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6. September 2011, 16:33 Uhr

Super-Ego mit Fußfessel

Wikileaks-Gründer Julian Assange hat per Satellit auf der Medienwoche in Berlin gesprochen. Seine angeschlagene Enthüllungsplattform konnte er dabei nicht retten. Von Sophie Albers

Julian Assange, Wikileaks, IFA, Medienwoche, Depeschen, USA, Spiegel, Guardian, New York Times

Julian Assange in seiner Keynote auf der Medienwoche der Internationalen Funkausstellung in Berlin© Thomas Peter/Reuters

Es ist das Highlight hier", sagt eine begeisterte junge Hostess auf der Medienwoche der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin. Als "Top-Keynote" eines "Visionärs, Vordenkers und Machers" haben die Veranstalter Julian Assanges exklusive Videozuschalte angekündigt. Der Wikileaks-Gründer sitzt, mit elektronischer Fußfessel, weiterhin auf einem Herrensitz im britischen Landstrich Suffolk. Am Mittwoch wartet er seit genau neun Monaten auf die Entscheidung, ob er wegen Vergewaltigungsvorwürfen nach Schweden ausgeliefert wird oder nicht. "Die Zukunft der digitalen Öffentlichkeit: Über Transparenz und was diese für die Welt bedeutet", heißt sein Vortrag. Als der nach gut einer Stunde vorbei ist, sagt ein Zuhörer beim Rausgehen: "Dass sie ihn wie einen Popstar behandeln, nervt."

Julian Assange ist ein Popstar. Und genau das ist das Problem von Wikileaks. Denn eigentlich geht es für Assange gerade um alles. Nicht um die Vorwürfe aus Schweden, sondern um sein Lebenswerk.

"Kernschmelze"

Nachdem seit einigen Tagen 251.287 Botschaftsdepeschen mit Klarnamen im Netz kursieren, steht das Kapital der Whistleblower-Organisation auf dem Spiel: ihre Vertrauenswürdigkeit. "Kernschmelze" nennt der "Spiegel", was gerade passiert. Das Leben von Informanten sei in Gefahr, deren Namen in den 2010 von mehreren internationalen Medien in Kollaboration mit Wikileaks veröffentlichten Auszügen in geduldiger Kleinarbeit unleserlich gemacht worden waren. Aufgrund von Streit, Geltungssucht und Missverständnissen - je nach Sichtweise - ist das unbearbeitete Gesamtmaterial im Netz gelandet. Zuletzt von Wikileaks selbst eingestellt. Angeblich hat die US-Regierung begonnen, gefährdete Kontaktpersonen auszufliegen.

Als Assange am Dienstagmorgen im Saal 3 des Internationalen Kongresszentrums zugeschaltet wird, scheint er zuerst nicht ganz bei sich. Blass wie immer, offensichtlich frisch blondiert, mit weißem Hemd zum blauen Blazer, schaut er mit fliegendem Blick immer wieder an der Kamera vorbei. Er sitzt vor einem Kamin in Ellingham Hall, dem Anwesen seines Freundes und Unterstützers Vaughan Smith. "Mitten in der ländlichen Pampa", sagt Assange, dem man ansieht, dass es ihn quält, so lange an einem Ort zu sein. Schließlich war er bisher immer in Bewegung.

Die Welt in die Verantwortung nehmen

Doch dann geht es los. Staatstragend und im Pluralis Majestatis erklärt Assange die Vision von Wikileaks, das schon lange mit seinem Namen gleichgesetzt wird. Dabei spricht er zwar wesentlich langsamer, jedoch ähnlich abwesend und zugleich fokussiert wie Facebook-Kopf Mark Zuckerberg: Die Reaktionen der Mächtigen auf die Veröffentlichungen zeigten, wo die Welt wirklich stehe. Wir nehmen die Welt in die Verantwortung. Wir bringen die Wahrheit an die Öffentlichkeit. Wir müssen wissen, wie die Welt funktioniert. Wir müssen clever und mutig genug sein, Verschwörungen aufzudecken. Die potentielle Aufdeckung und Veröffentlichung von Unrecht müsse als Drohung im Raum stehen.

Als nächstes erklärt er den Journalismus, wie wir ihn kennen, für tot. Die neue Rolle des Journalismus sei es, Experten ein Sprachrohr zu geben, die in der Lage seien, die aufgedeckten Informationen in den Kontext zu stellen. Was sie übrigens besser könnten als die Redakteure. Die, die wirklich Ahnung haben, sollten kommentieren. Dabei betont Assange immer wieder, dass er sich selbst als Vertreter dieses neuen Journalismus versteht. Und der ist rein investigativ: Journalisten müssten dort hingehen, wo Informationen zurückgehalten werden. Ob in Krisengebieten oder in vermeintlichen Demokratien, wo sich die Verschwörungen hinter undurchschaubaren Abläufen verbergen. Eben das, "was wir die letzten viereinhalb Jahre gemacht haben", so Assange.

"Irritiert und erschüttert"

Die großen Worte haben ihre Wirkung, Assange verströmt trotz Anfangsschwierigkeiten Charisma, und es ist klar, warum der große Bleiche mit der Fußfessel vielen als Robin Hood des digitalen Zeitalters gilt. Doch in Nebensätzen und ausufernden Erklärungen, die häufig erst kommen, wenn man denkt, dass der Satz schon zu Ende ist, stecken Animositäten, Enttäuschungen und Egospiele, die Assange tatsächlich zu einem gefährlichen Menschen machen - sein Ego ist schließlich groß genug, dass er die Welt retten will. Und Egos dieser Größe sind bekanntermaßen sehr sensibel, was die große Sache zur persönlichen macht.

Assange hat sich mit der britischen Zeitung "The Guardian" überworfen, mit der "New York Times", und auch der "Spiegel" ist auf kritische Distanz gegangen. "Spiegel"-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron nannte Assange nach dessen Videoauftritt "unberechenbar" und zeigte sich von der Veröffentlichung der unbearbeiteten Daten "irritiert und erschüttert". Assange wirft einem "Guardian"-Journalisten vor, in dessen Buch ("Wikileaks - Inside Julian Assange's War on Secrecy") das Passwort zur Einsicht der unbearbeiteten Depeschen verraten zu haben, ohne ihn zu fragen. Die "New York Times" wiederum habe die Briten unterstützt. Und dann ist da noch seine Fehde mit dem ebenfalls ego-gesteuerten Ex-Wikileaks-Aktivisten und Openleaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg, dem Assange in seiner Keynote "dunkle Geschäfte" nachsagte. Der hatte die Depeschen-Datei mitgenommen, als er Wikileaks im Streit verließ.

"Wir hätten es nicht anders machen können"

Assanges Popstar-Videoauftritt hat weder zur Stärkung von Wikileaks noch zur Wiederherstellung des Vertrauens beigetragen. "Wir hätten es nicht anders machen können", sagte er auf Nachfrage zur Veröffentlichung der unbearbeiteten Depeschen. Das alles darf jedoch nicht vergessen machen, was Wikileaks bisher schon geleistet hat. Tatsächlich haben über die Plattform veröffentlichte Informationen immer wieder gezeigt, wo bei den Mächtigen die Angst sitzt. Kriegsverbrechen, Folter, Mord, Betrug wurde aufgedeckt. Amnesty International hat Wikileaks gerade erst für seinen Anteil am arabischen Frühling öffentlich gedankt. Insofern spricht Assange durchaus die Wahrheit, wenn er sagt: "Wir sind dabei, Geschichte zu machen."

Allerdings ist nicht sicher, ob Assange seinen Teil zur Geschichte nicht schon geleistet hat und ob es nun nicht an der Zeit ist, dass andere seinem guten Beispiel folgen. Denn wie Assange sagt: Jeder Mensch hat eine Agenda. So eben auch Julian Assange.

Von Sophie Albers
 
 
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