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17. Juni 2009, 14:18 Uhr

Wie Twitter die Mullahs aufwühlt

Die Bedeutung von Online-Netzwerken wie Twitter wächst in der Iran-Krise. Die Revolutionsgarden in Teheran sind zutiefst beunruhigt über die Nachrichten, die durch Internetdienste nach außen dringen, und greifen hart durch. Twitter ist inzwischen so wichtig, dass angeblich auf Wunsch des US-Außenministeriums eine Wartung verschoben wurde.

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Durch Twitter, Facebook und Co. organisieren sich im Iran Protestierende - und übermitteln Informationen ins Ausland© Martial Trezzini/AP

Im Iran wird der Druck auf die Medien immer größer. Angesichts der anhaltenden Massenproteste hat die Regierung in Teheran die unabhängige Berichterstattung aus dem Land stark eingeschränkt. Die Revolutionsgarden, die mächtigsten Streitkräfte der Republik, drohten zudem allen Online-Medien mit einem harten Durchgreifen und rechtlichen Konsequenzen. Iranische Websites und Blogger müssten jegliche Beiträge entfernen, die Spannungen schüren könnten, hieß es in einer Erklärung der Revolutionsgarden. Doch Zensur ist im Internet-Zeitalter ungleich schwieriger durchzusetzen. Bilder, Videos und Berichte gelangen trotz aller Restriktionen an die Öffentlichkeit. Vor allem soziale Netzwerke wie Flickr, Twitter oder auch Facebook werden zur Veröffentlichung genutzt, Augenzeugenberichte werden per E-Mail verschickt, Videos bei YouTube eingestellt.

Auf einigen Websites, die der Opposition nahestehen, wurde für Mittwochnachmittag zu weiteren Protestkundgebungen in der Hauptstadt Teheran aufgerufen. Und die Mussawi-Anhänger folgten ihnen. Augenzeugen zufolge demonstrierten in der Innenstadt erneut Zehntausende gegen das Ergebnis der Präsidentenwahl. Sie blockierten demnach Straßen und Plätze und forderten eine Wiederholung der Wahl. Die Mehrzahl der Demonstranten trage Arm- und Stirnbänder in Mussawis Parteifarbe grün. Viele hätten die Hände immer wieder zum Friedenszeichen erhoben.

Die Webseiten der reformorientierten Kräfte im Iran, Blogs und westliche Netzwerkdienste sind im Konflikt zu den wichtigsten Informationsquellen geworden. Die Regierung verbot am Dienstag ausländischen Medien direkt von den Straßenprotesten zu berichten. Reporter dürfen nur aus ihren Büros berichten. Die Massenproteste im ganzen Land nach der umstrittenen Präsidentenwahl vom Freitag sollen offenbar ohne Zeugen stattfinden.

CNN lässt Kreativität walten

Doch der Nachrichtensender CNN beispielsweise machte aus der Not eine Tugend. Der Sender zeigte Bilder, die von Iranern über Facebook und Twitter ins Netz gestellt wurden. Angesichts der Regierungsauflagen müsse man "Kreativität" walten lassen, erklärte CNN. Der Sender betonte allerdings auch, dass eine unabhängige Überprüfung des Materials oft nicht möglich ist, da die Beiträge anonym gepostet werden. CNN-Reporterin Christiane Amanpour rief unterdessen in ihrem Facebook-Account dazu auf, Video-Beiträge aus dem Iran direkt nach London zu schicken. Zudem appellierte sie an Twitter-Nutzer in anderen Ländern, ihre Einstellungen so zu ändern, dass sie als iranische Nutzer wahrgenommen werden. Damit soll es den Behörden schwieriger gemacht werden, Iraner herauszufiltern und zu verfolgen.

Gegen inländische Blogger und Journalisten geht die Regierung laut Reporter ohne Grenzen (ROG) bereits drastisch vor. Mindestens zehn Journalisten seien jüngst festgenommen worden. "Wir sind sehr besorgt", sagte ROG-Generalsekretär Jean-Francois Julliard. Auch Demonstranten, die mit Mobiltelefonen Fotos machten, wurden festgenommen, wie ROG und Augenzeugen im Iran erklärten.

Die Behörden in Teheran geben sich alle Mühe, die Kommunikation zu erschweren: Das Mobilfunknetz wird immer wieder abgeschaltet, SMS-Mitteilungen können gar nicht mehr verschickt werden und auch zahlreiche Internetseiten sind nur noch schwer oder über Umwege zu erreichen. Doch Nachrichten und Bilder gelangen weiter nach draußen. Wie viele Menschen die Nachrichten jedoch im Iran verfolgen konnten, blieb unklar - selbst in normalen Zeiten hat nur etwa ein Viertel der gut 70 Millionen Iraner Zugang zum Internet. Die Signale des ansonsten beliebten Satellitenfernsehens wurden teils ebenfalls gestört.

Um jegliche unerwünschte Kommunikation über das Internet zu unterbinden, müsste die Regierung jedoch zu weit drastischeren Maßnahmen greifen. Der Zugang müsste wie in Kuba und Nordkorea komplett gesperrt werden, sagt ein Experte für Internet-Zensur an der Universität Harvard, John Palfrey. Das Internet garantiert im Iran auch weiterhin eine schützende internationale Aufmerksamkeit, selbst wenn die Berichte aus dem Land unter dem faktischen Arbeitsverbot für ausländische Medien leiden. "Es ist sicher: Die internationale Aufmerksamkeit macht es schwieriger, Dinge einfach unter den Teppich zu kehren", sagt Ethan Zuckermann vom Zentrum Berkman für Internet und Gesellschaft an der Universität Harvard. Die Proteste der Anhänger des nach offizieller Lesart bei der Wahl unterlegenen Kandidaten Mir Hossein Mussawi werden weitergehen. Und das Internet wird sie in die Welt tragen.

Wartungsarbeiten bei Twitter verschoben

Angesichts der Bedeutung der Onlinemedien für die Information der Weltöffentlichkeit über die Ereignisse im Iran intervenierte sogar angeblich das US-Außenministerium beim Kurznachrichtendienst Twitter. Dieser verschob geplante Wartungsarbeiten, wie mehrere Gewährsleute am Dienstag in Washington berichteten. Die Twitter-Betreiber wollten den Dienst am Montag für 90 Minuten zu Wartungszwecken abschalten. Dies wäre aber zu einer Zeit gewesen, in der im Iran noch Tag war und trotz der Zensurbemühungen der Regierung immer noch viele Informationen über den Dienst verbreitet wurden. Allerdings sagte ein Sprecher von Twitter, dass die Verschiebung nicht vom US-Außenministerium initiiert wurde. Man fühle sich geehrt, dass ein Service, der erst seit kurzer Zeit besteht, solch eine Relevanz zugesprochen wird. Doch die Verschiebung der Wartungsarbeiten wurde alleine von Twitter entschieden.

Auch stern.de twittert: Die Twitter-Accounts von stern.de

AP/Reuters
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
jsmooth (18.06.2009, 14:54 Uhr)
Wahrheit
@JohnnyCash
Amen, Gruß an Alles Schall und Rauch

@Max_Schub
Ich will, dass endlich die Wahrheit berichtet wird. Klar, die meisten Journalisten berichten aus dem Büro, denn für Propaganda brauchen sie nicht durch die Welt zu reisen. Da die meisten "modernen" Journalisten google zur Recherche nutzen und nur die ersten drei Seiten anschauen, ist es nicht verwunderlich, dass irgendwann überall die gleichen Lügen stehen.
Und beachte bitte das Kommentar über Georgien von JohnnyCash. Doppelmoral in höchster Form.
itsalltitts (18.06.2009, 14:10 Uhr)
Schon vergessen????
wie die reps den bush ins weisse haus gebacht haben???.
der unterschied zu iran ist lediglich der, dass die amis nicht die eier hatten, das zu tun was die iraner jetzt tun.
wie die us polizei darauf reagiert haette, kann man sich sicher vortellen,nachdem man sich ein wenig bei youtube rumgeschaut hat.
ein gutes beispiel ist sid klein aus clearwater. intimfreund der scientos.
Anemone (18.06.2009, 10:45 Uhr)
Kennt die protestierende Jugend
überhaupt das Programm des Moussavi? Oder steigert sie sich wegen einer mutmaßlich ungerechten Wahl in etwas hinein? Ich meine, Kopftücher zu lockern ist zu wenig. Hat bisher Moussavi sich gegen die verbalen Existenz-Bedrohungen Richtung Israel gestellt? Gegen die massive Unterstützung des Terrors, der Hisbollah? Gegen die massive Verfolgung der noch im Land verbliebenen Christen? Gegen die Todesdrohungen der Konvertiten?
Schluß mit den Lügen!
JohnnyCash (18.06.2009, 10:07 Uhr)
Proteste in Tiflis!
Darüber berichten die Medien nicht, denn Micheil Saakaschwili ist ja ein Guter und ein Freund. Nur über den Protest im Iran hören und sehen wir alles, wie böse die Behörden gegen die Opposition dort vorgehen. Wenn so was in einem quasi NATO- und EU-Land passiert, dann ist es keine Meldung wert oder landet bei „ferner liefen“. Findet es aber beim Erzfeind Iran statt, dann kann man sich gar nicht genug aufregen und walzt es breit. Da sieht man wie einseitig die Medien sind.
Watschdog39 (18.06.2009, 08:11 Uhr)
Nachtrag
Dies fand ich im "Guardian" , ich habe es grob übersetzt:
'Irgendjemand, Mousavi glaubend, würde derjenige sein, um sich zu öffnen, die iranische Faust für eine Partnerschaft der Hand-in-Hand des Friedens mit den Vereinigten Staaten ist des Wunschdenkens schuldig,' sagte Ranj Alaaldin, in der Außenpolitik-Zeitschrift schreibend. 'Es war Mousavi schließlich, der am Zentrum [1979-1981] Geisel-Krise von Iran war. Und es war [der Premierminister] Mousavi, ein Schützling von Ayatollah Ruhollah Khomeini, Gründer des theokratischen Irans ..., unter dessen Bewachung Tausende von politischen Gefangenen 1988 niedergemetzelt wurden.'
Watschdog39 (18.06.2009, 07:35 Uhr)
Informationsrecht ???
Na ja, bei uns in der BRD gibt es laut Grundgesetz ein Recht auf Information, eine Zensur findet nicht statt!!
Doch was die dumme Masse nicht wissen soll wird dann einfach verheimlicht, die Medien berichten nicht, oder falsch, darüber. Zensur? Die findet überall statt, in Foren wie diesem, im Internet und in den Medien!!
Wenn im Iran alles so diktatorisch ist, warum wird dann überhaupt gewählt?? Und wer glaubt denn im Ernst, das ein neuer Präsident etwas anders machen würde? Schließlich sind die Kontrolleure, die Mullahs, immer noch an der Macht. Diese stehen nicht durch eine Wahl zur Disposition. Und darüber sollte jeder mal nachdenken; wem nutzt es wenn im Iran die innenpolitische Lage destabilisiert wird??
Und wie will man Beiträge in Twitter oder Fcebook verifizieren??? Diese können durchaus auch in einem oder zwei anderen Ländern, die Interesse am Iran haben :-))) gefakt werden. Und wenn dann die iranische Volksseele so richtig am Kochen ist muss man dort einmarschieren um der "Demokratie" zu ihrem "Recht" zu verhelfen und das iranische Volk zu "befreien".
Das Schema hat im Irak funktioniert, es wird auch hier wieder angewandt.
arniston (18.06.2009, 07:14 Uhr)
zurück aus der zukunft
vom mittelalter zu twitter
ist ja echt nicht einfach.
Max_Schub (18.06.2009, 01:03 Uhr)
@jsmooth @Omom
jsmooth, Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass ausländische Journalisten in dieser Lage eine Chance haben, "Schilder zu platzieren", oder? Was wollen Sie überhaupt sagen? Bezweifeln Sie, dass es derzeit eine Ausgangssperre für ausländische Journalisten gibt? Dass nur noch aus dem Büro berichtet werden darf? Oder wie? @Omom: Aha. Weil unsere Medien Stimmung gegen den Iran machen kommt es dort zu schwersten Unruhen? Macht Sinn. Was die Einseitigkeit anbelangt: In der seriösen Presse wird in jedem Artikel überdeutlich darauf hingewiesen, dass man aufgrund der dortigen Restriktionen die Meldungen weder bestätigen noch dementieren kann.
jsmooth (17.06.2009, 21:54 Uhr)
@Mopar
Ok, in diesem Fall muss ich dir sogar recht geben. Das ändert aber nichts an meinen Erfahrungen und die anderer, dass überwiegend englischsprachge Schilder gezeigt werden, von denen sicherlich oft welche "platziert" werden.
Zur Info: Mein Weltbild ist sicherlich nicht lustig, im Gegeteil, es ist oft deprimierend und anstrengend. Aber das ist die Wahrheit nunmal.
Mopar (17.06.2009, 21:30 Uhr)
@ jsmooth
Ich versteh Dein Problem nicht, auf fast allen Bildern sieht man persische Schilder (oder welche Sprache auch immer das sein mag), guck doch einfach mal hier in die Bildergalerie. Und dass einige (in diesem Fall sehr wenige) englischsprachige dabei sind (die die "Medien" uns auch gerne zeigen, damit auch wir lesen können wogegen die Leute protestieren) war schon immer so und wird immer so sein. Auch wenn das nicht in Dein lustiges Weltbild passt.
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