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Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur

In kaum einem Medium liegen seriöse Information und haarsträubender Nonsens so nah beieinander wie im Internet. Besonders Verschwörungstheorien verbreiten sich im Netz wie ein Lauffeuer.

In kaum einem Medium liegen Dichtung und Wahrheit so nah beieinander wie im Internet. Seriöse Information ist von haarsträubendem Nonsens oft nur einen Mausklick entfernt. Und besonders Verschwörungstheorien verbreiten sich im Netz wie ein Lauffeuer. Millionen Surfer können sich in der Welt der Bits und Bytes an der Legendenbildung beteiligen. Bei dunklen Machenschaften und rätselhaften Katastrophen sind die üblichen Verdächtigen schnell ermittelt: Nicht nur im Internet trauen «informierte Kreise» Außerirdischen und Geheimdiensten jede Schandtat zu.

Besonders seit dem 11. September kocht die digitale Gerüchteküche: Die entführten Flugzeuge waren angeblich ferngesteuert, einige der Attentäter sollen noch am Leben sein, und überhaupt war der größte Terroranschlag der Geschichte «in Wirklichkeit» eine verdeckte Operation von CIA und Mossad.

Hans Leyendecker, Geheimdienstexperte der «Süddeutschen Zeitung», versucht diese Zweifel zu zerstreuen. Er ist überzeugt, dass die offizielle Darstellung der Ereignisse «im Großen und Ganzen stimmt». Eine Verschwörung solchen Ausmaßes lasse sich nicht geheim halten.

Paranoiker und Endzeit-Fantasten überzeugt das freilich nicht. Sie verweisen auf etliche Ungereimtheiten und haben die virtuelle Jagd auf «Mister X» längst eröffnet. Der Online-Tratsch scheint dabei besonders Anhänger absurder Weltuntergangsszenarien zu bedienen. So zeigt ein Foto eine Teufelsfratze im Rauch der brennenden Türme.

Zudem geisterte kurz nach den Attacken eine düstere Prophezeiung des Sternendeuters Nostradamus durch das Netz: «Am 11. Tag des neunten Monats werden zwei Metallvögel in die großen Statuen stürzen, in der neuen Stadt.» Eine Fälschung, wie sich herausstellte.

Komplottklassiker sind die per Filmkulisse vorgetäuschte Mondlandung und die Ermordung von John F. Kennedy wahlweise durch Mafiakiller oder Schlapphüte der Nachrichtendienste. Hartnäckig halten sich Gerüchte über fliegende Untertassen und Aliens in Geheimlabors des US-Luftwaffenstützpunktes «Area 51».

Die Suchmaschine Google findet bei Eingabe des Begriffs rund vier Millionen Treffer. «Wir sind nicht alleine im Universum», orakelt der Betreiber einer Website zu der Sperrzone. «Da dreht ein Unbekannter im Hintergrund das große Rad.» Als gesichert gilt, dass in der Wüste von Nevada Kampfflugzeuge entwickelt und getestet wurden. Anders lautende Behauptungen bezeichnet die US-Regierung als Legendenbildung.

Schenkt man einigen Verschwörungsverfechtern Glauben, ist die gesamte Menschheit Opfer der «Illuminaten». Die im 18. Jahrhundert gegründete Geheimloge mit der Zahl 23 als Erkennungszeichen soll die Weltherrschaft anstreben. Die Fangemeinde der «Illuminati»-Bücher von Robert Anton Wilson und Robert Shea erfreut sich auf der weltweiten Datenautobahn wachsender Beliebtheit. Pikantes Detail: Das Logo der «Erleuchteten», die Pyramide mit dem «allsehenden Auge», ist auf amerikanischen Ein-Dollar-Noten abgebildet.

Auf zahlreichen Websites tragen selbst ernannte Experten akribisch Indizien und Belege zusammen, um Verschwörungsthesen zu stützen oder zu widerlegen. Verblüffende Tatsachen und wilde Spekulationen ranken sich um einen Kern von Wahrheit. «Doch für den gibt es meist eine plausible Erklärung», sagt der Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski.

Eines haben alle Verschwörungstheorien seiner Ansicht nach gemeinsam: Sie erklären das Unerklärliche, geben auf komplexe Fragen einfache Antworten. Das mache sie ebenso beliebt wie bedenklich.

Die Internetseiten oder der Erfolg von TV-Serien wie «Akte X» spiegeln für den Wissenschaftler ein «Grundphänomen postmoderner Welterkenntnis» wieder: «Die Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt und uns dennoch die wesentlichen Zusammenhänge verborgen werden, fesselt die Menschen», sagt er. Die Massenkultur gehe darauf ein und biete viele Produkte mit «verschwörungstheoretischem Gehalt» an, nach dem Motto «Die Wahrheit ist irgendwo da draußen.»

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