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Google stellt den Suchturbo an

Mit der Sofortsuche "Instant" fängt Google schon beim Schreiben des Suchbegriffs an, mögliche Treffer anzuzeigen. Der neue Dienst will die Gedanken der Nutzer erraten und dadurch bei der Suche viel Zeit sparen. Allerdings äußerten die ersten Kritiker bereits Bedenken.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Das Leben ist zu kurz, um auf Suchergebnisse zu warten, hat Google beschlossen - und deshalb wollen die Kalifornier ihren Nutzern künftig ein Stück entgegenkommen: Mit der Sofortsuche "Google Instant" fängt der Internetdienst schon beim Schreiben des Suchbegriffs an, mögliche Treffer anzuzeigen. Mit jedem Buchstaben tastet Google sich an die Absichten seiner Nutzer heran, noch ehe die Eingabe-Taste zur Bestätigung der Suche gedrückt wird. Automatisch aktualisiert sich die Trefferliste nach jedem Buchstaben neu, abhängig von dem, was man vermutlich sucht. So genügt es künftig, "ob" einzutippen, um Webseiten zum US-Präsidenten Obama zu sehen, "luf" führt zur Lufthansa, und aus "okt" wird automatisch das Oktoberfest.

"Wir machen das Suchen schneller und leichter", erklärte Google-Vizepräsidentin Marissa Mayer am Mittwoch bei einer Presseveranstaltung in San Francisco. "Wir liefern Ergebnisse in Echtzeit, schon bevor Nutzer Gelegenheit haben, ihren Suchbegriff zu Ende zu schreiben." Vor gut zehn Jahren, am 1. April 2000, präsentierte Google etwas Ähnliches als Aprilscherz: "Machen Sie sich in Gedanken ein Bild von dem, was Sie suchen möchten", hieß es damals, den Rest übernehme dann das "Mentalplex"-System. "Heute sind wir so weit, dass so etwas tatsächlich möglich ist", verkündete Mayer bei der Präsentation. Google Instant komme Gedankenlesen bereits sehr nahe.

In Wahrheit allerdings braucht das Unternehmen, das in Deutschland fast 90 Prozent aller Suchanfragen abwickelt, für seinen jüngsten Trick keine übersinnlichen Fähigkeiten - Google genügt es, seine enormen Mengen von Daten auszuwerten, um einigermaßen präzise zu erraten, was jemand meint, der "eif" eingibt. Sollte es dabei ausnahmsweise nicht um den Eiffel-Turm gehen (wie Google auf Anhieb vermutet), sondern um die Eifel oder auch das Wort "eifrig", wird das der Suchmaschine spätestens beim nächsten oder übernächsten Buchstaben klar. Blitzschnell erscheint dann die korrigierte Trefferliste. "Google kann zwar keinem einzelnen Menschen in den Kopf schauen und seine Absichten erraten", erklärt Danny Sullivan, Chefredakteur der Webseite Search Engine Land, "aber Google kann Gedanken lesen, wenn es darum geht, was die Masse will." Denn das teilen mittlerweile mehr als eine Milliarde Menschen rund um die Welt den Kaliforniern fortwährend durch ihre Suchanfragen mit.

"Aah- und Ooh-Rufe"

Das wirklich Neue an Google Instant ist auch nicht das Vervollständigen der Begriffe, die Nutzer eingeben - das bietet die Suchmaschine mit ihrer "Auto complete"-Funktion schon lange. Neu ist die Kombination dieser Vorschläge mit dem sofortigen Anzeigen möglicher Treffer, dynamisch und live. "Das wird bei vielen Menschen zu Aah- und Ooh-Rufen führen", sagt Sullivan voraus. Gut möglich, glaubt der Analyst, dass der neue Effekt schon bald zum Standard wird, den Nutzer auch auf anderen Webseiten erwarten. Bei Google selbst, so berichtet die Firma, gab es sofort Proteste und Entzugserscheinungen, wenn die Live-Suche in der hausinternen Testphase gelegentlich nicht nutzbar war. "Es ist wie mit einer Servolenkung", sagt Marissa Mayer. "Wenn man sie einmal ausprobiert hat, mag man sie nicht mehr missen."

Allerdings birgt die neue Funktion für den Suchmaschinen-Riesen auch Risiken - zum einen, weil Google, entgegen allem Anschein, eben nicht wirklich seinen Nutzern in den Kopf schauen kann. Beim Raten, welcher Begriff wahrscheinlich gemeint ist, orientiert die Software sich am Geschmack der Masse. Wer häufig Obskures sucht, Dinge, die vom Durchschnitt abweichen, wird von Google Instant womöglich enttäuscht. "Die Gefahr ist, dass Leute nicht die Vorschläge sehen, die sie erwarten", erklärt Danny Sullivan. Bei bestimmten Themen, etwa Politik und Religion, könnten Nutzer sogar ausgesprochen ärgerlich werden, spekuliert der Suchmaschinen-Experte. "Was Google sich vorgenommen hat, ist keine leichte Aufgabe."

Die andere Gefahr besteht genau im Gegenteil: Google-Fans könnten davon verschreckt werden, dass ihre Suchmaschine sie viel zu gut zu kennen scheint. Je präziser die Software errät, was man meint, obwohl erst zwei oder drei Buchstaben in dem Eingabefeld stehen, um so größer könnte die Sorge vor dem Big Brother aus dem Internet werden. Schon die Debatte um Street View zeigt, dass Google vielen - besonders in Deutschland - mittlerweile unheimlich wird. Google Instant ändert zwar nichts daran, wie die Suchmaschine arbeitet, doch es führt deutlicher vor Augen als bisher, welch enormes Wissen die Kalifornier über die Welt und ihre Nutzer angesammelt haben. Die neue Funktion könnte, analog zu Street View, als eine Art "Mind View" interpretiert werden: als Blick in den Kopf, der noch mehr Menschen unruhig macht.

"Wir nehmen den Schutz der Privatsphäre sehr ernst"

Google bemühte sich am Mittwoch, solche Bedenken zu entkräften. "Wir nehmen den Schutz der Privatsphäre sehr ernst", versicherte Mitgründer Sergey Brin im Gespräch mit Journalisten. Für die neue Funktion würden keinerlei persönliche Informationen der Nutzer ausgewertet, etwa Daten aus früheren Suchanfragen oder Vorlieben, die Google aus E-Mail und anderen Diensten herauslesen könnte. "Wir können schon durch Raten sehr gute Ergebnisse erzielen", erklärt Brin. Auch Marissa Mayer beteuert gegenüber stern.de: "An den Informationen, die wir sammeln, ändert sich nichts. Wer also kein Problem darin sieht, Google zu nutzen, muss sich auch bei Google Instant keine Sorgen machen."

Dennoch verlangt der neue Service, dass Nutzer sich namentlich anmelden. Nur wer ein Google-Konto hat (etwa durch eine Googlemail-Adresse), bekommt die Live-Funktion zu Gesicht. Die Firma begründet das mit der enormen Belastung ihrer Rechensysteme: Die Instant-Suche bedeutet für Googles Großcomputer auf einen Schlag ein Vielfaches an Mehrarbeit, weil die Rechner sofort reagieren müssen, nicht erst, wenn die Eingabe-Taste gedrückt wird. "Wir mussten einen Weg finden, die Zahl der Anfragen zu begrenzen", sagt Marissa Mayer. Deshalb das Anmelden, denn zumindest in der Anfangsphase sei Google Instant als "Belohnung für unsere treuesten Nutzer" gedacht. Amerikaner können den Dienst sofort ausprobieren, Deutsche, Briten, Franzosen, Italiener, Spanier und Russen müssen sich noch mindestens bis zur nächsten Woche gedulden. Google will den Dienst Stück für Stück in weiteren Ländern freischalten.

Ist die Sofortsuche erst einmal weiträumig aktiv, wird sie das Leben im Internet deutlich beschleunigen, verspricht Mayer: "Wir schätzen, dass unsere Nutzer durch Google Instant 350 Millionen Stunden im Jahr an Zeit sparen werden", erklärt die Topmanagerin. Und was fängt die Welt mit so viel zurückgewonnenen Stunden an? Sie surft im Internet, ganz klar. Googles Eifer, Instant-Vorschläge zu machen, habe die verlockende Nebenwirkung, sich weiträumiger umzuschauen, als man es vielleicht sonst geplant hätte, berichtet Marissa Mayer. "Ich denke, wir werden eine intensivere Nutzung sehen", sagt sie. "Bei mir selbst stelle ich fest, dass ich viel Neues lerne, weil ich mehr Zeit damit verbringe, im Internet zu suchen." Sekunden gewonnen, weil einzelne Anfragen sich beschleunigen - und dennoch ausgiebiger auf Du und Du mit der Suchmaschine, weil das Neue zum Ausprobieren und Verweilen einlädt. Google kann das nur Recht sein. Jeder Klick ist für das Unternehmen ein Gewinn.

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