Wenn es darum geht, in den Milliarden Seiten im Internet etwas aufzustöbern, fragt jeder die Suchmaschine Google - was die nicht weiß, gibt es nicht im Netz. Begonnen hat die Erfolgsstory mit sechs Leuten in einer Küche.

Seit Sergey Brin (li.) und Larry Page vor fünf Jahren ihren Internet-Spürhund von der Leine ließen, stehen die bunten Farben des Firmen-Emblems für erfolgreiches Suchen im Daten-Gewühl.© Agentur Joker
Man muss nicht Nicole Kidman oder Robert De Niro heißen, um im Hotel Bel-Air behandelt zu werden wie ein Star - aber es hilft, auf ein paar Seiten im Internet erwähnt zu werden. Denn jeder, der in dem Hotel in Los Angeles absteigt, wird vor der Ankunft von einer Sekretärin digital durchleuchtet: Den ganzen Tag verfüttert die Dame Gästenamen an die Internet-Suchmaschine Google, um zu sehen, was sich über Neuankömmlinge herausfinden lässt. Yoga-Freunde bekommen ungefragt ein Zimmer in Richtung aufgehende Sonne, Tierliebhaber in vierbeiniger Begleitung einen silbernen Fressnapf für Wauwi. "Unsere Gäste wissen es zu schätzen, dass wir uns so viel Mühe geben", sagt die Hotelmanagerin Lisa Hagen - und bei Preisen von bis zu 3000 Dollar pro Nacht erwarten sie es wohl auch. Dennoch: eine Google-Suche? "Wir posaunen das natürlich nicht heraus", sagt Hagen. "Die Gäste wissen gar nicht, woher all diese Kleinigkeiten kommen - sie spüren sie einfach nur." Beschwert, sagt Hagen, habe sich jedenfalls noch keiner.
Schließlich googelt die ganze Welt: Acht von zehn Suchanfragen im Netz landen auf einem Google-Rechner, weit über 300 Millionen am Tag. Sogar das Verb gibt es schon. Internetnutzer "googeln" Freunde, Nachbarn, Fremde, Nachrichten, Wer-wird-Millionär-Fragen, Krankheiten, Sonderangebote, Urlaubsziele, Hollywood-Stars, das Wetter und natürlich Sex. So etwas im Brockhaus, den Gelben Seiten oder dem Duden nachzuschlagen wäre früher viel zu lästig gewesen.
Google ist einer der letzten verbliebenen Internet-Erfolge. Jetzt versetzt die Über-Suchmaschine auch die Finanzwelt in helle Aufregung: Spätestens Ende April 2004, schätzen Insider, wird das Unternehmen an die Börse gehen. Dann nämlich muss Google laut US-Vorschriften ohnehin seine Bilanzen offen legen, auch als Unternehmen in Privatbesitz. Ein Börsengang scheint da nur konsequent. Mitgründer Sergey Brin gibt sich betont gelassen. Der Börsengang, sagt er, sei "definitiv etwas, worüber wir nachdenken", aber Priorität habe er nicht: "Ich hoffe doch, dass wir der Welt einen größeren Dienst erweisen, als einfach nur die Wall Street zu beglücken."
Der Idealismus ist glaubwürdig. Als Brin und sein Freund Larry Page die Suchmaschine vor fünf Jahren gründeten, war ihnen Profit egal. "Die beiden verbrachten viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie sie kein Geld verdienen: Es durfte keine Werbebanner geben, keine Nutzer-Registrierung, keine Reklame-Mail", erinnert sich ein Mitarbeiter. Page und Brin versuchten ganz selbstlos, den Menschen das Internet leichter zugänglich zu machen.

Legendär - die anlassabhängigen Variationen des Google-Schriftzuges: hier das Emblem zum fünfjährigen Jubiläum
Das ist ihnen gelungen: "Man gibt ein, was man sucht - und sofort ist das Ergebnis da", schwärmt Petra Ullmann. Die 28-jährige Berlinerin jobbt bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und verlässt sich auf die Internet-Suchmaschine, um als Geisteswissenschaftlerin unter lauter Technikern und Ökonomen nicht unangenehm aufzufallen: "Google ist der diskrete Retter vor Peinlichkeiten, wenn ich mal wieder einen wichtigen Menschen aus Politik oder Wirtschaft nicht kenne", sagt sie.
Vor Google nannte man Suchmaschinen noch Suchmaschinen, weil sie suchten, anstatt zu finden. Was Hotbot, Fireball und die anderen WWW-Spürhunde anschleppten, stiftete oft mehr Verwirrung, als zu helfen. Wer "Mercedes" eingab, landete vielleicht beim Club der Benz-Liebhaber, einer Liste mit französischen Vornamen oder der Sängerin Mercedes Sosa - aber selten gleich bei www.mercedes-benz.com. Bis Google kam, diese schlichte Seite mit dem drolligen Namen, der sich von Googol ableitet, dem Begriff für eine Eins mit hundert Nullen.
Allein in Deutschland zählt Google mehr als 40 Millionen Nutzer im Monat: 15 Millionen suchen bei Google.de, der Rest bei den Partnerseiten T-Online, AOL und Yahoo. Nirgendwo lässt sich besser beobachten, nach welchem Wissen die Welt gerade dürstet, als im "Googleplex", dem Hauptquartier der Firma im Silicon Valley südlich von San Francisco: vier beige-braune, doppelstöckige Gebäude, die sich neben dem Highway 101 über einen weitläufigen Industriepark verteilen. Gleich hinter der kalifornisch gebräunten, adretten Empfangsdame hängt eine elektronische Anzeigentafel, über die im Halbsekundentakt die neuesten Suchanfragen laufen - "bikini models", "horoscopos", "Das Böse im historischen Kontext", viel Englisch, etwas Spanisch, gelegentlich auch Deutsch oder Französisch.

Der 28 Jahre alte Student Matt Sargent geht erst dann in die Uni-Bibliothek, wenn seine Recherche bei Google keinen Erfolg hatte.© Elena Dorfmann
Keine Frage, sagt der Engländer Danny Sullivan, Suchmaschinen-Experte und Betreiber der Website Searchenginewatch.com: "Google ist für viele gleichbedeutend geworden mit Nachschlagen im Internet. Die Leute kennen gar keine anderen Suchmaschinen mehr." Selbst wenn sie wissen, dass es noch andere gibt, machen sie sich selten die Mühe, sie zu besuchen.
"Wenn Google etwas nicht findet, dann gibt es das im Netz auch nicht - und es wird Zeit, in die Bibliothek zu gehen", sagt Matt Sargent, ein 28 Jahre alter Doktorand in mittelalterlicher Geschichte an der Universität Berkeley. Sargents Studienfreundin Amelia Borrego, 23, verlässt sich selbst bei Seiten, die sie schon kennt, auf Google: Kurz neu suchen ist einfacher, als die Adresse zu speichern. Gern googelt Borrego ihre Ex-Freunde - und freut sich, wenn sie feststellt, dass die Kerle noch genau die gleichen Loser sind, denen sie den Laufpass gegeben hat. Umgekehrt ist es ihr eher peinlich: Bis vor kurzem, erzählt Borrego, förderte Google hartnäckig eine Poesie-Seite aus ihren Schulzeiten zutage. "Die Leute sollen nicht gleich über meine angsterfüllten Teenie-Gedichte stolpern." Matt Sargent hat schon öfter Damen gegoogelt, mit denen er verabredet war: "Man trifft sich mit einer Frau, der man noch nie begegnet ist, und hat trotzdem das Gefühl, sie schon ein bisschen zu kennen", erklärt er.

Amelia Borrego, 23, fahndet bei Google nach Ex-Lovern - und freut sich, wenn die es noch immer nicht zu was gebracht haben.© Elena Dorfmann
Wie schaffen, immer genau das Richtige zu finden? Um zu gewichten, was die 30.000 Rechner im Dickicht von 3,3 Milliarden erfassten Internetseiten aufstöbern, verlässt sich die Suchmaschine auf ein höchst altmodisches Prinzip: Mundpropaganda. Wenn auf eine Website viele Querverweise von anderen Seiten zeigen, dann wird sie wohl von anderen als wichtig angesehen und muss etwas taugen, so die Google-Logik. Folglich rutscht die Seite in der Trefferliste nach oben.
Als Larry Page und Sergey Brin, beide Studenten an der Uni Stanford, im Sommer 1998 ihre Idee Investoren vorführten, regnete es Startkapital. Von Anfang an hatten die beiden Entwickler ihr Ziel klar vor Augen: "Wir wollen nicht einfach nur so groß werden wie andere Suchmaschinen", erklärte Brin, ein gebürtiger Moskauer, schon Anfang 1999. "Wir wollen so groß werden wie Yahoo und Amazon." Das klang kurios, denn Google bestand zu jener Zeit aus genau sechs Angestellten, die sich in der Küche eines gemieteten Reihenhauses in Menlo Park drängelten: dem "Google-Welthauptquartier", wie ein Pappschild neben der Klingel annoncierte.
Heute dagegen ist der Größenwahn Realität: Investmentbanker schätzen den Wert der Firma auf 15 bis 25 Milliarden Dollar - und das ist die Liga von Yahoo, Amazon und VW. Den Umsatz schätzen Analysten auf irgendwo zwischen 400 Millionen und einer Milliarde Dollar in diesem Jahr. Omid Kordestani, Googles Marketingchef, sagt dazu breit grinsend: "Nach allem, was ich weiß, liegen wir über all diesen Zahlen." Was er gern bestätigt, ist, dass Googles Geschäfte "hoch profitabel" sind, und zwar schon seit fast drei Jahren.
Aus zwei Quellen sprudelt Googles Geld: Zum einen zahlen Partner wie T-Online, AOL und Yahoo dafür, ihren Kunden wohlsortierte Suchergebnisse präsentieren zu dürfen. Zum anderen ist Google eine der wenigen Firmen, die bewiesen haben, dass sich mit Werbung im Internet tatsächlich Geld verdienen lässt: Rechts neben den Suchergebnissen werden Links auf die Angebote zahlender Werbekunden präsentiert - und zwar passend zu den Suchbegriffen, die der Nutzer gerade eingegeben hat. Sie sind hinreichend von den Treffern getrennt, um nicht zu nerven, aber auffällig genug, um sie für Werbekunden attraktiv zu machen. "Anzeigen, die unsere Nutzer hilfreich finden", nennt Brin das. Mehr als 150.000 Firmen zahlen für solche Annoncen - und zwar nur dann, wenn tatsächlich jemand draufklickt.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2003