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Das Tor zu neuen Welten

Tausende Deutsche können kaum erwarten, dass es Abend wird: Dann kämpfen sie gegen Drachen, steuern Flugzeuge, treten zum Schach an. Das Internet ist zum grenzenlosen Spielplatz geworden.

Es ist ein normaler Winterabend in Deutschland, das Fernsehen spricht von Eisregen. Doch bei Steve Krömer ist es heiß: Er steht in einer Höhle, die Luft flimmert von speiender Lava, er hält sein Schwert fest in der Hand. Kühl fixieren seine Augen den schwarzen Drachen vor ihm, Onyxia. Als Onyxia ihn entdeckt, schreit sie auf, denn Steve Krömer ist nicht allein. Alle seine Freunde stehen bei ihm in ihrem Hort, 40 Priester, Jäger, Magier und Kämpfer, Elfen, Menschen und Zwerge, gepanzert oder in Umhänge gehüllt. Feuer schießt aus Onyxias Rachen, und Steve Krömer weiß: Jetzt geht es um sein Leben. Er weiß aber auch: Ihm kann nichts passieren. Er sitzt zu Hause vor seinem PC und spielt "World of Warcraft", ein Rollenspiel im Internet. Bald wird der 31-Jährige Lehrer für Sport und Politik sein.

Es gibt keinen Abend, an dem nicht irgendwo irgendjemand im Internet in eine neue Welt eintaucht, Rätsel knackt oder seinen Gegner matt setzt. Das Netz ist zur Spielwiese geworden, zum Sportplatz, zum Geschichtenerzähler. "Ich erlebe dort Abenteuer, die in der normalen Welt niemals möglich wären", sagt Steve Krömer. "Meine Freunde und ich sind Teil eines Märchens in einer lebendigen Welt." Allein spielt im Internet niemand - denn allein hätte Steve Krömer gegen Onyxia keine Chance. Wer online spielt, ist Teil einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die miteinander Aufgaben löst oder gegeneinander antritt. Und dabei per Chat oder Mikrofon und Kopfhörer mit den Teilnehmern über das Spiel oder das Leben an sich reden kann - auch wenn der eine in Freiburg und der andere in Hamburg vor dem PC sitzt.

Oder in Bremerhaven. Dort hat Wolfgang Richter gerade sein Abendbrot gegessen - und feuert eine Rakete auf ein Raumschiff ab. Eigentlich ist er 74 Jahre alt, war 17 Jahre Ausbilder bei der Bahn, doch jetzt ist er Raumfahrer vom Stamm der Caldari, heißt "Pandenum" und muss hoffen, dass seine Schutzschilde halten, bis er zurückkehren kann zum "Ordion VII Moon 16" im "Amarr System", seiner Station, seinem sicheren Hafen.

Acht Jahre lang fuhr er jeden Tag mit dem Zug von Bremerhaven nach Hannover - jetzt reist er täglich Lichtjahre. Jetzt spielt er das komplexe Science-Fiction-Rollenspiel "Eve Online" - wenn er nicht gerade mit seiner Frau "Sturm der Liebe" im Fernsehen schaut. "Das Spiel hält mich geistig fit", sagt er. Erst nachts um halb zwölf werden die Triebwerke kalt, "dann brauche ich meinen Schönheitsschlaf". Zuvor aber baut er mit seinen Onlinefreunden noch etwas Erz ab, um neue Schiffe zu bauen, und schwärmt davon, wie "cool" es ist, sich mit ihnen dabei unterhalten zu können.

Das ist der Grund für den Erfolg der Spiele im Netz: Jeder findet dort für sich die passende Welt, das geeignete Spiel, die erwünschte Rolle. Allein fünf Millionen Menschen weltweit spielen "World of Warcraft". Die meisten davon wollen Spaß haben und die Besten sein - eine Motivation auch von Steve Krömer. "Ich hatte einmal ein seltenes Schwert, das war mein ganzer Stolz", erinnert er sich. "Da standen auf dem Marktplatz hundert Leute um mich herum und haben mich bewundert." Ein Moment, den Krömer nicht vergisst - auch deswegen kämpft er gegen Onyxia.

Wolfgang Richter wiederum sagt: "Technik liegt mir im Blut" - und steuert jetzt ein Raumschiff. "Ich bin flugverrückt", erklärt Swen Johannes aus Braunschweig. Und sitzt daher nun im Cockpit seiner Boeing 737-800 und ruft "Take Off Null Acht Rechts". Langsam rollt er auf die Startbahn 08R und schiebt den Gashebel des Joysticks nach vorn. Düsen heulen aus den PC-Lautsprechern. Bei 140 Knoten zieht er vorsichtig am Steuerknüppel, die 70 Tonnen des Jets heben ab und verschwinden mit ihm in den Wolken.

Es müssen nicht immer exotische Welten sein, in denen sich Onlinespieler wohlfühlen. Oft ist es ein diesseitiger, aber unerfüllbarer Traum, den viele Spieler sich im Netz verwirklichen. Swen Johannes ist Radio- und Fernsehtechniker - und hat nun seine eigene Airline im Internet. Nach Feierabend fliegen er und seine Kollegen von der "CA Deutsche Piloten" per Flugsimulator in Formation quer über Deutschland, zum Beispiel von Berlin nach München, wie jetzt gerade. Zu fünft sind sie, und sie reden über das Fliegen, über Technik und über die Landung. Dichter Nebel liegt über dem Erdinger Moos - und das nicht nur im Spiel. Denn die Onlinestaffel fliegt mit "echtem Wetter", das der Simulator aus dem Netz lädt. Vielleicht ändert es sich ja noch, alles ist möglich.

Wie überhaupt alles möglich ist beim Spiel im Internet. Niemand muss eine Rolle annehmen, die ihm nicht gefällt. Jeder kann auf seine Weise Spaß haben. Auch mit einem so alten Spiel wie Schach. Der Hamburger Ulf Wokittel, ein Turnierspieler, spielt und trainiert im Netz. Das eröffnet ihm völlig neue Möglichkeiten. "Selbst wenn jemand in Buenos Aires sitzt", sagt er, "kann ich ihn sofort herausfordern." Abends ist der 42-Jährige dort zu treffen, manchmal zudem früh am Sonntag, wenn seine Frau noch schläft.

Auch Kartenspieler treffen sich im Netz. Nik Skudies ist Gründer eines Internet-Schafkopfklubs, mit 58 Mitgliedern zwischen Bayern und Hamburg. "Wir sind eine richtige Familie", sagt er, "eine bunte Mischung von Leuten mit derselben Wellenlänge. Bei uns ist immer etwas los." Abends, aber auch tagsüber, "wenn die Schichtarbeiter nach Hause kommen und sich noch auf ein Spiel treffen". Man hat Respekt voreinander, viele kennen sich inzwischen auch persönlich. Nik Skudies vermisst wenig im Vergleich zum "echten" Stammtisch. "Allerdings riecht man nicht so gut, ob der andere ein schlechtes Blatt hat", sagt der 60-Jährige und lacht.

Währenddessen wird der Drache Onyxia schwächer, fliegt auf und lässt Feuer regnen, ein Raumschiff zerschellt, eine Boeing ist im Anflug. Alles passiert gleichzeitig im Internet - und was mit Spielen zu tun hat, wächst rasant. 3,8 Milliarden Dollar werden heute mit Online-Rollenspielen umgesetzt - mit den Eintrittsgeldern, die Steve Krömer und Wolfgang Richter für den Zugang zu ihrer Welt zahlen müssen. Rund um die Spiele ist ein gigantischer Markt entstanden, und selbst Stars gibt es auf dem globalen Spielplatz.

Solche wie Dennis Schell- hase, der gerade in Singapur Fußballweltmeister geworden ist. Der mit acht angefangen hat, Fußball zu spielen, der Stürmer war in der Jugend von Schalke 04 - der aber erst mit dem Computerspiel "Fifa Fußball" seinen Weg zum Ruhm fand. Heute ist er 22 Jahre alt und hat mehr als 100 000 Euro mit Preisgeldern und Werbung verdient. "Auf dem Platz" sagt er, wenn er das Grün auf seinem Monitor meint. Da liegt für ihn die Wahrheit, auch wenn sie nicht nach Rasen duftet - und die ist nicht nur für ihn real: Onyxia ist besiegt, der König ist matt. Der Nebel hat sich nicht gelichtet, aber Swen Johannes setzt seine Boeing weich auf, geht in die Bremsen und rollt langsam aus.

Sven Stillich/print

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