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Die Wegbegleiter

Wir haben unsere Leser gefragt, welche Themen zu kurz kommen. Ein Wunsch: Schreibt über Pflegeeltern! Sie ringen um Anerkennung, werden aber dringend gebraucht. Folge 5 der Sommerloch-Serie.

Von Caterina Lobenstein

Als die Ärzte ihre Nabelschnur durchtrennen, beginnt für Sharifa* der Entzug. Sie zittert, krampft, schwitzt. Neun Monate lang hatte das Heroin die Plazenta passiert, ihren unfertigen Körper vergiftet und sie schon als Fötus süchtig gemacht. Auf der Säuglingsstation des Hamburger Klinikums St. Georg wird sie entwöhnt. Erst vom Heroin, dann von der Mutter, die ihr Leben ohne Drogen nicht erträgt. Sharifa kommt in ein Kinderheim und wird in die Vermittlungskartei für Pflegekinder aufgenommen: Name, Geschlecht, Vorgeschichte. Anderthalb Jahre später klingelt am anderen Ende der Stadt das Telefon. Es ist der Anruf, der Sharifa eine neue Mutter beschert.

Sharifa ist eins von mehr als 100.000 Kindern in Deutschland, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben. Viele sind traumatisiert, wurden misshandelt, missbraucht oder vernachlässigt. Manche lügen oder klauen, um Aufmerksamkeit zu erlangen, schlagen um sich, wenn man ihnen zu nahe kommt oder sind essgestört, weil sie als Babys nicht gefüttert wurden. Manche haben noch Jahre später ein Versteck im Zimmer, in dem sie Nahrung für schlechte Zeiten horten.

Hohe Anforderungen

Obwohl sie in Pflegefamilien besser aufgehoben wären, lebt mehr als die Hälfte dieser Kinder im Heim. "Die Bereitschaft, ein Pflegekind aufzunehmen, ist in den vergangenen Jahren stark gesunken", sagt Martina Erpenbeck vom Hamburger Verein "Pfiff", einem freien Träger der Jugendhilfe, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Pflegeeltern für bedürftige Kinder zu suchen. Zwar mangelt es nicht an kinderlosen Erwachsenen, die sich Nachwuchs sehnlichst wünschen. Doch die meisten Paare wollen lieber Kinder adoptieren als in Pflege nehmen. Und die Anforderungen an Pflegeeltern sind hoch.

"Wer von der harmonischen Vorzeigefamilie träumt, wird mit einem Pflegekind in der Regel nicht glücklich", sagt Erpenbeck. Seit sieben Jahren berät die Sozialpädagogin Eltern, die ein Kind in Pflege nehmen wollen. Geeignet, sagt sie, seien Menschen, die mit den Störungen traumatisierter Kinder umgehen können, die finanziell abgesichert, zeitlich flexibel und seelisch ausgeglichen sind, die Freunde und Verwandte um sich haben und ein Hobby zum Auftanken. Menschen wie Martina Reimann*.

Als Martina Reimann, alleinstehend und kinderlos, an einem Frühlingstag im Jahr 2004 den Hörer ihres Telefons abnimmt, hat sie zwei Fehlgeburten hinter sich und ist 38 - zu alt, um ein Kind aus Deutschland zu adoptieren. Seit einem knappen Jahr ist sie in der Pflegeeltern-Kartei des Hamburger Jugendamts verzeichnet. Ob sie sich vorstellen könne, ein afrikanischstämmiges Mädchen in Pflege zu nehmen, Sharifa, gut ein Jahr alt, fragt der Mann am anderen Ende der Leitung. Ein süßes Kind, aber möglicherweise nicht ganz gesund. Man wisse nichts genaues, nur, dass die Mutter an der Nadel hing. Martina Reimann ist gelernte Krankenschwester, sie weiß, was Heroin in einem jungen Organismus anrichten kann: Fehlbildungen, verlangsamte Entwicklung, Wachstumsstörungen. Sie sagt, sie wolle eine Nacht darüber schlafen.

Am nächsten Tag sagt sie ja. Es folgt eine mehrwöchige Anbahnungsphase, in der sich Sharifa und Martina kennenlernen, aneinander vorsichtig gewöhnen. Dann ist es soweit, Martina nimmt das Mädchen bei sich auf. "Ein Glückstag", sagt sie, wenn sie von der Übergabe des Kindes spricht. Heute ist Sharifa acht Jahre alt und geht in die zweite Klasse. Sie sieht schlecht und lernt langsamer als andere Kinder. Im Unterricht liest sie mit einer Lupe, beim Ballspielen greift sie manchmal daneben. Die Ärzte vermuten, dass die Drogensucht der leiblichen Mutter die Augen geschwächt hat. Bis auf ihre Sehschwäche ist Sharifa ein normales achtjähriges Kind, ein Mädchen, das einmal in der Woche zum Reiten aufs Land fährt und Zitronenbonbons mag, das sich Zuckerketten um den Hals hängt und vom Sommerurlaub in Schweden erzählt.

Eltern auf Zeit

Seit zwei Jahren hat sie eine kleine Schwester - auch sie ist ein Pflegekind. "Wir müssen den Tierarzt holen", ruft Sharifa der Kleinen zu. Auf der Straße liegt ein Maulwurf, der sich nicht mehr regt. "Der ist tot", sagt Martina Reimann. "Wir müssen ihn retten!", japsen Sharifa und ihre Schwester. Frau Reimann senkt die Stimme. "Ihr Lieben, der Maulwurf ist tot." Die Antwort: "Dann müssen wir ihn beerdigen!"

Mit den Mädchen sei das Kindsein in ihr Leben zurückgekehrt, erzählt Martina Reimann. Und, dass sie glücklich sei, die Mädchen auf ihrem Weg begleiten zu dürfen - so wie ihre Eltern es taten, als sie selbst ein Kind war. Als Sharifa vier Jahre alt ist, fragt sie zum ersten Mal nach ihren leiblichen Eltern. Martina Reimann hat blondes Haar, Sharifa ist schwarz - die Frage musste kommen. Frau Reimann erklärt ihr, dass die Eltern zu krank waren, um sich um ein Baby zu kümmern. Und sie spürt so deutlich wie nie zuvor, was sie von einer leiblichen Mutter unterscheidet.

Pflegeeltern sind, juristisch gesehen, Eltern auf Zeit. Sie lieben, schimpfen und trösten wie andere Mütter und Väter auch, sie schmieren Pausenbrote und lesen Gute-Nacht-Geschichten, sie gehen auf den Spielplatz und in den Zoo, sie geben Freiräume und setzen Grenzen. Doch das volle Sorgerecht bekommen sie nicht. Wenn ihr Kind die Schule wechselt, ein Sparkonto erhalten soll oder eine größerer medizinischer Eingriff bevorsteht, müssen sie den Vormund um Erlaubnis fragen. Und auch wenn die Richter selten so entscheiden: Theoretisch können die leiblichen Eltern ihr Kind zurückfordern. Jederzeit.

Täglicher Kampf gegen Vorurteile

Sharifa hat - was ungewöhnlich ist für Pflegekinder - keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter, aber ihre jüngere Schwester telefoniert regelmäßig mit den leiblichen Eltern. Wenn es die Umstände zulassen, raten Psychologen und Pädagogen dazu, den Kontakt zu halten. Denn wenn die Kinder nicht sehen, wie ihre leiblichen Eltern mit dem eigenen Leben hadern, verstehen sie später auch nicht, warum sie weggegeben wurden.

Martina Reimann kann mit der latenten Konkurrenz zu den leiblichen Eltern gut umgehen. Ermattend hingegen ist die oft zähe und langatmige Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und der ständige Kampf im Alltag um Anerkennung und Verständnis. Bei Lehrern und Erziehern, für die "Pflegekind" häufig ein Synonym ist für Problemkind. Bei Nachbarn, die in der Zeitung von Menschen lesen, die nur des Geldes wegen Pflegeeltern sind. Es gebe solche Fälle, sagt Gunda Seitz-Schulte vom Hamburger Jugendamt, aber sie seien extrem selten. "Es ist absurd zu glauben, Eltern würden wegen 800 Euro Pflegegeld ein Kind aufnehmen. Liebe, Zeit, Fürsorge - wenn man das alles aufrechnen könnte, dann käme man auf einen Stundenlohn von ein paar Cent."

Vor einem Jahr hat Martina Reimann durchgesetzt, dass Sharifa ihren Nachnamen trägt. Ein kleiner Eintrag im Personalausweis, der vieles einfacher macht: das Einchecken im Hotel, das Buchen eines Flugs. Und ein formaler Akt, der auf dem Papier bestätigt, was Martina Reimann seit Langem fühlt: dass ihre Tochter zu ihr gehört. Sharifa, scheint es, hat daran nie gezweifelt. Auf den Schulheften steht jetzt ein neuer Name - das ist alles, was sie zu sagen hat. Dann rennt sie los. Es gibt wichtigeres zu tun. Maulwürfe beerdigen, zum Beispiel.

* Name von der Redaktion geändert

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