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4. Juni 2005, 07:49 Uhr

"Mache viel Geld mit sehr wenig Mühe"

Das Schema ist immer das gleiche: In den E-Mails aus Nigeria oder Sierra Leone bitten wildfremde Menschen um Hilfe - und versprechen fürstliche Belohnungen. Sogar Wissenschaftler beschäftigen sich inzwischen mit der "Nigeria-Connection".

In diesem Beispielbrief geht es um ein "schlafendes Konto" mit 26 Millionen US-Dollar© nigeria-connection.de

Die Geschichten werden täglich millionenfach in alle Welt versandt und versprechen vor allem eines: in kurzer Zeit reich zu werden. Das Schema ist immer das gleiche: In den E-Mails aus Nigeria oder Sierra Leone bitten wildfremde Menschen um Hilfe. Sie hätten Millionen Dollar geerbt, kämen aber aus politischen Gründen nicht an das Geld auf ihrem Konto. Nur ein Ausländer könne beim Geldtransfer helfen. Als Provision winke ein Teil des Geldkuchens.

"Es handelt sich hier um fantastische E-Mail-Geschichten, mit krimineller Absicht", sagte der Volkskundler Klaus Roth auf einer Fachtagung in Marburg. Die betrügerischen Mails stünden ganz in der Tradition der Lügengeschichten: Aber statt wie früher den Leser einfach zu unterhalten, solle dieser selbst aktiv werden und Bankgeschäfte tätigen.

Nicht mehr nur Nigeria

Vor etwa 15 Jahren hatten die Märchen in Nigeria ihren Anfang gefunden. Damals wurden sie noch per Fax oder Brief verschickt. Mittlerweile landen täglich Millionen Mails in den Postfächern. Diese Form der Wirtschaftskriminalität geht aber längst nicht mehr nur von Afrika aus. "Es werden ebenso Lügenmärchen aus China oder sogar Holland versandt", sagte Roth.

99 Prozent aller Internet-Nutzer löschen nach Angaben des Wissenschaftlers solche Mails. Ein Prozent aber reagiere auf die elektronische Post. "Vor allem hemmungslose Habgier, Ignoranz und Naivität bringen Menschen dazu, den dubiosen Geschichten Glauben zu schenken", erklärte der Volkskundler. Selbst massenhafte Rechtschreib- und Grammatikfehler machten die Adressaten nicht misstrauisch. Das Bundeskriminalamt schätzte den weltweiten Schaden der betrügerischen Mails 1999 auf fünf Milliarden Dollar.

Verschiedene Kommunikationskulturen

Auch wegen der unterschiedlichen Kommunikationsformen in der westlichen Welt und den Entwicklungsländern finden die Lügen-Geschichten laut Roth noch immer ihre Opfer: "Europäer und Amerikaner erscheinen leichtgläubig, wenn sie auf nicht existierende Ministerien in Afrika oder Rechtsanwaltsbüros vertrauen", sagt Roth. In den Industrieländern sei es aber gang und gäbe, mit Menschen und Institutionen Geschäfte zu machen, die man selbst gar nie direkt kennen gelernt habe. In Afrika klappten dagegen Geschäfte meist nur bei persönlichem Kontakt.

Mitunter enden die Lügenmärchen sogar tödlich: So sei der nigerianische Konsul in Prag im Februar 2002 von einem Militärarzt erschossen worden, weil dieser ihn für seinen Geldverlust verantwortlich gemacht habe, erzählte der Experte. Der Mann habe einer E-Mail Glauben geschenkt, die ihm Millionen Dollar versprochen habe, wenn er bei einem Geldtransfer aushelfen könne. Zuvor habe er jedoch umgerechnet 500.000 Euro Gebühren auf ein nigerianisches Konto überweisen müssen. Das Geld sei spurlos verschwunden.

Hilfe beim Heben des Familienschatzes

"Die Geschichten gehen immer nach demselben Schema vor", berichtete Roth. Der Adressat werde als Unternehmer oder Freund tituliert, um Vertrauen zu erwecken. Beim Absender handle es sich oft um einen Rechtsanwalt oder einen gestürzten Staatschef. So solle ein seriöser Eindruck entstehen. Gefälschte Briefköpfe von Banken oder Rechtsanwaltsbüros sollten ebenfalls die Betrugsabsicht verschleiern. "Mitleid und Mitgefühl wird geweckt, wenn Revolten und Naturkatastrophen in die Lügengeschichten eingebunden werden", sagte Roth.

Letztlich werde von Familienschätzen oder Erbschaften berichtet. "So bittet der vermeintliche Sohn des angolanischen Rebellenführer Jonas Sawimbi in einer E-Mail um Hilfe bei einem Geldtransfer", sagte Roth. 25 Millionen Dollar würden in Europa in zwei Koffern in einem Sicherheitstresor liegen, die man per Vollmacht teilweise nach Angola überweisen solle. Andernfalls drohe die Gefahr, dass die angolanische Regierung an das Geld komme und es für Waffenkäufe verwendet. Um den Geldtransfer ausführen zu können, müsse der Adressat zuvor nur noch Gebühren und Bestechungsgelder zahlen.

Auch in Zukunft werden Internetnutzer wohl Lügenmärchen in ihrem Postfach finden. Laut Roth gibt es in Nigeria Tagungen, bei denen Interessierte lernen können, wie man mit Mails viel Geld verdienen kann. Vorträge mit Titeln wie: "Mache viel Geld mit sehr wenig Mühe", "Grammatikfehler: Die optimale Anzahl" oder "Sind zehn Millionen E-Mails am Tag zu viel?" sollen den größtmöglichen Profit gewährleisten.

Frank Leth/AP

Anmerkung

Findige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass es die von Herrn Roth im letzten Absatz angesprochenen Tagungen nicht gibt. Vielmehr handelt es sich um einen - gelungenen - Scherz, um eine Satire auf die Nigeria-Connection. Nachzulesen hier: j-walk.com/other/conf

Im Web Nigeria-Connection.de: Riesige Sammlung von Bettelbriefen

 
 
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