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Zwangskuscheln mit Google

In München diskutieren Medienschaffende über die Zukunft des Journalismus. Doch im Übergang zum Digitalen haben die Verlage mit Unternehmen wie Google ganz neue Gesprächspartner - die sie hassen, aber zugleich lieben müssen.

Von Gerd Blank, München

"Wir sind auch so etwas wie Newcomer." Dieser Satz der Microsoft-Managerin Dorothee Ritz klingt seltsam, wenn man bedenkt, dass der Konzern aus Redmond seit Jahrzehnten mit seiner Software über die Computer der Welt herrscht. Doch in der Diskussion um die Zukunft der Medien, darum, wie wir künftig digital lesen, fernsehen oder kommunizieren, stimmt diese Aussage. Sie macht deutlich, dass wir uns in einem Umbruch befinden, dass es darum geht, neue Regeln zu etablieren. Urheberrechte, die aus einer Zeit stammen, als Telefone noch Wählscheiben hatten, können nicht uneingeschränkt im Breitband-Zeitalter das Maß aller Dinge sein. Und da sind auch Traditionsfirmen so etwas wie Newcomer.

Philipp Schindler, Europachef von Google, hat auf dem Online-Gipfel ein leichtes Spiel. Die Politik, namentlich die Bundesministerinnen Ilse Aigner und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, lobt den Großkonzern für sein Entgegenkommen bei Street View. Und die Verlage erhalten vom weltgrößten Suchmaschinenbetreiber jährlich sechs Milliarden Dollar für Anzeigeneinblendungen.

Streitfall Leistungsschutzrecht

Doch die Verlage wollen mehr: das Leistungsschutzrecht. Sie wollen eine Art Gema für journalistische Beiträge, bekommen aber prompt eine Absage von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU): "Es wird keine Gema geben, die es Dukaten regnen lässt." Also soll Google bluten, weit über die Anzeigenerlöse hinaus, die der Konzern eh schon mit den Verlagen teilt. So fordert Klaus Schrotthofer, Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Thüringen, einen fairen Anteil an den Erlösen.

Doch was ist fair? Verlage stellen ihre Inhalte kostenlos ins Netz, damit diese möglichst oft gelesen werden. Schließlich erhofft man sich von vielen Lesern mehr Werbeumsätze und Strahlkraft auf die Marke. Dabei nutzen sie Google, schließlich sollen die Artikel, Fotostrecken und Services im großen Suchmaschinenschaufenster platziert werden. Es gibt kaum einen Verlag, der seine Artikel nicht für Google optimiert. Google ist quasi das neue Zeitschriftenregal im Kiosk, und täglich kämpfen die Redaktionen um die besten Plätze. Nur durch Google werden einige regionale Zeitungen überhaupt überregional wahrgenommen. Was ist also fair?

Ist Paid Content also die Lösung? Sind Leser bereit, für digitale Inhalte zu bezahlen? Diese Frage beschäftigt die Verlage dringend, schließlich gehen die Auflagen der Printprodukte immer weiter in die Knie. Doch bislang ist es Gang und Gäbe, dass teuer produzierte Inhalte im Web verschenkt werden. Zwar kaufen iPhone-Besitzer wie verrückt Apps und surfen auch wie kein anderer Smartphone-Nutzer mobil im Web. Dennoch denn halten sich Verlage mit einem einheitlichen Paid-Konzept zurück - sie wollen die möglichen Einnahmen nicht mit Apple teilen.

Ist Google schuld an allem?

Es ist leicht, ein Feindbild aufzubauen und ihm dann die Schuld für alle ungelösten digitalen Probleme zu geben. Ob Netzneutralität, Urheberrecht oder Datenschutz - alle Augen sind auf Google gerichtet, schließlich ist der weltweit größte Anbieter von Internetservices der Taktgeber. Doch während Verlage die Verantwortung für ihr Digitalisierungsproblem abgeben wollen, nehmen Google, aber auch Microsoft und Telekom diese Verantwortung nicht an.

Die Print-Dinosaurier werden mürbe und setzen verstärkt auf das Internet. "Wir produzieren Inhalte, es ist irrelevant, ob diese auf Papier oder digital produziert werden", sagt Hans Gasser vom österreichischen Zeitschriftenverband. Und Andreas Scherer von der "Augsburger Allgemeinen" legt noch einen drauf: "Wir fühlen uns wohl im Cyberspace."

Die IT-Größen sehen sich als Wirtschaftsunternehmen, als Dienstleister. Dabei kommt den Konzernen inzwischen auch eine gesellschaftliche Verantwortung zu. Fällt das Netz der Telekom aus, bricht für nicht wenige eine neue Steinzeit ohne Medien an. Haben Microsoft-Produkte Fehler, bricht die technische Versorgung zusammen. Und Google sammelt so viel Daten von der Bevölkerung, dass damit Dutzende Gauck-Behörden gefüllt werden könnten. Doch der Datenschutz wird zum Geschäftsmodell, gerade wenn Daten immer häufiger - Schlagwort: Cloud Computing - nicht mehr auf dem eigenen Rechner, sondern irgendwo in der Datenwolke gespeichert werden. Nur wer glaubhaft machen kann, dass ihm persönliche Daten ein wertvolles Gut sind, wird damit auch Kunden und Käufer gewinnen. Schließlich handelt es sich um Wirtschaftskonzerne.

Die Diskussion wird zahmer, die Gegner ziehen die Krallen ein. Die Politik lobt die IT-Konzerne, und die Verlage lernen, mit dem Web umzugehen. Und alle schauen auf Google, denn keiner versteht das Internet und die Nutzung digitaler Inhalte besser als der Suchmaschinenkonzern. Tatsächlich ist Google laut Schindler "kein Newcomer - so viel Selbstreflexion haben wir."

Lesen Sie dazu auch bei unserem Partner in der Schweiz, 20 Minuten Online: "Die lustigsten Bilder aus Google Street View"

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