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Brauner Musikantenstadl

6000 Neonazis marschierten am Wochenende durch Dresden, um das Gedenken an die Bombenopfer für sich zu vereinnahmen. Das braune Gedankengut ist vielerorts verbreitet - auch in der Musik-Community Last.fm. Zwischen Madonna, U2 und Green Day sind dort auch Lieder rechtsextremer Bands zu hören.

"Ruhm und Ehre der Waffen-SS", dröhnt es aus den Boxen. Die Band Weisse Wölfe schmettert den Refrain ihres Liedes "Ruhm und Ehre". So zu hören nicht etwa während eines illegalen Untergrundkonzerts. Die Weissen Wölfe dürfen ihre SS-Hymne auf der deutschen Ausgabe des Webangebots Last.fm zum Besten geben. Inzwischen sind sie dort allerdings nur noch als Weisse Wolfe gelistet - mit "o" statt mit "ö". Die Last.fm-Macher hatten das Band-Profil gesperrt, dabei aber übersehen, dass es noch ein weiteres gab. Der Trick mit den fehlenden "Ö"-Punkten ist nur ein Beispiel dafür, wie einfach die Neonazi-Szene Kontrollen entgehen kann.

Die Weissen Wölfe sind längst nicht die einzigen. Sie befinden sich auf Last.fm in schlechter brauner Gesellschaft. Rechte Musiker und ihre Fans toben sich dort schon lange aus. Erst im Januar dieses Jahres griffen die Betreiber des Musikangebots einmal durch und löschten die Profile einer Reihe von Neonazi-Bands. Offizielle Begründung: " Der Zugriff auf diese Inhalte wurde gemäß des deutschen Jugendschutzgesetzes verwehrt." Doch die Nazibands sind zum Teil wieder oder immer noch zu hören. Störkraft taucht als Storkraft auf, Hauptkampflinie als HKL. Die Zillertaler Türkenjäger heißen nun Zillertaler Türken Jäger. Und Gruppen wie etwa Nordic Thunder waren nie verschwunden. Auf Last.fm darf die Band nach wie vor Zeilen wie diese singen: "All the niggers rape and loot/Time to stand and take it back/And to take it back they're gonna take the boot."

Inspiration für rechtsextreme Musikfans

Last.fm ist eine der größten Online-Musik-Communitys. Ihr Motto: "Basierend auf dem, was du hörst, empfiehlt Last.fm dir neue Musik." Die User melden sich kostenlos bei Last.fm an und können eine Software namens Scrobbler installieren. Der Scrobbler verbindet die Abspielsoftware, zum Beispiel den Windows Media Player, mit Last.fm. Der Titel jedes Lieds, das der User abspielt, erscheint auf seiner persönlichen Last.fm-Seite und wird in die Datenbank eingespeist. Mit Hilfe des Scrobblers lernt Last.fm auch, welche Musik man mag. Wer viel Hip-Hop hört, dem werden noch mehr Songs dieses Genres empfohlen.

Musikliebhaber sind begeistert, Fans rechtsextremer Musik offenbar auch. Sie können hier öffentlich und doch anonym ihrem zweifelhaften Musikgeschmack frönen. Wer rechte Musik sucht, muss sich nicht einmal anmelden. Auf der Last.fm-Startseite kann er in einer Suchmaske den Namen einer Band eingeben und bekommt eine Liste ähnlicher Künstler inklusive Hörproben angezeigt.

Die deutsche Ausgabe von Last.fm wird so zu einem Tauschbasar rechtsextremer Musik. Viele CDs, die hier zu hören sind, suchen Interessierte in deutschen Online-Shops oder den Auslagen einschlägiger Läden vergebens. Auf Last.fm können indizierte Lieder nicht nur angehört, sondern zum Teil auch kostenlos heruntergeladen werden. Auch die der Weissen Wölfe - und das, obwohl die Stücke laut Bundeszentrale für politische Bildung so ziemlich alles enthielten, was das Strafgesetzbuch zu Volksverhetzung und NS-Verherrlichung hergibt. Ihr Album "Weisse Wut" steht seit dem 28.06.2003 auf dem Index. Wer den Tonträger Minderjährigen zugänglich macht, begeht eine Straftat - in Deutschland.

Außer Reichweite der deutschen Justiz

Der Firmensitz von Last.fm befindet sich aber in London, und damit außer Reichweite der deutschen Behörden und des deutschen Gesetzes. Was bei uns strafrechtlich relevant ist, etwa die Verwendung des Hakenkreuzes, ist es in Großbritannien nicht unbedingt. Ein weiteres Problem: Die indizierten Lieder wurden von Usern hochgeladen und nicht von den Betreibern des Angebots. Rechtlich betrachtet müsste also der jeweilige Nutzer zur Rechenschaft gezogen werden.

Dass auf Last.fm rechtsextreme Musik gespielt wird, ist unter Jugendschützern schon länger bekannt. Die Organisation jugendschutz.net, die eng mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zusammenarbeitet, hat bereits Mitte vergangenen Jahres Kontakt zu Last.fm aufgenommen. Die Verantwortlichen zeigten sich laut jugendschutz.net-Justitiar Thomas Günter zwar kooperativ, viel geschehen sei bislang jedoch nicht. Last.fm sei nur dann verpflichtet, indizierte Lieder zu löschen, wenn die Verantwortlichen darauf aufmerksam gemacht würden. Juristisch durchsetzen lässt sich diese deutsche Regelung bei einem Unternehmen im Ausland aber nicht.

Die Musik selbst ist nicht die einzige Ausdrucksform rechter Gesinnung auf Last.fm: Die Seite ist interaktiv. Die User können Kurzporträts über Bands schreiben, Listen ihrer Top-Hits anlegen und Chat-Gruppen ins Leben rufen, in denen sie, ganz unter sich, braunes Gedankengut austauschen. Mit Nickname und Avatar ausgerüstet, können sie zudem in öffentlichen Gästebüchern, den so genannten Shoutboxen, Kommentare schreiben.

Front gegen rechte User

Die Nazi-Nutzer geben sich Nicknames wie "SSKuecken", "DrJoseph Mengele" und "Waffen-SS-1488". Ihre Avatar-Bilder zeigen Hakenkreuze, "Sig"-Runen oder Bilder berühmter Nazis. In den Shoutboxen begrüßen sie sich mit "Sieg Heil" oder "88", einem Szenecode für "Heil Hitler". Auch diese Machenschaften sind nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuches gesetzeswidrig: "Sieg Heil" ist eine verbotene Grußformel, Hakenkreuz und "Sig"-Runen sind Symbole verfassungswidriger Organisationen. Sie zu verwenden, ist in Deutschland strafbar.

In der Community hat sich eine breite Front gegen die Rechten gebildet. In den Shoutboxes versucht sie, gegen die Nazi-Propaganda anzuschreiben. Doch wer kritisiert, wird beschimpft. Eine Erfahrung, die auch der User "servusqwertz" machen musste. In die Shoutbox der rechtsextremen Gruppe Division Germania schrieb er: "sowas (hörer und musik) gehört verboten und weggesperrt ..." Die Antwort des Users "WotansVolk": "und du gehörst getötet oder vergast, scheiß jude." Weitere Kostprobe: "Sieg Heil, Scheiss Juden verreckt im Kz Nieder mit dem Judentum, Germanien lebt in uns weiter", pöbelt "DeadDragen X".

Warum können die Neonazis sich unbehelligt verbreiten? Die Last.fm-Macher unterliegen nicht deutschem Recht, haben aber ein Interesse, in Deutschland Geschäfte machen zu können. Dennoch ist ihr Umgang mit dem Problem zögerlich. Inzwischen wurden zwar viele Nazi-Avatar-Bilder und CD-Cover gelöscht. Viele - aber längst nicht alle. Nach eigenen Angaben nutzen monatlich um die 21 Millionen User Last.fm. Eine kaum zu kontrollierende Masse? Möglicherweise. Sicher ist aber, dass es an funktionierenden Kontrollmechanismen mangelt.

Diejenigen, die gegen die rechten Parolen und Lieder angehen wollen, haben schlechte Karten. Zum einen gibt es keinen Button, mit dem sie unangebrachten Inhalte per Mausklick melden könnten. Zum anderen werden die deutschen Shoutboxes nicht von Last.fm kontrolliert. Unter der Rubrik "Website-Support" ist zu lesen: "Es werden jetzt nur noch die englischsprachigen Foren von Last.fm-Mitarbeitern betreut. Das Gleiche gilt für den E-Mail-Kontakt - auch dieser ist nur noch auf Englisch verfügbar." Doch selbst wer eine englische E-Mail schreibt, hat wenig Erfolg: Eine Anfrage an die offizielle Firmenadresse, wie Last.fm auf die Rechtsextremisten reagieren wolle und ob nicht ein Meldebutton eingerichtet werden sollte, blieb bislang unbeantwortet.

hes
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