Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Es war einmal... die erste E-Mail

Irgendwann im November oder Dezember - genau weiß er es nicht mehr - vor 35 Jahren verschickte der Ingenieur Ray Tomlinson die erste E-Mail der Welt. Aus Not versah er die Adresse mit einem uralten Zeichen.

Von Sven Stillich

Ray Tomlinson hat die Idee seines Lebens im Winter 1971 - irgendwann im November oder Dezember, so genau weiß er es nicht mehr: Wäre es nicht toll, wenn sich Menschen über ihren Computer Nachrichten schicken könnten - von einer Stadt zur anderen, von einem Kontinent zum anderen? Elektronische Post, schneller als ein Brief? Ja, das ist eine gute Idee. Computer allerdings, wie wir sie heute kennen, gibt es damals noch nicht: Tomlinson sitzt an einer schrankgroßen Maschine. Auch das Internet existiert nicht - aber an dem bastelt der 30-Jährige gerade.

Ray Tomlinson forscht bei Bolt Beranek and Newman (BBN). Die Firma aus Cambridge bei Boston soll für das Verteidigungsministerium ein Computernetz aufbauen: das Arpanet, aus dem eines Tages das Internet werden wird. Noch ist es klein, gerade mal zwei Dutzend Rechner sind vernetzt. Dass daraus einmal Millionen werden, liegt auch an den folgenden sechs Stunden. So lange braucht Tomlinson, dann ist das Programm fertig, mit dem sich elektronische Post schreiben, lesen und verschicken lässt. "E-Mail" wird so etwas bald heißen, und gute 30 Jahre später werden täglich zehn Milliarden davon durchs Internet sausen.

Doch noch ist es nicht so weit, denn Tomlinson hat ein Problem: Er weiß zwar, wie eine E-Mail-Adresse aussehen soll - der vordere Teil soll aus dem Namen des Empfängers bestehen, der hintere aus dem Namen des Computers, der die Post annimmt. Nur: Wie soll er die Teile voneinander trennen? Es muss ein Zeichen her, das auf seiner Tastatur vorkommt, aber nicht in Personen- oder Firmennamen - kein Buchstabe also, keine Zahl.

Ein Zeichen mit Vergangenheit

Ray Tomlinson entscheidet sich für ein Symbol, das Jahrzehnte später zur Ikone des Informationszeitalters werden wird: das @. Draußen ist Winter, es ist 1971, drinnen gibt sich Tomlinson die erste E-Mail-Adresse der Welt: tomlinson@bbntenexa. Kein .com, kein .org, kein .de hängt dran, das wird erst später erfunden. Kurz darauf verschickt er die erste Mail der Geschichte - an sich selbst, von einem Computer in seinem Zimmer zu einem anderen in seinem Zimmer. Was in der Mail stand, weiß Tomlinson heute nicht mehr. Schließlich ahnte er damals nicht, dass er gerade eine der wichtigsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts gemacht hatte. "Ich dachte nur, das sei eine niedliche Idee, mehr nicht", sagt er später dazu.

Aber woher stammt eigentlich das @ auf seiner Tastatur? Woher kommt das Zeichen, das wir "Klammeraffe" nennen, das in Italien "Schnecke" heißt, in Tschechien "Rollmops" und in Israel "Shtrudl"? Die Antwort: Niemand weiß es genau. Einige Forscher wollen es bis in mittelalterliche Klöster zurückverfolgt haben. Fest steht, dass es im 16. Jahrhundert Kaufleute am Mittelmeer als Gewichtsmaß benutzten: Ein @, ein "arroub", waren etwa zehn Kilogramm. In der Renaissance bekam das @ eine weitere Bedeutung - als Abkürzung für "zu". Auf Märkten gab es "Hühner@10 Pence", eine Schreibweise, die sich in den USA und England bis heute erhalten hat. Nach der industriellen Revolution wurde das @ in der Buchhaltung populär - was erklärt, warum es sich auf Ray Tomlinsons Tastatur fand.

Reich ist er mit seiner Erfindung übrigens nicht geworden. Für die Allgemeinheit ist das ein großes Glück - wir müssten sonst wohl jedes Mal Porto zahlen, wenn wir E-Mails verschicken. "Es ist nett, wenn Leute über meine Erfindung reden", sagt Tomlinson, "aber es ist nicht das Zentrum meines Lebens." Ray Tomlinson ist heute 64 Jahre alt und arbeitet immer noch bei Bolt Beranek and Newman @ Cambridge bei Boston.

print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools