Im Dorf der DSL-Gräber

17. August 2007, 14:15 Uhr

Ein Dorf in Ostwestfalen hätte so gerne DSL. Die Telekom scheut aber die Kosten für die Verlegung der nötigen Kabel. Was tun die Dörfler? Sie graben sich ihren Weg zum schnellen Internet einfach selbst. Von Matthias Lauerer

Hegensdorf - idyllisch, aber ohne DSL. Noch©

Schier Unglaubliches geschieht zurzeit in einem Dorf in Ostwestfalen. Jahrelang hatte man den 950 Hegensdorfer Bürgern einen DSL-Anschluss rigoros verweigert. Der Telekom erschien die teure Verlegung eines Breitband-Abzweigs für die 320 Telefonanschlüsse in das kleine Dorf als nicht lohnenswert genug. Und so nimmt die engagierte Dorfgemeinde jetzt ihr Schicksal selbst in die Hand, um in Zukunft mit DSL-Geschwindigkeit im Internet zu surfen.

Seit vergangenen Samstag Punkt acht Uhr in der Frühe wird in dem kleinen Dorf fleißig mit Schaufel, Spitzhacke und zwei Baggern gebuddelt. Das Ziel: das nur 1.300 Meter entfernte Glasfaser-Breitbandnetz der Deutschen Telekom. Dort will man in 90 Zentimeter Tiefe den Anschluss an die Zukunft erreichen. Auf die Idee kam Frank Pittig, 31, vor drei Jahren. Damals war der Bertelsmann-Controller ins Dorf gezogen und musste dann mit Entsetzen feststellen, dass es hier nur mit einem langsamen 56k-Modem möglich war, ins Internet zu gelangen. Zwei lange Jahre verhandelte Pittig mit der ehemaligen Staatsbehörde, kämpfte intensiv um DSL für Hegensdorf. Die Deutsche Telekom weigerte sich, die 40.000 Euro Kosten, die die Verlegung und der Anschluss ans Netz kosten würden, zu übernehmen. So kam Pittig vor einem Jahr auf die Idee, sich mit der Hilfe der Dorfbewohner einfach selbst zum Anschluss durchzugraben: "Ganz Deutschland hat DSL, nur wir nicht! Ich habe sogar nach Funk-Alternativen gesucht.

Telekom hat zugestimmt

Möglich ist das Graben, weil die Telekom ihm vor einem Jahr bei der technischen Machbarkeit des Projekts zustimmte. Bereits im nahen September will man es dann geschafft haben - spätestens. Kosten nun: 10.000 Euro, die die Dorfgemeinschaft zum Teil selbst trägt. Schon 500 Meter des 1.300 Meter langen Weges legte die muntere Grabe-Gruppe mittlerweile zurück: "In unserem Ort leben viele Baufachleute. Dann ließe sich doch auch ein Leerrohr zwischen Bornefeld und Alter Weg am Ortseingang so verlegen, in das sich das DSL-Kabel einbetten ließe." So sagt es die Ortsvorsteherin Maria Lummer, 52. Denn: Unter dem Hegensdorfer Feld wurde vor 14 Jahren das Glasfaserkabel der Telekom verlegt. Eigentlich rauschen also die Informationen mit Hochgeschwindigkeit längst in der Nähe des Dorfes vorbei. Lummer ist von den Aktivitäten ihres Dorfes hellauf begeistert. "Gestern Abend kam spontan ein junger Mann vorbei und verteilte aus seiner Plastik-Tüte Würstchen für alle." Die hatte der Metzger gespendet. Kostenlos. Junge Frauen kochen Kaffee und verteilen auch kostenlose belegte Brötchen. Das Ganze hat den Charme eines Happenings.

Bis zu 50 Grabende

Auch Lummers Sohn Hendrik, 25, grub gestern mit: "Ich war zwei Stunden vor Ort und habe Abends gegraben. Ich finde gut, was hier passiert. Besonders die tolle Gemeinschaft gefällt mir", sagt der Student der Landwirtschaft. In Spitzenzeiten graben bis zu 50 Personen, im Schnitt sind es stets acht bis 15. Selbst die einzige Schwierigkeit zum lange gehegten DSL-Traum umschifften die Hegensdorfer galant. Denn das nötige Rohr muss auch unter zwei Straßen verlegt werden. Hier hilft ein Fachunternehmen, dass den Dörflern ein faires Angebot machte. Bezahlt wird das Projekt von der Dorfgemeinschaft. Selbst die Volksbank beteiligt sich am Projekt. Der Grund: die Kreisbehörden wünschen sich die Pflanzung von 15 Eichen. Die Kosten für den Baum-Kauf will nun die Bank übernehmen. Außerdem positiv: Kein Bürger verweigerte die Grabungen im eigenen Garten und durch die Getreidefelder, niemand wollte dafür entschädigt werden.

So wird es im rebellischen Dorf in Ostwestfalen-Lippe schon bald möglich sein, sich auch die 1996er Luftbilder auf der netten Dorfweb-Seite www.hegensdorf.de blitzschnell anzusehen. Getreu nach dem Motto: DSL, wir kommen!

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KOMMENTARE (10 von 11)
 
ailenrog (18.08.2007, 13:33 Uhr)
Typisch Telekom...
Hut ab vor den Dörflern. Leider ist "unser" Dorf für ein solches Engagement schon wieder zu groß. Als wir hierher gezogen sind (vor zwei Jahren) stellten wir mit Entsetzen fest, dass die Telekom nur 348er DSL light anbietet. Also mit der Geschäftskundenberatung Kontakt aufgenommen und nach Alternativen gefragt. Trotz monatelangem hin- und her keine Lösung. (Im nächsten Dorf gibt's schnelles DSL, aber wir sind zu weit vom nächsten Konzentrator weg, die Dämpfung der Leitung ist zu hoch...). Dann kam letzes Jahr Arcor... Arcor nutzt die Telekom-Leitungen, schafft es aber, uns wenigstens 2000er DSL zu bieten. Klare Entscheidung, wir sind von der Telekom zu Arcor gewechselt... und träumen nachts von wirklichem High-Speed-DSL...
PS.: Auch bei uns gibt es keinerlei Alternativen wie z.B. Funk oder Kabel. Wir haben wirklich alle Alternativen abgeklopft... uns geht es nicht nur um schnellen Download, sondern auch um passable Upload-Raten, da wir beruflich bedingt oftmals große Datenpakete über's Netz schieben (müssen). Und wenn zwei Leute auf der gleichen mickrigen 384-er Leitung hängen, wird schon allein das surfen im Netz zur Qual, kommt dann noch Empfang oder Versand von größeren eMails hinzu, kann man in der Zwischenzeit einen Kaffee kochen gehen statt zu arbeiten. :-(
tagora-sagittara (17.08.2007, 23:17 Uhr)
Hut ab vor den Hegensdorfern,...
sich zusammenraufen und in die Hände spucken,...und es selbst anpacken,... Respekt, Respekt,...von wegen Deutsche können nicht gemeinsam etwas bewegen...
Und an so manche Poster, die mit teilweise weniger intelligenten Bemerkungen am Thema vorbeigerauscht sind,...is schon spät,...gutes Nächtle!!
DSL-Loser (17.08.2007, 22:51 Uhr)
Scoop!
Gut gemacht, gut in die Medien gekommen mit 1.300 Metern Buddelei. Aber das Schmalbandelend ist auch anderswo zuhause, wie man auf http://www.kein-DSL.de lesen kann. 700 Gemeinden, 1.000.000 Büger, wie die Bundesregierung auf eine Frage im Bundestag sagt. DSL für alle!
Dylan1941 (17.08.2007, 19:53 Uhr)
@Peterhamburg
Richtig! Aber der Artikel im Stil Asterix&Obelix im unbeugsamen Dorf ist auch nettes Fressen für die Presse,außerdem wurde erwähnt das es keine Funkalternativen gab.
Satellit ist ja auch nur bedingt erquicklich.
Bin kein Telekomkunde, kann die Entscheidung dieser bei Unwirtschaftlichkeit nachvollziehen.
Warum fragt in diesem Fall keiner, warum Arcor,Versatel etc. nicht anschliessen ?
Oder vielleicht VF,T-Mobile,E+ keine
akzeptable Funkalternative anbieten ?
peterhamburg (17.08.2007, 19:31 Uhr)
UMTS + HSDPA...

... hätten es für das Dörflein auch getan. DSL-Geschwindigkeit mit dem Handy. Oder ein Downlink via Satellit. Geht auch fix.
iovialis (17.08.2007, 19:17 Uhr)
Genial!
Zuersteinmal meinen ehrlichen Respekt an das Dorf Hegensdorf!
Dieses Dorf zeigt mehrere Dinge: gemeinsam kann man "Berge versetzen" und das macht auch noch Spaß; selbst für Geld kann man sich nicht alles kaufen (außer man legt unverhältnismäßig viel auf den Tisch); Vollbeschäftigung in Deutschland wäre möglich, wenn man wieder alles von Hand machen würde.
Die Leute arbeiten nicht für Geld, sonder aus Solidarität und weil sie ein gemeinsames Ziel haben. Und dann soll mir einer erzählen, daß ein Grundeinkommen zu Faulheit führt... Arbeit gibt's genug, wie dieses Beispiel zeigt, nur kann/will sie keiner bezahlen!
Molch66 (17.08.2007, 18:23 Uhr)
Telekom? Nein Danke.
Und es stimmt auch nicht, dass ich nicht für meine Leistungen zahlen würde. Unterm Strich sind die Alternativen gar nicht wesentlich billiger, rechnet man dann noch die Anschlussgebühren etc. ein, macht es keinen wesentlichen Unterschied, ob man wechselt oder nicht.
TROTZDEM will ich weg von T-Home und T-Online. Aus aktuellem Anlass kann ich berichten, wie abartig schlecht der Service, die Hotline und die Kompetenz der Mitarbeiter ist.
Aber ich bin off topic. Klasse Engagement, das das Dorf zeigt! Mein Respekt! Ich frage mich allerdings wirklich, nachdem Telekom sich jahrelang erfolgreich gegen eine Anschlusslegung gewehrt hat, welchen Sinn es jetzt macht, sich nach dem Anschließen ans Netz an die Telekom zu binden?! Ich wäre der erste, der zu einer Alternative wechseln würde - einfach aus Prinzip.
Pagi (17.08.2007, 18:18 Uhr)
Geiz ist eben Geil
Ist es denn verwunderlich das die Telekom die Kosten für die Erschliessung abgelegener Gebiete nicht mehr tragen will? Was macht denn der normale Deutsche sobald er seinen DSL Anschluß hat? Er wechselt zu einem anderen Anbieter, weil der ja viel billiger ist.Warum schließen uns denn nicht die anderen DSL Anbieter an? Außerdem kann ich das genörgele über die Telekom nicht mehr hören, alle wollen nur Top Service ,und Top Produkte aber keiner ist bereit dafür auch eventuell mehr zu zahlen. Geiz ist eben Geil
dermatlik (17.08.2007, 17:35 Uhr)
hallo zukunft? hallo gegenwart!
alles real lachhaft! wir dümpeln hier in essenheim bei (bis zu) 768! dsl-light, wie die telekomiker es nennen.
hallo zukunft? haaaaaaallooooo? keiner da?
oder ist kabel deutschland vielleicht doch die alternative? mmh ...
Bauzeichner (17.08.2007, 17:15 Uhr)
Ich will, aber...
Ich wohne auch in einem solchen Kuhkaff. Freiwillig. Auch ich will DSL haben, technisch kann ich von T-Home sogar ein 1024er Anschluss bekommen.
Seit Wochen werde ich telefonisch, per Radio und im Internet mit Werbung für den DSL Comfort-Anschluss beworben.
Den will ich unbedingt haben. Sogar in seiner teuersten Variante mit ISDN.
Aber ich kaufe nicht die Katze im Sack und habe der T-Home-Hotline diverse Fragen zum Tarif, zur Hardware und zum Wechsel von meinen jetzigen Diensten, die ich bei T-Online bestellt habe.
Da die Hotline mir nicht weiterhelfen konnte, habe ich ein Fax geschickt. Das war vor drei Monaten.
Auf konkrete Antworten warte ich heute noch...
Dabei will ich doch, T-Home.
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