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Twitter wird ein bisschen Facebook

Im Wochentakt trumpfen Facebook und Google mit neuen Funktionen für ihre sozialen Netzwerke auf. Beim Kampf um die Nutzer mischt jetzt ein alter Bekannter mit: der Kurznachrichtendienst Twitter.

Von Christoph Fröhlich

  Der Kurznachrichtendienst Twitter schwingt sich zu neuen Sphären: Ein überarbeitetes Design sorgt für mehr Übersicht bei Neueinsteigern

Der Kurznachrichtendienst Twitter schwingt sich zu neuen Sphären: Ein überarbeitetes Design sorgt für mehr Übersicht bei Neueinsteigern

Seit Monaten liefern sich die sozialen Netzwerke Facebook und Google+ einen erbitterten Kampf um die User. Mit mehr als 800 Millionen Mitgliedern ist Facebook nach wie vor der unangefochtene Platzhirsch, auch wenn die Plattform wegen des zu laschen Datenschutzes immer häufiger in der Kritik steht. Weit abgeschlagen mit rund 40 Millionen Mitgliedern ist Google+: Die anfängliche Euphorie rund um das Netzwerk des Suchmaschinenriesen legte sich wenige Wochen nach dem Start, als Facebook wichtige Alleinstellungsmerkmale wie den Videochat oder bessere Privatsphäre-Einstellungen aus Google+ übernommen hatte.

Doch auch Google bediente sich fleißig bei der Konkurrenz und hat mit "Find my face" vergangene Woche einen eigenen Gesichtserkennungsdienst gestartet. Im Gegensatz zu Facebook setzt er die Erlaubnis des Users voraus – zur Freude der Datenschützer. Das Unternehmen von Mark Zuckerberg konterte wiederum mit dem Start der Funktion Timeline, einer Art Infografik über das eigene Profil. Mit ständig neuen Funktionen versuchen die beiden Kontrahenten, die Nutzer auf ihre Seite zu ziehen – oder zumindest vor dem Wechsel zu bewahren.

Ein bisschen Facebook auf 140 Zeichen

Aus dem Schatten der beiden zankenden Internetriesen tritt jetzt ein alter Bekannter. Der sonst eher wenig beachtete Kurznachrichtendienst Twitter hat seinen Internetauftritt überarbeitet und mischt sich beim Kampf um die Nutzer ein. Das hat der Bloggingdienst auch bitter nötig, denn er ist in den vergangenen Monaten zunehmend unter Druck geraten. Nach dem "Gefällt mir"-Button führte Facebook den "Abonnieren"-Button ein: Mit einem Klick können Nutzer Beiträge von externen Websites abonnieren, ohne dafür das Netzwerk verlassen oder sich mit dem jeweilige Profil anfreunden zu müssen. Auch Google+ erlaubt mittlerweile eine Echtzeitsuche und das Bilden von sogenannten Hashtags, ein mit einer Raute versehenen Begriff, der wichtige Schlagwörter markiert und eines der Hauptmerkmale von Twitter ist.

Mit seinem Neustart wird Twitter simpler, vernetzter und schöner: Die Nutzerbasis umfasst mehr als 100 Millionen aktive Mitglieder, genug, um sich mit den Großen der Branche zu messen. Anders als bei Facebook werden auf der Bloggingplattform keine Freundschaften gepflegt, sondern vorrangig Meinungen und Nachrichten ausgetauscht. Das zeigt sich bei wichtigen Ereignissen wie dem Tod von Steve Jobs: Mehr als 6000 Menschen verkündeten ihr Beileid und trauerten um den verstorbenen Apple-Gründer - pro Sekunde. Bei den MTV Video Music Awards 2010 am 28. August erstellten die Nutzer stolze 8868 Tweets pro Sekunde – Rekord für das Jahr 2011. Anlass war die Sängerin Beyonce, die während der Veranstaltung ihre Schwangerschaft verkündete. Das sind beeindruckende Zahlen, und doch ist der 140-Zeichen-Dienst in den Augen vieler Internetnutzer nicht mehr als eine chaotische, unübersichtliche Meinungswebsite. Den Sprung zum Massenmedium hat Twitter nie geschafft.

Das soll sich jetzt ändern: Mit der neuen Version soll die Flut an Informationen besser sortiert werden. Für Neueinsteiger könnte der neue Reiter "#Entdecke" besonders interessant sein. Dort wertet Twitter den Standort – sofern erlaubt – sowie die besuchten Seiten und Profile des Nutzer aus und errechnet daraus einen Algorithmus, der möglicherweise interessante Tweets aus den mehr als 200 Millionen täglich abgesetzten Kurzmitteilungen heraussucht. Zudem können die Profile der Nutzer oder Unternehmen individueller gestaltet werden, um sich der Welt besser zu präsentieren – ein Hauch von Facebook weht durch den Bloggingdienst.

Großer Andrang, kaum Einnahmen

Auch das Verschicken von Nachrichten wird einfacher. Wer auf der Website oder in den ebenfalls runderneuerten Apps für Smartphones einen Tweet versenden will, kann mit wenigen Klicks Adressaten, Fotos oder Orte auswählen. So einfach wie möglich, so wenig Klicks wie nötig – das ist das neue Twitter-Prinzip. "Wir wollen Twitter mit dem Redesign für die nächste Milliarde Menschen zugänglicher und einfacher machen", sagt Twitter-Chef Dick Costolo der "Financial Times Deutschland" (FTD). "Wir müssen jetzt diesen nächsten Schritt machen und auf die zwei Milliarden mobilen Geräte kommen, die es bald auf der Welt geben wird, damit wir alle diese Leute erreichen können."

Doch trotz der vielen Neuerungen bleibt für die Macher ein altbekanntes Problem: Da der Dienst kostenlos ist und auf Werbung weitestgehend verzichtet, halten sich die Einnahmen bisher in Grenzen. Eine der wenigen Geldquellen sind "promoted Tweets", gesponserte Mitteilungen. Organisationen, Firmen oder Prominente können ihre Mitteilungen gegen ein Entgeld hervorheben, um sie so für eine größere Zahl von Usern sichtbar zu machen.

Der Marktforscher Emarketer schätzt den Umsatz von Twitter auf 140 Millionen Dollar, in wenigen Jahren soll er bei 400 Millionen Dollar liegen. Ob der Nachrichtendienst rentabel ist, bleibt ein Geheimnis. "Wir übertreffen laufend unsere Prognosen, und ich entzücke meinen Verwaltungsrat", so die knappe Antwort des ehemaligen Google-Managers Costolo, der 2009 zu Twitter wechselte, gegenüber der FTD. Der Wert des Unternehmens wird momentan auf acht Milliarden Dollar geschätzt.

Nicht mehr als eine Nische

Wirklich Sorgen machen müssen sich Facebook und Google+ allerdings nicht: Viele bei den Usern beliebte Features wie Fotoalben, Gruppen oder Flashspiele bleiben nach wie vor den klassischen Netzwerken vorbehalten. Twitter hat seine Nische gefunden, die es konsequent ausbaut, Tonnen an neuen Features lehnt das Unternehmen ab. "Wir wollen Einfachheit in einer zunehmend komplexen Welt bieten", meint Twitter-Chef Costolo. Und dürfte damit mehr Mut beweisen als alle Konkurrenten zusammen. Ob er sich auszahlt, werden die Nutzer entscheiden.

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