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Mauer des Schweigens in China

Googles Drohung, sich aus der Volksrepublik zurückzuziehen, lässt die meisten Bewohner des Landes kalt. Das Reich der Mitte hat sich längst sein eigenes riesiges Intranet geschaffen.

Von Christiane Kühl, Shanghai

Es war eine Drohung an den Machthaber. Doch getroffen hat sie erst einmal Chinas Internetnutzer, zumindest einige, Leute wie Connie Fan, eine Finanzanalystin, die lange nach Worten suchen muss, um zu beschreiben, was es für sie bedeutete, sollte sich Google wirklich aus China zurückziehen. "Wenn Google weg ist", sagt sie, "dann ist das so, als würde ich einen Arm verlieren."

Sicher, sie übertreibt, aber was sie sagen will: Für sie ist Google.cn ein wichtiger Teil des Lebens, und wie ihr geht es vielen Studenten, Wissenschaftlern und Wirtschaftstreibenden. Und doch ist die Zahl der, die in Sorge sind, kleiner, als viele im Westen denken. Was hier die Menschen bewegt, ist in China nur Randthema. Denn nur knapp ein Drittel der chinesischen Internetsurfer nutzen Google überhaupt. Die Masse der Menschen nutzt lieber Baidu.

Der Westen hat wenig zu melden

Die chinesische Suchmaschine ist der wichtigste Teil eines riesigen Intranets, das sich China geschaffen hat. Die großen westlichen Namen haben wenig zu melden im zweitgrößten Internetmarkt nach den USA. Yahoo und Ebay haben sich zurückgezogen. Myspace dümpelt vor sich hin. Facebook, Twitter und Youtube sind gesperrt. Doch es sind nicht allein die Zensoren, die diese Kapitulation bewirkt haben. Sie hat auch kulturelle und sprachliche Gründe. Und so scheinen sich erstaunlich viele Chinesen in ihrem Intranet wohlzufühlen.

Die Suchmaschine Baidu ist dafür zum Sinnbild geworden. Obwohl Google in den vergangenen Jahren viel Geld in das Chinageschäft gesteckt hat und obwohl Google in der vorgeschriebenen Selbstzensur ein Drittel weniger Begriffe streicht als Baidu, so beherrscht doch die chinesische Suchmaschine den Markt, führt weit mehr als die Hälfte der Suchaufträge der 360 Millionen Nutzer in China aus. Diesen Erfolg hat sie auch, weil sie die Nutzer besser kennt und sich auf ihre Bedürfnisse einstellt. Längst nicht jeder Chinese spricht gut genug Englisch, um fremdsprachige Seiten zu besuchen. Dazu kommt, dass Google sich schwertut, sein Angebot an die chinesische Schriftzeichensprache anzupassen.

Und so nutzen selbst gebildete Surfer Google oft nur ergänzend, vor allem wenn sie auf der Suche nach internationalen Informationen sind, die Baidu nicht im gleichen Maß anbietet. "Bei Google.cn gebe ich bei Suchanfragen immer Mischungen aus Chinesisch und Englisch ein", sagt etwa die 28-jährige Surferin Chen Linyang. Mit reinem Chinesisch bekomme man bei Baidu einfach mehr und detailliertere Treffer.

Der Rückzug Googles würde Baidu zum Monopolisten machen. Und wäre die Krönung für ihren Gründer, Robin Li. Der Arbeitersohn aus der Provinz Shanxi hatte seine ersten Versuche mit Suchmaschinen in den USA gemacht, bei einer Dow-Jones-Tochter im Silicon Valley. Als China sich zu vernetzen begann, ging er zurück in seine Heimat, ausgestattet mit 1,2 Mio. US-Dollar von amerikanischen Wagniskapitalgebern.

2003, drei Jahre nach der Gründung, war Baidu Chinas führende Suchmaschine. Und zwei Jahre später legte Baidu an der Nasdaq das beste Börsendebüt der Dekade hin: Der Kurs stieg am ersten Tag auf das Vierfache des Ausgabepreises. Heute hat Baidu 7000 Angestellte und eine Marktkapitalisierung von 13 Mrd. US-Dollar. Robin Li ist laut der Liste des US-Magazins "Forbes" der siebtreichste Chinese.

Baidu-Gründer ist ein Popstar

Bei einer Konferenz im November wurde der 41-Jährige von kreischenden Fans umlagert, "China Daily" schrieb: "Viele sehen Li eher als einen Popstar denn als einen Geschäftsmann. Bewundernde Massen umringen den gut aussehenden, reichen und talentierten Guru, wann immer er in der Öffentlichkeit auftaucht."

Dabei ist Baidu nicht unumstritten, selbst bei unkritischen Nutzern. Einige Male in den vergangenen Jahren hat sich die Suchmaschine den Ärger der Bürger zugezogen. So hatte sie bezahlte Anzeigen unter die Ergebnisse gemischt, ohne den Nutzer darauf hinzuweisen. Und es tauchte im Netz ein Dokument auf, laut dem die Suchmaschine Geld von einer Milchfabrik angenommen hatte und im Gegenzug Suchergebnisse löschte - Ergebnisse, die Hinweise auf die Verseuchung von Babymilchpulver enthielten, die später das ganze Land erschütterte. Doch selbst das konnte der Firma nicht wirklich etwas anhaben. Zu stark ist ihre Macht im Markt.

Wie Baidu geht es vielen chinesischen Internetfirmen. Sie haben die Nutzer auf ihrer Seite und schlagen einen westlichen Eindringling nach dem anderen aus dem Feld. So wurde China für Yahoo nur zu einem Intermezzo. 2004 hatten die Amerikaner eine lokale Internetfirma gekauft, um Baidu und die erfolgreichen Nachrichtenseiten Sina.com und Sohu.com anzugreifen.

Der Plan ging nicht auf, Yahoo leistete sich einen bösen Fehler, als es die Identität des kritischen Bloggers Shi Tao an die Behörden weitergab und Menschenrechtsaktivisten auf der ganzen Welt gegen sich aufbrachte. Noch heute sitzt Shi Tao in Haft. Auch wirtschaftlich kam Yahoo nicht gut voran. Schließlich übernahm die chinesische Firma Alibaba.com Yahoos Chinageschäft. Im Gegenzug beteiligten sich die Amerikaner mit 40 Prozent an Alibaba, heute die weltgrößte Plattform für E-Commerce. Sicher, Yahoo profitierte finanziell vom Alibaba-Börsengang im Jahr 2007. Doch der China-Einstieg gilt als gescheitert.

Für Ebay wurde Alibaba gar zum Albtraum. 2003 hatte sich das Auktionshaus in den Markt eingekauft und diesen kurzfristig dominiert. Doch dann brachte Alibaba seinen Marktplatz Taobao.com ins Netz. Während Ebay Geld verlangte, durften Taobao-Verkäufer ihre Waren kostenlos ins Netz stellen. Dazu bot Taobao Live-Chats und einen Instant-Message-Dienst an. Die Chinesen wussten, wie wichtig solche Tools für ihre Landsleute sind, um Vertrauen vor dem Kauf herzustellen. 2006 zog sich Ebay aus dem Markt zurück.

Facebook & Co. sind gesperrt

Auch die jüngeren Internetgrößen wie Facebook, Youtube und Twitter spielen in China keine Rolle. Sie sind gesperrt. Und das ohne großen Widerstand der Nutzer. Wer braucht Facebook, so scheint es fast, wenn er Kaixin hat mit seinen 60 Millionen Usern? Und Youtube heißt in China eben Youku. Und wer twittern will, geht zu Fanfou. Myspace ist nicht blockiert, und doch ignorieren es die meisten chinesischen Surfer. Sie nutzen lieber Tencent, dessen Instant-Messaging-System Hunderte Millionen Fans besitzt.

Kein Wunder also, dass viele User wenig Anteil an der Debatte um Google nehmen. "Baidu ist doch gut genug", sagt Wang Li, eine 23-jährige Buchhalterin, die bei einer Staatsfirma arbeitet. Noch nie habe sie das Web auf Englisch genutzt oder bei Google eine Suche gestartet.

Auch die staatliche Presse spielt die Debatte herunter. "Es ist sinnlos, die Dinge zu übertreiben und aus einer geschäftlichen Angelegenheit einen politischen oder diplomatischen Streit zu machen", kommentierte die Nachrichtenagentur Xinhua.

Selbst die Google-Fans halten sich mit Protesten zurück. "Ich bin traurig", sagt Peter Meng, der einen DVD-Laden besitzt. Aber ein Grund zum Verzweifeln sei das nicht. "Wir haben uns daran gewöhnt, Wege zu finden, um an Informationen zu kommen, das werden wir auch weiter tun." Wer sich mit Technik auskennt, der geht über Proxy-Server oder VPN-Tunnel auf verbotene Seiten. Außerdem tauchen Blogs, die verschwinden, anderswo oft wieder auf, so eine Studie der amerikanischen Internetexpertin Rebecca MacKinnon. "Eine große Zahl politisch sensiblen Materials überlebt in der chinesischen Blogosphere."

Noch ist offen, ob Google sich zurückzieht. Eine Sprecherin des Konzerns kündigte an, Google werde in den kommenden Wochen das Gespräch mit der Regierung in Peking suchen. Die Themen: Zensur und Hackerangriffe. Kommt es dann tatsächlich zum Bruch, so könnte dies den Machthabern mehr Ärger bereiten, als diese zugeben möchten.

Trotz der Stärken von Baidu, trotz anderer, verdeckter Recherchemöglichkeiten ist Google für eine junge elitäre Gruppe von Chinesen mehr als eine Suchmaschine. Es ist ein Symbol. "Wenn der Prozess weitergeht, werden sich mehr und mehr Menschen bewusst, dass ihr Recht auf Meinungsfreiheit verletzt wird", sagte Journalismusprofessor Hu Yong von der Universität Peking der "New York Times". "Das könnte Veränderungen bewirken."

Noch ist die Zahl der Widerständler klein; doch der Pekinger Technologieberater Kaiser Kuo sieht in ihnen einen "potenziell sehr, sehr lauten Kreis". Sie werden das Regime zu ärgern wissen, wenn ihnen der Zugang zu Software, Fachliteratur oder auch nur den neusten Folgen von "America's Next Topmodel" verwehrt wird.

Die nächsten Wochen werden spannend für alle. So hat Google bereits begonnen, die Zensur zurückzufahren. Wie die Behörden nun reagieren werden, ist unklar. Am Sonntagabend zumindest war die Google-Seite noch im Netz - einschließlich Fotos vom Tiananmen-Massaker von 1989.

FTD

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