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Digital, piepegal

Bei der Eröffnung des 19. Medienforums NRW in Köln gewann überraschend eine totgeglaubte Spezies Oberwasser: die Old Economy der Fernseh- und Verlagsschaffenden. Sie propagierte etwas, das in der Web-2.0-Besoffenheit verloren zu gehen drohte: Medienkonsumenten wollen Qualität auch im Internet.

Von Rolf-Herbert Peters

Früher war Bodo Hombach einmal SPD-Kanzlermacher (Schröder) und ließ schon mal fünfe gerade sein, wenn es der Sache diente. Heute ist er Geschäftsführer der mächtigen Essener WAZ-Verlagsgruppe und geriert sich als Hüter des reinen Journalismus. Die Gefahr "bösartiger Desinformation" im Web 2.0 sei "sehr groß", warnte er am Montag beim Eröffnungspanel des Kölner Medienforums NRW. Dann legte er ein Vollblutbekenntnis zum guten, alten Medium ab: Nichts im Internet könne die Qualitätszeitung ersetzen, die WAZ-Auflage steige sogar - "Content is King Kong". Wie sehr unser aller Herz an der Zeitung hänge, beweise die "emotionale Wallung", die uns überfalle, wenn das Blatt morgens nicht im Briefkasten liege.

Gut gebrüllt, Löwe, dachten offenbar auch die anderen Podiumsgäste, und stimmten Hombach mehr oder minder zu: Filmhändler Herbert Kloiber, RTL-Chefin Anke Schäferkordt, WDR-Chefin Monika Piel, Premiere-Boss Georg Kofler, Unitymedia (Arena)-CEO Parm Sandhu und SES Astra-Präsident Ferdinand Kayser. Selbst Telekom-Boss René Obermann nickte ein bisschen - obwohl er Zeitungsschlagzeilen über seine verkorkste Konzernsanierung hasst und mit digitalem Content via IP eigentlich den Konzern retten will: "IP-TV wird die anderen Medien nicht verdrängen, sondern ergänzen", sagte er kleinlaut.

Merkwürdiger Stimmungsumschwung

Was für ein Wandel: In den vergangenen Jahren hatten sich die Medienboliden mit ihren Prognosen über die revolutionäre Kraft des "user generated content" gegenseitig übertroffen und reihenweise entsprechende Internet-Plattformen einverleibt. In Köln war nun ein merkwürdiger Stimmungswandel zu spüren: Digital ist irgendwie piepegal und erst einmal nicht mehr als ein Übertragungsweg. Als die thematisch überforderte Moderatorin Maybrit Illner ein Zitat von Bill Gates in die Runde warf, in fünf Jahren würden wir über das Fernsehen von heute nur noch lachen, schmunzelten alle Diskutanten besserwisserisch und tippten, dass sich erst einmal gar nichts ändern werde. Kofler sagte: "Das haben wir schon vor 15 Jahren gehört. Aber Fernsehen ist ein Massenmedium, und die Massen lehnen sich nun mal gern zurück." Und WDR-Chefin Piel konnte mit Bewegtbildern im Web so gar nichts anfangen - es sei denn, sie stammen aus ihrer Anstalt: "Ich sehe Hausfrauen vor verstaubten Gummibäumen, die sich ausziehen", fasste sie ihre Recherchen im Web 2.0 zusammen.

Überraschend ist, dass jüngste Entwicklungen die Analysen der Old Economy stützen: So büßen die privaten Vollprogramme der ersten Generation (SAT 1, RTL), die früher durch Spielfilme und TV-Movies Zuschauer anzogen und heute ängstlich auf preiswerte Serien und Shows setzen, zunehmend Marktanteile ein. Gähn! Junge Leute gehen lieber ins Web, knüpfen Kontakte oder spielen. "Games wie World of Warcraft sind die Spielfilme des Internets", sagte Premiere-Mann Kofler. ARD und ZDF, die vor allem in den dritten und den Spartenprogrammen Qualität zeigen, legen dagegen zu. Auch die privaten Spartensender wie Tele 5 gewinnen Zuschauer, weil die auf der verzweifelten Suche nach Kurzweil in ihrer begrenzten Freizeit durch die Kanäle zappen und irgendwo hängen bleiben.

Mehr Daten, aber nicht mehr Spaß

Das Web 2.0 bringt mehr Daten, aber nicht zwingend mehr Spaß und schon lange keine analytische Einordnung des immer komplexer werdenden Weltgeschehens. "Information im Internet ist nichts mehr wert, sie ist kostenlos und wird uns förmlich aufgedrängt", sagte Hombach. In solch einer Welt könne nur "Qualitätsjournalismus und Relevanz" Mehrwert bieten - die Rückkehr der alten Medienmarken. Bei der Unterhaltung sei das nicht anders, ergänzte Kofler, hochwertige Unterhaltungsprogramme seien viel zu teuer, um sie nur für das Internet zu produzieren. Mmh, dachte wohl Telekom-Chef Obermann und warf die Stirn in Falten.

Die Binse, dass nicht Content, sondern Qualität auch im Internet King ist, war das Spannendste an dem Eröffnungspanel der Langeweile, dessen zähe Diskussion auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers folgte. Erstaunlich ist dennoch, wie lange es gedauert hat, bis die deutschen Medienfürsten wieder den Mut fanden, offen auszusprechen, dass nicht jeder, der auf einer Tastatur tippen, mit der Digitalkamera knipsen oder mit dem Camcorder draufhalten kann, auch Lesens- oder Sehenswertes produziert.

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