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Ist Privatsphäre noch zeitgemäß?

Unter dem Schlagwort "Post-Privacy" formiert sich im Netz eine Strömung, die die klassische Privatsphäre für ein Relikt der vordigitalen Ära hält. Ihr Gegenentwurf: Datenschutz sei nicht mehr möglich - und eines Tages hoffentlich auch nicht mehr nötig.

Manchmal müsse man halt etwas krawallig auftreten, um die eigene Position rüberzubringen, sagt Julia Schramm lächelnd. Das ist ihr gelungen. Die junge Politikwissenschaftlerin hat mit einem Interview bei "Spiegel Online" eine Welle der Empörung ausgelöst, einen "Shitstorm", wie es in der Sprache der Netzgemeinde heißt. Die frech und pointiert formulierte These: Der klassische Datenschutz hat ausgedient. Sein Anliegen sei ebenso ein Relikt der vordigitalen Ära wie das Bemühen um den Schutz der Privatsphäre im Netz.

"In dem Moment, in dem ich mich zu Hause bei Facebook anmelde, liefere ich mich dem Kontrollverlust aus." Es gebe nur zwei Möglichkeiten, sagt die 25-Jährige im Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA: "Entweder ich akzeptiere das oder ich lasse es und halte mich fern."

Die Berlinerin vertritt eine Strömung im Netz, die sich unter dem Schlagwort "Post-Privacy" formiert. Dies sei zum einen ein Befund, sagt Schramm: "Privatsphäre gibt es de facto nicht mehr im Internet." Zum anderen verbinde sich damit aber auch eine gesellschaftliche Vision: "Wir sind hoffnungslose Idealisten und wünschen uns eine diskriminierungsfreie Welt, in der es nicht notwendig ist, sich ins Privatleben zurückzuziehen."

"Diese Post-Privacy-Spacken"

Das "Wir" bezieht sich auf einen lockeren Zusammenschluss von Personen unter dem merkwürdigen Namen "datenschutzkritische Spackeria". Hintergrund ist eine Bemerkung von Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), über "diese Post-Privacy-Spacken". Die so Angesprochenen haben das aufgegriffen und sich gesagt: "Gut, dann sind wir halt die Spacken."

Constanze Kurz erklärt, sie habe ihre Bemerkung nicht ganz ohne Ironie "auf Menschen bezogen, die sich einfach nicht mehr drum kümmern wollen, was wer über sie weiß und was speichert, die stattdessen frei und unbeschwert alles im Netz ausleben wollen, keine Hemmungen haben, und letztlich nichts verbergen". Dass dies irgendwann die Gesellschaft besser und freier mache, "halte ich für kurzsichtig und unreflektiert".

In einem demnächst erscheinenden Buch "Die Datenfresser" (S. Fischer Verlag) schreiben Constanze Kurz und Frank Rieger auch über den "Post-Privacy-Irrtum" und werfen den Vertretern dieser Richtung vor, nach Belieben "die Transparenz im großen wie im kleinen" zu vermengen.

Julia Schramm, die sich politisch in der Piratenpartei engagiert, fragt hingegen: "Was ist überhaupt privat, was öffentlich? Das ist so was von relativ!" Es gehe nicht darum, "dass alle die Hosen herunterlassen". Aber Öffentlichkeit habe ein emanzipatorisches Potenzial, dass es im Netz zu erschließen gelte. Und wenn alle Daten allen gleichermaßen zur Verfügung stünden, sei damit auch keine Macht mehr verbunden.

"Komplettes Offenlegen ist naiv"

Im Netz wie in Schramms eigener Partei stößt dies auf viel Kritik. Christopher Lauer vom Bundesvorstand der Piratenpartei weist darauf hin, dass die Geschäftsmodelle von Firmen wie Facebook und Google auf den privaten Daten ihrer Nutzer beruhten, und dass auch der Datenhunger des Staates ungestillt sei. "Das komplette Offenlegen der eigenen Person im Internet als tragfähiges Gesellschaftsmodell für jedermann zu propagieren, ist naiv", kritisiert Lauer.

In der Sorglosigkeit, mit der viele Facebook-Nutzer mit ihren eigenen Daten umgehen, sehen Post-Privacy-Vertreter wie Christian Heller hingegen eine Chance: Dies, so schreibt Heller in einem Blog-Beitrag, breche "die Isolation des Privaten auf und gibt denen ein soziales Echo, die vorher nie geglaubt hätten, Geistesverwandte zu finden".

"Im Netz ist mein Zuhause"

"Ich gehöre zur ersten Generation, die von Anfang an mit digitaler Kommunikation aufgewachsen ist", sagt Schramm, die sich als Politikwissenschaftlerin vor allem für Fragen des Gemeinwesens und der Identität interessiert. Was bedeutet das Internet für sie persönlich? "Im Netz wohne ich halt, da ist mein Zuhause", antwortet Schramm. "Da habe ich Twitter, mein Blog, in dem ich auch sehr persönlich über mich reflektiere, und die Kommunikation über ICQ, Jabber oder E-Mail."

Auch Nicknames und Avatare seien Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, sagt Schramm, die auf Twitter als "laprintemps" unterwegs ist, abgeleitet von Igor Strawinskis Ballett "Le Sacre du Printemps". "Das Internet ist der Spiegel, der uns vorgehalten wird."

"Post-Privacy" ist für Julia Schramm kein fertiges Modell, sondern Beitrag zu einer Debatte über das künftige Verhältnis von Internet und Gesellschaft. "Um dieses neu zu bestimmen, sind auch Visionen erforderlich."

Peter Zschunke, DPA/DPA
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