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20. Juli 2011, 11:56 Uhr

Leben +1

Meine neue Heimat heißt Google+. Dort geht geradezu ein Traum in Erfüllung: Ich kann ganz neu anfangen und kehre zu einem Urzustand zurück, den ich anderswo nie wieder erreiche. Von Martin Virtel

Google+, Facebook

Bei Google+ ist alles noch so schön weiß und aufgeräumt© Google/FTD

Hamburg kann einpacken. Seit Ende letzter Woche habe ich eine neue Heimat. Mein Kiez hat weite, weiße Flächen bis zum Bildschirmrand, und in ihm wohnen freundliche Menschen auf quadratischen Fotos. Sie reden klug und nacheinander, versammeln sich in dezent farbigen Kreisen und machen sich und die Umgebung positiver mit jedem Klick - statt wie anderswo vielspaltig blinkend durcheinanderzuplappern und Dinge gut zu finden.

Hört sich ein wenig nach Montessori-Kindergarten an, ist es im Grunde auch, aber natürlich lange nicht so analog. Google+ heißt dieser Ort, das ist auch schon fast sein einziger Nachteil. Google+ liegt im Internet und ist schwer zu verfehlen. Gleich wenn man reinkommt, stolpert man über eine Einladung, oder man wird von einem kleinen Willkommensgruß mit abgerundeten Ecken aufreizend angeblinkt: "+1". Und trotzdem herrscht, ist man eingetreten, vor allem - Ruhe.

Sicher, ich könnte dafür auch in eine leere Kneipe gehen. Und falls ich die vielen sinnlos bei Facebook zusammengeklickten Freunde loswerden wollte, gäbe es andere Wege. Aber bei Google+ kann ich mehr. Ich kann neu anfangen und kehre in einen Urzustand zurück, den ich anderswo in der Welt und im Netz nie wieder erreiche: Niemand weiß, wer und was ich bin, Junge oder Mädchen. Und ich werde es auch nicht sagen.

Natürlich könnte ich diese Information auch bei Facebook verstecken - aber da bin ich ja bereits bekannt, ebenso in der realen Welt. Nun kann ich endlich damit an die Öffentlichkeit gehen, dass ich - so die Einschätzung von der anderen Court-Hälfte - "Squash wie ein Mädchen" spiele. Oder intimlebenmäßig immer auf einem Vorspiel bestehe. Oder was auch immer man in diese neue, weiße Welt hineinschreiben kann. Ich kann's jetzt. Kennt mich ja keiner. Was für ein Segen das Internet doch für die Privatsphäre ist.

Gefunden in ...

Gefunden in ... der Onlineausgabe der Financial Times Deutschland"

Von Martin Virtel
 
 
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