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Online zur Freiheit

In vielen Ländern ist das Internet mehr als Ebay und Amazon: eine Waffe im Kampf gegen Unterdrückung. Der stern stellt Online-Dissidenten vor, die sich nicht einschüchtern lassen.

Von Adrian Geiges, Cornelia Fuchs und Sven Stillich

Sie leben in Syrien, im Iran oder in China, und sie haben alle etwas gemeinsam: Sie kämpften im und mit dem Internet gegen Unterdrückung und für Meinungsfreiheit in ihrem Land - und wurden deswegen eingesperrt, drangsaliert, gefoltert. Von 59 inhaftierten Online-Dissidenten weiß die Organisation "Reporter ohne Grenzen", darunter Schriftsteller, Studenten und Geschäftsleute. Gerade hat Amnesty International eine Kampagne gegen Internetzensur gestartet; "sei ununterdrückbar" heißt die Aktion. Der stern dokumentiert vier Fälle:

Wael Abbas, Ägypten

Wael Abbas musste fliehen. Tagelang reiste er im Mai durch Ägypten, den Laptop unterm Arm. Immer wieder drohten die Sicherheitskräfte mit Haft, wenn er nicht kooperiere. Die Vorwürfe: Anstiftung zu Demonstrationen, Beleidigung des Präsidenten, Angriff auf Polizeikräfte, Zerstörung öffentlichen Eigentums. "All das soll ich mit meiner Kamera und dem PC gemacht haben", sagt Abbas. "Kann das irgendjemand glauben?"

Die Agenten verfolgen ihn wegen seiner Website misrdigital.com, auf der er seit Jahren die Unzufriedenheit im Land dokumentiert. Dort steht, was in keiner Zeitung zu lesen ist: wie Polizisten Frauen sexuell belästigen, wie sie Demonstranten verprügeln. Angefangen hat der Internetaktivist mit einigen SMS und Newslettern, die er an Freunde weiterschickte. Daraus entstand die Bewegung "Kefaya - Genug!", die sich gegen die Herrschaft des Präsidenten Mubarak richtet. Bis zu einer Million Zugriffe verzeichnet Abbas heute.

Der Staat reagiert auf die Unmutsäußerungen mit Gewalt. Bei Demonstrationen im Mai wurden Hunderte Menschen verhaftet, darunter der Blogger Alaa Seif, der bis heute im Gefängnis sitzt. Festgenommene wurden mit Fußtritten malträtiert und im Gefängnis vergewaltigt. Hinter den Protesten stehen meist junge Menschen, die angesichts der Freiheit im Internet nicht mehr einsehen, dass sie im eigenen Land ihre Meinung nicht frei äußern dürfen. "Ich wurde geschlagen und wieder geschlagen", sagt Abbas, "mein Laptop wurde gestohlen, meine Kamera konfisziert. Aber wir machen weiter."

Sein Internetzugang wird immer wieder abgeschaltet, die Site angegriffen, Dateien verschwinden. Doch Abbas lässt sich nicht einschüchtern, im Gegenteil: Inzwischen ist sein Name landesweit bekannt. Seit seiner Flucht geht er nicht mehr selbst auf Demonstrationen. "Aber ich werde weitermachen", sagt er, "bis wir endlich frei sind in Ägypten!"

Guo Guoting, China

Freiheitskämpfer wurde Guo Guoting, 47 Jahre alt, ein biederer Anwalt für Schifffahrtsrecht, eher zufällig - als er im Netz vom Fall eines ehemaligen Studienkollegen hörte. Der wurde in einem Geheimprozess zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Mitbürgern half, Einsprüche gegen den Abriss ihrer Häuser zu formulieren. Guo entschloss sich, ihn zu vertreten. Was er als Anwaltspflicht sah, wurde ihm zum Verhängnis. Die Staatssicherheit setzte ihn und seinen Mandanten unter Druck, er verlor zwei Drittel seiner Aufträge. Sein Antrag auf Berufung für den Kollegen wurde abgelehnt, obwohl der Prozess allen Rechtsgrundsätzen Hohn sprach. Darüber schrieb Guo im Internet. "Wo sonst?", sagt er 2004 dem stern bei einem Treffen in Shanghai, "die Regierung verbietet uns, in Büchern oder Zeitungen abweichende Ideen auszudrücken."

China kontrolliert das Netz mit großem technischem Aufwand, unterstützt von westlichen Firmen wie Google oder Yahoo, die um einen Platz in dem wachsenden Internetmarkt kämpfen. Guo Guoting sah seine Artikel auf der Website der Peking-Universität gelöscht, die Suche nach seinem Namen führte in der Volksrepublik zu Fehlermeldungen. Trotzdem gelangte er unter wechselnden Adressen mit seinen Infos und Meinungen ins Netz. "Die Regierung hat mich verwarnt", sagte er, "ich sollte mich nicht mehr online äußern. Aber ich denke, was ich mache, ist richtig." Kurz darauf beschlagnahmten sie seinen PC und stellten ihn unter Hausarrest. Vorwurf: Er habe im Internet "die Kommunistische Partei beleidigt".

Aufgrund von internationalen Protesten durfte Guo Guoting nach Kanada ausreisen. Für Freiheit in China kämpft er weiter - auf Websites von Exilgruppen ruft er zum Sturz der Einparteidiktatur auf. Wenn man in Peking oder Shanghai seine Artikel aufruft, erhält man die Anzeige: "Verbindungsfehler aufgetreten".

Ibrahim Lutfy, Malediven

Es begann mit 500 Newslettern im Jahr 2000, die Ibrahim Lutfy an maledivische E-Mail-Adressen schickte. Darin klagte er das Regime des Alleinherrschers Abdul Gayoom der Korruption an, der Pressezensur und Folter. Innerhalb weniger Monate stieg die Zahl der Empfänger in die Tausende. "Bevor es auf den Malediven Internet gab, mussten wir unsere Aufrufe per Hand verteilen. Das war sehr gefährlich", erinnert sich der IT-Spezialist, "durch das Netz konnten wir endlich viele Menschen anonym erreichen."

Lutfy war einer der Ersten, die Ende der 90er Jahre auf den Malediven eine Internetberatungsfirma gründeten. Neunmal war er da schon für politische Aktivitäten verhaftet worden. Um den Repressalien zu entgehen, versandte er seine Newsletter aus Malaysia. Die maledivische Polizei fand in seinem Büro keine Beweise seiner Aktivitäten. Doch nach dem 11. September setzten ihn die Behörden als Al-Qaeda-Verdächtigen auf eine internationale Fahndungsliste. Malaysia übergab die Daten des Newsletters an die Malediven. Lutfy und zwölf seiner Kollegen wurden festgenommen.

Der Prozess war eine Farce, es gab keine Verteidiger. Lutfy wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Dort wurde Lutfy gezwungen, in Ketten gefesselt tagelang zu stehen. Durch eine Augeninfektion drohte er zu erblinden. Als Menschenrechtsorganisationen protestierten, wurde ihm für die Operation die Ausreise nach Sri Lanka erlaubt. Dort entkam er den Zivilpolizisten, die ihn eskortierten. Heute lebt Ibrahim Lutfy im Exil in der Schweiz.

Im Urlaubsparadies Malediven geht Präsident Gayoom weiter gegen Kritiker vor. Doch er kann den Fluss der freien Meinungsäußerungen nicht mehr stoppen. Heute sind mehrere unabhängige Nachrichtenmagazine online. "Wir haben innerhalb kürzester Zeit viel erreicht", sagt Ibrahim Lutfy. Er schreibt aus dem Exil Beiträge für Radio und Webseiten: "Das Internet bleibt das wichtigste Instrument im Kampf um unsere Freiheit."

Omid Memarian, Iran

"Im Iran wirst du die Angst nie los", sagt Omid Memarian. Der 31-Jährige hat erfahren, welcher Gefahr sich Iraner aussetzen, die ihre Meinung im Internet äußern. Nachdem er in seinem Blog Aufklärung über das Schicksal einer Journalistin verlangt hatte, die in der Haft gestorben war, verbrachte er Ende 2004 selbst 55 Tage in einer Einzelzelle. Er wurde gefoltert und erst entlassen, als er ein falsches Geständnis unterschrieb. Zehn Tage später musste er es im iranischen Fernsehen wiederholen. "Was ich getan habe, war Teil eines Plans ausländischer Mächte, den Islam in ein schlechtes Licht zu rücken. Ich entschuldige mich beim Revolutionsführer und beim iranischen Volk." Das war die ultimative Demütigung.

Doch statt sich zu fügen, machte der junge Journalist zusammen mit ein paar Kollegen weiter im Netz. "Das Schlimmste ist: Man weiß nie, wo die roten Linien sind", sagt Memarian: Ein Kommentar, der die Mullahs an einem Tag nicht stört, kann den Autor eine Woche später hinter Gitter bringen. Seit der Hardliner Mahmud Ahmadinedschad Präsident ist, sind viele Online-Aktivisten noch verunsicherter. Seit vergangenem November wurden mindestens 25 Iraner von der Polizei aufgefordert aufzuhören. Nicht alle sind so mutig wie Memarian.

Die Unübersichtlichkeit der iranischen Blogszene nutzt ihnen aber beim Kampf gegen die Zensoren. 8 von 70 Millionen Iranern haben heute Zugang zum Internet, Tendenz: stark steigend. Viele Frauen haben die Welt der Blogs entdeckt, wo sie aussprechen können, was sie am Leben in der islamischen Republik stört. Während des Präsidentschaftswahlkampfs im Sommer 2005 riefen sie im Internet zu einer Demonstration für Frauenrechte vor der Teheraner Universität auf.

Omid Memarian verbringt gerade ein Auslandsjahr an einer US-Universität. Dort hilft er, angehende westliche Journalisten auf die Schwierigkeiten bei der Berichterstattung aus dem Iran vorzubereiten. Parallel zu seinem persischen Blog betreibt er inzwischen auch eine Seite auf Englisch: www.memarian.info. Kritische Bemerkungen sind dort nicht nur über die iranische Regierung zu lesen. Mit seiner Rede von der "Achse des Bösen" habe US-Präsident Bush allen geschadet, die im Iran für mehr Freiheit kämpfen. "Damit gab Bush dem konservativen Establishment einen Vorwand, die Kampagne gegen Andersdenkende zu rechtfertigen", hieß es da unlängst. "Kritische Journalisten werden jetzt als "Agenten der US-Regierung" abgestempelt."

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