter-Profile und veröffentlichte unter anderem im Namen von Obama, aber auch von Britney Spears allerhand unsinnige Beiträge. Der Scherz war offensichtlich - in diesem Fall. Angesichts der wachsenden Bedeutung von Twitter eine Gefahr, die nicht ignoriert werden darf.

Bisher ist alles gut gegangen, und Twitter konnte sich beweisen. IT-Journalist Charles Cooper schreibt in seinem Blog auf Cnet, er fühle sich im Moment an die späten 1990er erinnert, als das World Wide Web den Reiz des Neuen verlor und zeigen musste, wofür es wirklich gut ist.

Was auch immer die Zukunft bringen wird, wir werden es schneller erfahren denn je - zumindest in einigen Fällen. Wie alle modernen Kommunikationsmittel ist auch Twittern nicht überall auf der Welt üblich und möglich. In Asien schon, in Afrika eher nicht. Doch wenn in den USA die Twitter-Gründer endlich entschieden haben, wie sie mit dem komplett kostenlosen und, außer in Japan, werbefreien Angebot Geld verdienen wollen, werden wir es zuerst auf Twitter lesen.

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