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Abzocke mit falschen Frauen?

Lovoo ist eine der populärsten Flirt-Apps in Deutschland. Doch womöglich führen die Macher ihre Kunden hinters Licht. Das Fachmagazin "c't" berichtet von Tausenden Fake-Profilen, die Nutzern das Geld aus der Tasche ziehen sollen. Lovoo bestreitet dies.

Smartphone in die Hand, App installieren und los geht's: Flirten war noch nie so einfach wie heute. Millionen Deutsche nutzen Apps wie Tinder oder Badoo, um einen neuen Partner für gewisse Bedürfnisse kennenzulernen - oder endlich über den Ex hinwegzukommen. Für die Nutzer ist es praktisch, für die Unternehmen ein Riesengeschäft.

Einer der größten Player hierzulande ist die Flirt-App Lovoo. Laut eigenen Angaben sind mehr als 30 Millionen Menschen registriert, knapp fünf Millionen nutzen die App monatlich. Doch offensichtlich wird der Großteil der User regelmäßig hinters Licht geführt, wie Recherchen des Fachmagazins "c't" zeigen. Die Vorwürfe wiegen schwer: Lovoo soll regelmäßig massenhaft Fake-Profile erstellen, um die Nutzer zu teuren Premium-Diensten und VIP-Mitgliedschaften zu überreden und ihnen so das Geld aus der Tasche zu ziehen. Offenbar mit Erfolg: Im vergangenen Jahr war Lovoo auf Platz sieben der umsatzstärksten iPhone-Apps im App Store. Die App dürfte Millionen umgesetzt haben.

Tausende Fake-Profile

Die Vorwürfe der "c't" basieren auf einem extrem umfangreichen Datenpaket, das der Redaktion zugespielt wurde und mehr als 50 Gigabyte groß sein soll. Unter den Daten befinden sich neben den Quellcodes für diverse Programme auch angebliche E-Mails der Lovoo-Geschäftsführung. Ob die Daten echt sind oder nicht, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Laut "c't" gibt es aber keine Hinweise auf Manipulationen. Ein Lovoo-Anwalt wiederum bestreitet die Echtheit der Daten.

Doch "c't" hat bei den Recherchen gleich eine Reihe von Merkwürdigkeiten entdeckt, die vermuten lassen, dass die Daten stimmen. Um immer wieder Nachschub an neuen, flirtwilligen und vor allem gutaussehenden Mitgliedern zu haben, bediente sich Lovoo eines simplen Tricks: Ein Programm erstellte automatisiert neue Profile. Die Accounts haben oftmals nur wenige Bilder und kaum Informationen, auf Chat-Nachrichten reagieren sie nicht. Sie werden offenbar nur benutzt, um den Flirt-Pool zu vergrößern - und die Nutzer so in ein Premium-Abo zu locken.

Schnell werden große Summen fällig

Männliche Lovoo-Nutzer ohne Premium-Konto bekommen nämlich angezeigt, dass jemand ihr Profil besucht hat - das Foto ist allerdings unscharf. Nur das Alter der vermeintlichen Interessenten wird angezeigt. Will man wissen, wer hinter dem Profil steckt, muss man zahlen: Ein Aufheben der Verschleierung kostet 20 Credits, das sind je nach Tarif bis zu 26 Cent, schreibt "c't". Aus dem Programm-Code gehe hervor, dass neu generierte Fake-Accounts in einem bestimmten Intervall reale Benutzerprofile aufrufen und diese bewerten. Wenn man wissen möchte, wer hinter einem Match steckt - wer das eigene Foto also für attraktiv befunden hat -, muss ebenfalls zahlen.

Besonders perfide: Viele der Fake-Accounts haben angeblich ein überfülltes Postfach. Um ihnen dennoch eine Nachricht zukommen zu lassen, muss man 50 Credits zahlen, umgerechnet sind das mehr als 60 Cent. Die Kleinbeträge summieren sich schnell zu stattlichen Summen. Eine "VIP-Mitgliedschaft", bei der alle Funktionen für ein Jahr freigeschaltet sind, kostet stolze 70 Euro. Eine Monatsmitgliedschaft kostet 12 Euro. Und wer einmal gezahlt hat, wird laut "c't"-Bericht von den Bots - den automatisiert erstellen Accounts - nur umso stärker belästigt. Das zeige eine Untersuchung des Quellcodes.

Fake-Profile spülten Millionen in die Kasse

Und noch mehr: Dem Bericht zufolge zeigen die geleakten E-Mails, dass Lovoo die Machenschaften nicht nur nach außen verschleierte, sondern auch die eigenen Mitarbeiter täuschte. Nur wenige hätten von den sogenannten "Promoter"-Accounts gewusst, die flirtwillige Männer bei der Stange halten sollten. Auch an anderer Stelle wurden offenbar die Spuren verwischt: Die "c't" entdeckte im Quellcode eine Filterfunktion namens "Save the hometown". Sie sorgte dafür, dass im Umkreis von 30 Kilometern rund um Dresden, dem Standort der Lovoo GmbH, keine manipulierten Votes und Profilbesuche erzeugt werden, damit die eigenen Mitarbeiter keinen Verdacht schöpfen.

Interne Dokumente sollen belegen, dass einzelne Mitarbeiter anmerkten, dass es mit den Fakes übertrieben wurde. "Mit der massiven Promoter-Aktion tun wir uns keinen Gefallen, das vermehrt nur den Eindruck, dass die Seite voller Fakes ist. Wäre schön wenn das mittelfristig stark zurückgefahren werden würde", zitiert das Magazin aus einer angeblichen E-Mail eines Mitarbeiters aus der Qualitätssicherung.

Doch wie abhängig Lovoo offenbar von den Fake-Profilen war, zeigte der Oktober 2013. Aus technischen Gründen waren Bot-Erstellung und Fake-Bewertungen für zwei Wochen eingestellt worden. Das machte sich in den Umsätzen massiv bemerkbar, allein in Apples App-Store gingen die Umsätze laut "c't" von 65.000 auf 50.000 Euro pro Woche zurück. Richtig viel Geld verdienten die Lovoo-Macher mit den priorisierten Nachrichten: "Allein die vergeblichen Versuche von angelockten Nutzern, Fake-Profile per Top-Chat zu erreichen, sollen Lovoo zu dem Zeitpunkt ungefähr 5000 Euro täglich in die Kasse gespült haben", schreibt das Magazin.

Lovoo wehrt sich

Die "c't" hat das Unternehmen mit den Vorwürfen und den eigenen Recherchen konfrontiert, allerdings nahm Lovoo keine Stellung zu den Dokumenten. Ein beauftragter Anwalt teilte lediglich mit, dass Lovoo aus den gestellten Fragen "den Inhalt der Berichterstattung erahne", diese aber jeder Grundlage entbehre. Kurios: Kurz nach der Anfrage wurden zahlreiche, zuvor als Fake-Accounts entlarvte Profile auf Lovoo gelöscht.

Mittlerweile hat Lovoo auf die Vorwürfe reagiert: "Die in der heutigen Ausgabe der 'c't' in einem Artikel aufgestellten Vorwürfe gegen die Kennenlern-App Lovoo beruhen auf zweifelhaften Dokumenten und Daten, die dem Magazin anonym zugespielt worden sind und dessen Authentizität die Autoren in ihrem Beitrag selbst anzweifeln. Die in dem Artikel genannten Vorwürfe weist Lovoo zurück", heißt es in einer Pressemitteilung.

Und weiter: "Die in dem Artikel zitierten Passagen aus internen E-Mails - sofern authentisch - zu unseren Anti-Spam-Initiativen sind von den Autoren falsch verstanden und fahrlässig in einen anderen Zusammenhang gestellt worden."

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