Drucken | Fenster schließen    

Nordkoreas Diktator ist "Person des Jahres"

13. Dezember 2012, 17:02 Uhr

Obama, Baumgartner, Mursi - sie alle mussten sich Nordkoreas Jungdiktator Kim Jong Un geschlagen geben. Er wurde in der "Time"-Abstimmung zur Person des Jahres gewählt - mit Hilfe vieler Hacker. Von Christoph Fröhlich

Kim Jong Un, Time, Magazin, Person des Jahres, Vote, Abstimmung, Wahl, Nordkorea

Kim Jong Un, Nordkoreas Jungdiktator, wurde von Internetnutzern zur "Person des Jahres" gewählt.©

Nicht allzu oft kommen in so kurzer Zeit so viele frohe Botschaften nach Nordkorea wie in diesen Tagen: Glaubt man asiatischen Medien, wurde Kim Jong Un, der pausbäckige Jungdiktator aus Pjöngjang, jüngst zum "Sexiest Man Alive" gewählt. Zwar handelte es sich in Wirklichkeit um die Satire einer US-Website, allzu genau werden es die Machthaber in Nordkorea aber sicherlich nicht mit der Wahrheit genommen haben. Es gab schließlich auch Wichtigeres zu tun: Zuletzt haben seine Gefolgleute eine riesige Rakete ins All geschossen, zuvor sorgten sie mit der angeblichen Entdeckung einer Einhornhöhle für weltweites Aufsehen.

Seit Donnerstag ist der mit viel Masse und Macht ausgestattete Herzensbrecher aus Pjöngjang um einen Titel reicher: Er ist nun nicht nur erster Vorsitzender des Nationalen Verteidigungskomitees Nordkoreas, Oberkommandierender der Volksarmee und erster Sekretär der Partei, sondern auch die "Person des Jahres" der Online-Ausgabe des renommierten "Time"-Magazins. Wie konnte das passieren?

Die Macht des Schwarms

Bis Mittwochnacht konnten die Leser über die einflussreichste Person des Jahres abstimmen, mit mehr als 5,6 Millionen Stimmen gewann Nordkoreas Anführer deutlich und ließ Größen der Weltgeschichte wie Barack Obama, Ägyptens Staatspräsident Mohammed Mursi oder den Mars-Rover "Curiosity" der US-Weltraumbehörde Nasa hinter sich.

Doch wer die Rangliste genauer anschaut, dürfte schnell skeptisch werden: Auf Platz zwei folgt der US-Komiker Jon Stewart, der dritte geht stellvertretend an alle illegalen Einwanderer. Und: Liest man die Anfangsbuchstaben der ersten 13 Platzierten, ergibt sich "KJU GAS CHAMBER", auf Deutsch "Kim Jong Un Gaskammer". Verantwortlich für diesen zweifelhaften Scherz, der als Kritik gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in Nordkorea verstanden werden soll, ist das Internetforum "4chan", das als Wiege des Hackerkollektivs Anonymous gilt. Seit dem 26. November manipulierten zahlreiche Nutzer des Bildertauschforums die Rangliste, bis dahin stand Mohammed Mursi auf dem ersten Platz, der vor wenigen Ausgaben vom "Time"-Magazin als "wichtigster Mann im Mittleren Osten" bezeichnet wurde.

Gerade einmal sieben Tage brauchten die Scherzbolde von "4chan", um Mursi vom ersten Platz zu verdrängen. Gelungen ist ihnen das mit Programmen zur massenhaften Stimmenabgabe, die über einschlägige Communityseiten wie "reddit" oder "dailydot" verbreitet wurden. Fünf Tage später war dann auch die Geheimbotschaft zu lesen, Mursi, Obama und Co. waren mittlerweile weit abgeschlagen und nicht einmal in den Top Ten. Mit laut eigener Aussage etwa 22 Millionen Besuchern im Monat und mehr als 550 Millionen Aufrufen ist "4chan" eines der größten Internetforen der Welt.

Nur zum Spaß

Es ist nicht das erste Mal, das "4chan" die Wahl des "Time"-Magazins manipuliert: Bereits 2009, als der US-Notenbankchef Ben Bernanke das Heftcover als "Person des Jahres" zierte, erlaubten sich die Forennutzer einen Spaß und wählten mit mehr als 16 Millionen Stimmen den damals 21-jährigen "4chan"-Gründer Christopher Poole, im Netz besser bekannt als "moot", zur bedeutendsten Person. Das "Time"-Magazin akzeptierte damals den Ausgang der offensichtlich manipulierten Abstimmung. "Ich möchte jeden, der an dem Ergebnis zweifelt, daran erinnern, dass es sich bei diesem Ergebnis um eine Internet-Wahl handelt", erklärte die Online-Ausgabe "time.com" das für viele Leser überraschende Ergebnis.

Böswillige Späße gehören zum Wesen von "4chan": 2008 schafften es die Nutzer, die "Hot Trends" der Google-Suche so zu manipulieren, dass statt eines Worts ein Hakenkreuz angezeigt wurde. Google musste sich daraufhin bei seinen Nutzern entschuldigen. Zwei Jahre später fluteten Nutzer des anonymen Bilderforums das Videoportal Youtube mit massenhaft pornografischen Inhalten, die mit harmlos klingenden Titeln verschleiert wurden.

Hier können Sie dem Verfasser auch auf Twitter folgen.

© 2014 stern.de GmbH