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13. September 2008, 07:57 Uhr

Der Thrill am virtuellen Spieltisch

Onlinepoker erfreut sich wachsender Beliebtheit. Auch Amateurspieler verdienen sich so einige Hundert Euro im Monat dazu. Doch der Trend ist umstritten: Juristisch bewegen sich viele Internetcasinos in Grauzonen, und Psychologen warnen vor Suchtgefahren.

Beim Online-Poker fehlt laut Experten die soziale Kontrolle, die verhindert, dass man völlig die Kontrolle beim Spielen verliert© Isaac Brekken/AP

Sechs Uhr abends, Zeit für Michael H., sich an seinen Rechner zu setzen: In den frühen Abendstunden pokert der BWL-Student am liebsten. "Bis zur Tagesschau sind normale Leute online", sagt er. Vor anderthalb Jahren hat der 28-Jährige mit Online-Poker begonnen. Seither sitzt er drei bis vier Mal in der Woche am virtuellen Spieltisch. Zwischen 200 und 500 Euro verdient er sich so im Monat hinzu, wie er sagt.

Rechtsanwalt Alexander Mittig, der sich speziell mit dem Glücksspielrecht beschäftigt, überrascht das nicht: Zu ihm kommen "eher junge kreative Menschen, die überdurchschnittlich intelligent sind, oftmals Studenten. Schließlich braucht man erhebliche mathematische Fähigkeiten, um langfristig gewinnbringend zu pokern", erklärt er. Rechtlich ist in Bezug auf Online-Poker noch vieles unklar. Schon die Frage, ob man sich strafbar macht, wenn man im Internet um Geld pokert, ist strittig. "Strafbar ist die Teilnahme an einem Glücksspiel nur, wenn es ohne behördliche Erlaubnis erfolgt", so Mittig. Die Online-Casinos verfügten zwar nicht über eine deutsche Lizenz, oft aber über eine europäische. Die allerdings genüge deutschen Behörden entgegen manch anderer juristischer Meinung bislang nicht, so seine Erfahrungen. Derzeit müssten Spieler wie Michael aber keine Verfolgung durch deutsche Strafbehörden fürchten, sagt der Anwalt.

Die Nachfrage nach Rechtsberatung bezüglich Pokers steigt dennoch. Meist wird Mittig mit Fragen der Versteuerung konfrontiert. Denn: "Sofern das Pokerspiel zu einer regelmäßigen Einnahmequelle wird, dürften die entsprechenden Gewinne als sonstige Einnahmen zu versteuern sein", fasst der Anwalt die Auffassung deutscher Finanzbehörden zusammen.

Das Risiko lässt sich kaum abschätzen

Rechtliche Unklarheiten hin oder her, eines ist sicher: Wer im Internet um Geld pokert, lässt sich auf ein schwer absehbares Risiko ein. Gütesiegel gibt es nicht. Zwar hat die Seite pokerstars.de erst kürzlich ein TÜV-Siegel erhalten, aber dort pokert man um Spielgeld, und das Siegel verbrieft Angaben des TÜV zufolge auch lediglich die Datensicherheit. Grundsätzlich kann sich ein Anbieter alles erlauben: Verweigert er einem Spieler die Auszahlung des Gewinns, hat dieser praktisch keine Handhabe. Gerichtsstand ist oft in Übersee. Doch zumindest die Marktführer unter den Pokeranbietern manipulieren nach Einschätzung Mittigs ihre Online-Pokerräume nicht.

Ein virtueller Raum von Pokerstars.com, nach eigener Angabe der größte Poker© Pokerstars.com

Sehr viel verbreiteter sei eine andere dubiose Praktik: "Mehrere Spieler verabreden sich am selben Tisch und teilen sich über Telefon oder ICQ ihre Karten mit. Auf diese Weise werden dann andere Spieler am Tisch ausgenommen", so der Anwalt. Einige Betreiber würden daher bereits protokollieren, wer mit wem wie oft an einem Tisch sitze. Und auch die Suchtgefahr lauert an den virtuellen Spieltischen." Poker ist ein Glücksspiel mit hohem Suchtpotenzial. Das gilt in verstärktem Maße für Online-Poker", sagt Gerhard Meyer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen. "Beim Online-Poker wird extrem schnell gespielt, und bei einem Glücksspiel ist die Suchtgefahr umso größer, je schneller das nächste Spiel möglich ist", erläutert er. Den Sog, der vom Online-Poker ausgeht, kennt auch Michael H. nur zu gut. "Man muss sich selbst Regeln setzen, feste Uhrzeiten. Ist die Zeit um, muss man vom Tisch gehen, egal ob man gerade gewonnen oder verloren hat", sagt er. Doch gerade das können viele Spieler nicht. Sie beginnen, dem entgangenen Gewinn hinterherzujagen und geraten so leicht in einen Teufelskreis.

Suchtgefahr wird oft verschleiert

Vor diesem Hintergrund hält Meyer die Live-Übertragung von Pokerturnieren im Sportfernsehen für bedenklich. "Es wird suggeriert, dass es sich um einen Wettbewerb handelt wie bei anderen Sportarten auch. Das verschleiert den Glücksspielcharakter", sagt er. Auch die gezielte Werbung für Poker missfällt ihm. "Viele Anbieter werben für das Spiel um Punkte, wissen aber, dass nur ein Mausklick genügt, um um Geld zu spielen", so Meyer. So gibt es auch zu pokerstars.de eine com-Variante, auf der um Geld gespielt wird. Von einem generellen Verbot hält der Suchtexperte jedoch nichts. Er plädiert vielmehr dafür, auch für das Internet ein staatlich konzessioniertes Angebot wie im Kasino zu schaffen - inklusive Maßnahmen zum Spielerschutz wie Einsatz- und Verlustbegrenzungen. Gern verweist er dabei auf die positiven Erfahrungen in Schweden, wo solch ein staatliches Angebot seit zwei Jahren existiert.

Klaus Wölfling von der Ambulanz für Spielsucht der Universität Mainz berichtet: "Etwa zehn bis 20 Prozent sind wirklich nur nach Online-Poker süchtig." Rund 80 Prozent der Patienten spielen ein anderes Glücksspiel und zusätzlich Online-Poker. Was früher real gespielt wurde, verlagere sich nun in die virtuelle Welt. Damit steige aber die Suchtgefahr. Gefährlich findet Wölfling vor allem die permanente Verfügbarkeit: "Ich kann 24 Stunden am Tag online pokern, auch betrunken, eine soziale Kontrolle wie im Kasino gibt es nicht", betont er. Und fügt hinzu: "Gleichzeitig wird einfach per Kreditkarte abgebucht, das merkt der Spieler kaum. Die meisten Menschen kommen erst sehr spät in die Ambulanz, erst dann, wenn finanziell bei ihnen gar nichts mehr geht."

Eva Wichmann/AP
 
 
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