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Der Kampf ums ganze Leben

Mit neuen Funktionen will Facebook zum alltäglichen Begleiter für über 800 Millionen Nutzer werden - eine Herausforderung für Datenschützer ebenso wie für Google.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Nur Einsiedler bleiben künftig noch unter sich. Alle anderen lassen ihre Freunde fleißig wissen, was sie gerade bewegt und beschäftigt - ob sie essen, spielen, laufen, lesen, fernsehen, einkaufen, kochen oder Musik hören. Jeden Augenblick rufen sie in die Welt hinaus, ihr Leben lang, und alles läuft dort zusammen, wo die Welt sich ohnehin trifft, immerzu: bei Facebook.

So zumindest stellt Mark Zuckerberg sich die Zukunft vor. Am Donnerstag präsentierte der Facebook-Gründer in San Francisco eine Fülle an neuen Funktionen für sein soziales Netzwerk, das inzwischen die Herzen von mehr als 800 Millionen Nutzern rund um den Erdball erobert hat. Sie alle bekommen demnächst die Möglichkeit, ihr Profil aufzumöbeln: An die Stelle der bisherigen Nachrichtenspalte, die sich eher nüchtern gab, tritt in den nächsten Wochen eine Zeitleiste, die sogenannte "Timeline", die aus allen Richtungen mit Multimedia-Inhalten gefüttert werden kann. Ob Fotos, Videos, Musik oder Status-Meldungen über das, was Nutzer gerade bewegt - alles findet sich in der Timeline wieder, die an ein buntes Tagebuch erinnert, das sekündlich neue Einträge bekommt.

"Die Geschichte deines Lebens"

Nichts davon soll je verfallen. Anders als bisher will Facebook immer weiter sammeln, ohne ältere Einträge zu löschen, denn fortan geht es um mehr als flüchtige Nachrichten unter Freunden und Bekannten. Nutzer können sogar rückwirkend Lücken füllen, denn die Timeline solle nichts weniger sein als "die Geschichte deines Lebens", erklärte Zuckerberg in seiner Auftaktrede zur jährlichen Entwicklerkonferenz. Dabei hingen nicht nur die Anwesenden im Saal an seinen Lippen, sondern zeitweilig auch mehr als 100.000 Zuschauer per Live-Stream im Internet. Je länger das Nutzerleben währt, um so stärker will Facebook ältere Informationen zusammenfassen, damit sie weiterhin auf einen Blick alles Wichtige zeigen. Software, die sich auf künstliche Intelligenz verlässt, versucht dabei, das Bedeutende vom weniger Bedeutenden zu unterscheiden. Die Timeline "kann dein ganzes Leben zeigen, auf einer einzigen Seite", verspricht Zuckerberg. "Es ist eine tolle Art, zu entdecken, was andere Leute in ihrem Leben alles gemacht haben."

Damit die Zeitleiste sich automatisch füllt, hat Facebook eine neue Art von "App" entwickelt - Anwendungen, die es Partnerfirmen erlauben, sich beim sozialen Netzwerk einzuklinken und zu berichten, was Nutzer alles tun. Musikdienste wie Spotify und Rdio etwa melden, wer gerade welche Lieder hört; Yahoo News zeigt, welche Nachrichten Freunde besonders interessieren; ein Videoverleih wie Netflix kann Filmtipps weitergeben; und begeisterte Sportler, die beim Joggen Turnschuhe mit "Nike+"-Funktion tragen, können der Welt sogar zeigen, wann sie laufen und wohin sie laufen - dank GPS taucht die Strecke dann auf einer Landkarte in Nikes Facebook-App auf. "Keine Betätigung ist zu klein oder zu groß, um sie anderen mitzuteilen", ermuntert Zuckerberg seine Nutzer. Schließlich gehe es darum "auszudrücken, wer du bist".

Unwohlsein, sich der ganzen Welt zu öffnen

All das ist Teil eines langfristig angelegten Plans, der im vorigen Jahr mit dem "Gefällt mir"-Knopf begann: Mit jedem Klick dehnt Facebook sein Reich über die eigenen vier Wände aus und lernt seine Nutzer ein bisschen besser kennen. "Facebooks Ehrgeiz ist enorm", erklärt der Social-Media-Experte Jeff Jarvis. "Während Google uns dabei hilft, Informationen zu finden, will Facebook unser ganzes Leben organisieren." Dass vielen unwohl dabei ist, sich ganz und gar der Welt zu öffnen, wissen die Kalifornier. "Ihr habt die komplette Kontrolle darüber, was in der Timeline zu sehen ist und wer es sehen kann", versichert Zuckerberg. Die Firma selbst liest freilich in jedem Fall mit und gewinnt immer intimere Einsichten in die Interessen der Mitglieder. Deshalb rät Jarvis, Autor des neuen Buchs "Public Parts": "Facebook ist kein Ort, um Geheimnisse aufzubewahren - bei Facebook geht es darum, sich mitzuteilen." Das habe viele Vorteile, argumentiert Jarvis, ein ausdrücklicher Verfechter der neuen Offenheit im Netz. "Doch niemand wird gezwungen mitzumachen."

Für Facebook geht es darum, über die reine Popularität hinauszuwachsen. In der vorigen Woche waren erstmals 500 Millionen Menschen gleichzeitig in dem sozialen Netzwerk unterwegs. Das ist unerhört und reicht doch nicht. Mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar (knapp 1,2 Milliarden Euro) im ersten Halbjahr bleibt der digitale Jahrmarkt der Eitelkeiten immer noch weit hinter seinem großen Konkurrenten Google zurück: Der Suchmaschinenriese nahm allein im jüngsten Quartal 9 Milliarden Dollar ein. Deshalb legt es Mark Zuckerberg nun verstärkt darauf an, dass Hunderte von Millionen Menschen mehr Zeit in seinem Reich verbringen und sich gegenseitig Bücher, Filme, Musik und eine Vielzahl von Produkten empfehlen. "Facebook geht es darum, Nutzer enger an sich zu binden", erklärt Michael Gartenberg, Internet-Analyst beim Marktforscher Gartner. "Je intensiver Menschen sich mit Facebook befassen, um so mehr Daten kann die Firma sammeln. Und natürlich ist das Interesse, das dahinter steht, nicht Gemeinnutz."

Neuheiten haben auch finanzielle Dimensionen

Zwar verlor Zuckerberg am Donnerstag kein Wort über Geld, doch die neuen Apps geben Facebook prinzipiell die Möglichkeit, bei Partnerfirmen mitzuverdienen, wann immer Nutzer mit ihren Klicks den Umsatz ankurbeln. Obendrein lassen sich Anzeigen um so präziser steuern, je genauer die Kalifornier über die Vorlieben ihrer Mitglieder Bescheid wissen.

Die Konkurrenz freilich steht nicht still: Pünktlich zu Zuckerbergs großem Auftritt öffnete Google in dieser Woche seinen Facebook-Konkurrenten Google+ der Allgemeinheit. "Beide wollen mehr sein als nur soziale Netzwerke", sagt Gartenberg. "Sie wollen Plattformen werden."

Wer sich durchsetzt, könnte einen neuen Standard für das Miteinander im Internet setzen: Ähnlich wie beim Kampf der Smartphone-Plattformen zwischen Apples iPhone und Googles Android geht es um ein weit verzweigtes Ökosystem mit vielen Beteiligten und der Aussicht auf Milliarden-Umsätze. "Es ist noch viel zu früh, um zu sagen, wer die Nase vorn hat", erklärt Jeff Jarvis. Klar sei allerdings, dass die beiden Giganten sich zunehmend ins Gehege kommen: Während Google sich bemühe, weit mehr zu sein als eine Suchmaschine, ziele Facebook mit seinen neuen Funktionen darauf ab, dass Nutzer gar keine Suchmaschine mehr befragen müssen, um Musik, Filme, Bücher, Kochrezepte und vieles mehr zu entdecken. "Google und Facebook sind an mehreren Fronten in einen heftigen Konkurrenzkampf verwickelt", sagt Jarvis.

Unter den Firmengründern hat fürs Erste Mark Zuckerberg die Nase vorn: Auf der neuesten Forbes Liste der amerikanischen Superreichen belegt der 27-Jährige mit einem Vermögen von 17,5 Milliarden Dollar (knapp 13 Milliarden Euro) Platz 14 - knapp vor den Google-Lenkern Sergey Brin und Larry Page, die mit jeweils 16,7 Milliarden Dollar gemeinsam auf Platz 15 landen.

Ob der Facebook-König versucht war, bei dieser Nachricht auf den "Gefällt mir"-Knopf zu drücken? Öffentlich ließ er sich den Triumph nicht anmerken: Sein Profil sieht noch ziemlich alt aus, und über Forbes verliert er kein Wort. Manchmal können auch die größten Fans der Mitteilsamkeit ziemlich verschlossen sein.

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