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Aus Vielfalt wird Einheit

Das Internet - ein Hort der Meinungsvielfalt? Theoretisch schon. Doch in der Realität herrscht Einförmigkeit der Ansichten. Das liegt zum einen an uns selbst, zum anderen an den Filtern von Amazon, Google, Facebook & Co.

Von Carsten Görig

  Das Netz macht es uns leicht, uns nur mit Unseresgleichen zu umgeben

Das Netz macht es uns leicht, uns nur mit Unseresgleichen zu umgeben

Neue Techniken führen dazu, dass die Menschen zueinanderfinden. Zugang zu allen Informationen führt dazu, dass wir uns umfassend informieren, Verständnis für andere Meinungen entwickeln und unsere Standpunkte ausgewogener werden - das zumindest propagieren die Verfechter sozialer Netzwerke und Suchmaschinen wie Google. Das Netz ist der große Heilsbringer. Viele Studien zeigen allerdings: Das Gegenteil ist der Fall. Wir denken immer eindimensionaler. Das Netz gibt uns unzählige Möglichkeiten, die eigene Meinung zu stärken und zu verfestigen. Gleichzeitig gibt es uns sehr viele Möglichkeiten, anderen Meinungen auszuweichen. Das ist ein dem System inliegendes Problem: Wenn man es jemandem bequem machen möchte, sucht man ihm Sachen heraus, die er kennt, an die er gewöhnt ist. Und das Ziel der neuen Dienste ist es ja, es dem Menschen im Internet so bequem wie möglich zu machen.

1971 veröffentlicht der amerikanische Wissenschaftler Thomas Schelling eine Studie, die den Titel "Models of Segregation" trägt (Modelle der Trennung), wobei er sich mit dem Begriff der Trennung auf Rassentrennung in Städten bezieht. Auf einem Spielbrett legt er dar, wie selbst eine nur geringe Vorliebe, sich mit Menschen der eigenen Hautfarbe zu umgeben, zu einer vollständigen Trennung von Wohngebieten führen kann. Ein Prozess, der in Städten Jahre und Jahrzehnte dauern, woanders aber deutlich schneller verlaufen kann.

Wir suchen Zustimmung

Dieses Modell lässt sich auf andere Formen des menschlichen Zusammenlebens übertragen, auch auf das Internet, auf unsere Surf-Gewohnheiten. Wir neigen dazu, Dinge zu suchen, die uns näher sind, die uns in unserer Meinung bestärken. Und das tun wir auch im Netz. Mit jedem Klick, mit jeder Seite, die wir uns anschauen, erziehen wir die Suchmaschinen, uns mehr von dem zu zeigen, was wir mögen, weniger von dem, was wir nicht mögen. So kommen wir immer weniger in Kontakt mit Meinungen, die wir nicht so gerne sehen oder lesen. Es ist ein individueller Prozess, bei dem sich die Suchmaschine unseren Bedürfnissen anpasst, oder vielmehr dem, was sie als unsere Bedürfnisse errechnet. Mit dem Ergebnis, dass die Maschine uns irgendwann nur noch die Seiten oben anzeigt, die sie für uns als einzelne Person für wichtig hält.

Anschaulich wird dieser Effekt bei einer Funktion, die der Online-Händler Amazon auf seiner Seite hat. Sie heißt Empfehlungen. Dort werden uns Produkte vorgestellt, die uns gefallen könnten. Sie werden uns deshalb vorgestellt, weil ein Algorithmus untersucht, welche Produkte wir bereits bei Amazon gekauft haben, welche Sachen wir angeschaut haben und uns danach doch für etwas anderes entschieden haben. Einbezogen werden die Käufe anderer Amazon-Kunden, deren Kaufverhalten dem unseren ähnelt. Die Liste, die dabei herauskommt, ähnelt dem Segregationsmodell von Schelling. Sie ist voll von Dingen, die denen ähneln, die wir bereits gekauft haben. Und je länger wir bei Amazon einkaufen, desto enger wird diese Liste, desto weniger überraschende Sachen landen darauf.

Überraschungen kann man nicht berechnen

Wenn ich also CDs von Neil Young bestelle, so wird beim nächsten Aufruf dieser Liste auf den ersten Seiten eine ganze Reihe weiterer CDs von Neil Young auftauchen, eventuell gemischt mit Bob Dylan, weil sich die beiden nicht nur musikalisch immer wieder ähnlich sind, sondern auch weil sich die Käuferschaft in großen Teilen überschneiden wird. Die Empfehlungen sind eine praktische Funktion, die das Leben aber auch sehr langweilig machen könnte, wenn man ihr folgt. Denn Überraschungen und Zufälle können die Algorithmen nicht berechnen. Für die ist das Leben da, kein Computer.

Und so kann Amazon keinen Platten- oder Buchhändler ersetzen, der uns kennt. Dieser empfiehlt uns ebenfalls oft Alben oder Bücher, von denen er, aufgrund unserer früheren Käufe, recht sicher weiß, dass sie uns gefallen werden. Doch immer mal wieder wird er uns auf etwas hinweisen, von dem er nicht sicher ist, ob wir es mögen werden, von dem er aber selbst so überzeugt ist, dass er es unbedingt weiterempfehlen möchte.

Doch es ist die technische Idee von der Funktion des Gehirns, die in Firmen wie Google oder Facebook vorherrscht. Und in der hat der Zufall keinen Platz. Schon bevor wir einen Begriff eingeben, möchte Google uns die Antwort auf das geben, was wir suchen. Das ist eines der fernen Ziele der Google-Gründer. Doch das funktioniert nur, wenn sie uns genau kennen, wenn sie unsere Gewohnheiten auswerten und wir innerhalb dieser handeln. Und genau deshalb steuern sie uns weiter in eine Ecke, aus der wir nur schwer wieder herauskommen, und verfestigen und bilden damit unsere Meinung.

Digital verstärktes Schubladendenken

Auch Facebook kann uns digitale Scheuklappen aufsetzen: Der Strom der Nachrichten von unseren Freunden und den Seiten, die uns gefallen, wird standardmäßig per Software gefiltert. Um uns nicht zu überfordern, bekommen wir nur Beiträge derjenigen zu Gesicht, mit denen wir sowieso schon viel interagieren. Immerhin: Der Filter lässt sich einfach abschalten.

Das alles erinnert einerseits stark an das Schubladen-Denken, das wir nur allzu gut aus dem Alltag kennen und das sehr menschlich ist. Doch es ist online sehr viel einfacher, Menschen in ihrem gewohnten Denkumfeld zu halten oder auch sich selbst im gewohnten Umkreis zu bewegen. Das ist es auch, was Google möchte. Die Suchmaschine wertet anhand unseres Suchverhaltens das aus, was wir tun, und lenkt uns mit den darauf angepassten Ergebnissen weiter in diese Richtung. Es greifen online ganz ähnliche Mechanismen, wie wir sie bereits aus dem "echten" Leben kennen - mit dem Unterschied allerdings, dass sie online sehr viel schneller greifen und weniger störanfällig sind.

Im Internet ist es viel einfacher als außerhalb, sich einer Gruppe Gleichgesinnter anzuschließen. Denn weil es so viele Meinungen gibt, so viele diverse Gruppen, wird man viel schneller eine finden, in der man sich wohlfühlt. Muss man in dem Ort, in dem man wohnt, in dem Mietshaus immer wieder mit Menschen verhandeln, mit denen man nur wenige Vorlieben teilt, mit denen man politisch nicht übereinstimmt, die deutlich älter oder jünger sind, so lässt sich das im Internet vermeiden. Vielfalt führt zu Einfalt.

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