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Unser Leben braucht Geheimnisse

Die NSA will unsere Daten, Google, Facebook, Amazon - alle scannen uns. Und wir? Sollten mal wieder still genießen. Privat und analog.

Von Silke Müller

Facebook sagt: Teile alles mit Allen. Und das ist falsch.

Facebook sagt: Teile alles mit Allen. Und das ist falsch.

Es gibt Dinge, die gehen niemanden etwas an. Und es gibt Dinge, die darf niemand wissen. Die Grenze dazwischen, die definiere ich. Noch. Oder schon nicht mehr?

Als die Krankenkasse im Foyer meines Arbeitsgebers einmal Prämien fürs Nichtrauchen auszahlte, bin ich auf dem Weg zur Kantine kurz stehen geblieben. Eine Unterschrift und zack, 50 Euro in der Tasche. Geht sie zwar nichts an, können sie aber ruhig wissen. Dachte ich. Und so denken ja Viele: Ich habe mir nichts vorzuwerfen, sollen die doch meine Daten ruhig sammeln.

Mein öffentliches Ich

Meine Gewohnheit, interessante Buchtitel auf der Merkliste meines Amazon-Accounts zu sammeln, hielt ich anfangs auch für harmlos. Aus beruflichen Gründen interessiere ich mich für Allerlei - und privat erst recht. Als mir eines Tages aufging, dass diese Liste für die ganze Welt einsehbar ist, überlegte ich kurz, die Bücher über Prostitution, "Klau mich" von und die Werke Pierre Klossowskis zu löschen und durch ein paar Ildikó-von-Kürthy-Romane zu ersetzen. Dann habe ich den ganzen Account gekillt.

Was denken die Anderen von mir? Welches Bild gebe ich in der Öffentlichkeit ab? Diese Fragen werden immer existenzieller.

Ausgestattet mit Algorithmen, die aufgrund meiner Daten vorhersagen, was ich kaufen oder, viel schlimmer: tun werde, können Krankenversicherer demnächst entscheiden, ob sie mich überhaupt versichern und wenn ja, zu welchem Preis. Arbeitgeber können selektieren, wer in ihr politisches und moralisches Profil passt. Und Fahnder können mich festsetzen, weil meine Surfbewegungen im Netz nahelegen, dass ich demnächst mein Auto in eine Bombe verwandele und in die nächste Shoppingmall lenke.

Ehrgeizige Selbstvermarktung

Genauso manisch, wie Konzerne und Behörden Daten sammeln und Leben durchleuchten, veröffentlichen viele Zeitgenossen mittlerweile ganz von selbst ihre Wege und Ziele, Leidenschaften und Laster. Kein anprobierter Schuh ohne Post bei (Do you like?), kein Marathonlauf ohne getwitterte Bestzeit, und immer wichtiger: eine persönliche Website mit Porträts vom Profi und allen Urkunden und Errungenschaften, die eine Biografie so hergibt.

Das Netz strotzt nur so vor Ehrgeiz, Selbstvermarktung und heruntergelassenen Hosen. All diese modisch gekleideten, gut aussehenden Menschen, die in ihrem Streben nach Anerkennung und Erfolg aus ihrem Leben eine Pinnwand machen, an der die Tickets der Flugreisen, die Flyer der Clubs, die Label der Klamotten und die Fotos der Gourmetgerichte flattern - sie sind nicht nur durchschaubar, #linK;http://www.stern.de/wirtschaft/job/boreout-statt-burnout-wenn-langeweile-krank-macht-1777010.html;sondern vor allem strunzlangweilig#.

Wenn sie doch nur schweigen würden!

Transparenz und Konformität

Was einen Menschen interessant macht, sind doch die Stellen zwischen den Sätzen. Die umgedrehten Buchrücken. Situationen, die Fragen aufwerfen. Widersprüche und Lücken. Und ganz besonders Fehler.

Niemand würde so etwas posten. Aber wer ist überhaupt noch bereit, Fehler zu riskieren? Nebenwege und Peinlichkeiten in Kauf zu nehmen? Sich nach Strich und Faden zu blamieren, ohne daraus gleich ein TV-Format zu machen?

Die Gefahr, dass alles rauskommt, dass irgendwo Bilder auftauchen, jemand so tief im Netz stöbert, bis er Verbindungen erkennt und Rückschlüsse zieht, ist so groß, dass sich besser zusammenreißt, wer heute noch etwas werden will. Der Zwang zur Konformität wird mit wachsender Transparenz immer stärker.

Knutschen ohne Liveticker

Nicht nur für künftige Politiker und Konzernlenker, sondern längst auch für all die Angestellten, die unser Land irgendwie zusammenhalten, Steuern zahlen und Malle buchen, gilt: Nicht kiffen, nicht nackt baden, kein Crossdressing auf Partys, keine sonstigen Fehltritte. Was Ihr nicht selbst veröffnetlicht, landet irgendwann in Eurer Mailbox, auf Eurer Facebook-Seite, in Eurer Personalakte. Denn irgendwer liest immer mit, irgendwer fotografiert oder filmt, irgendwer zählt eins und eins zusammen. Und es kommt der Tag der Wahrheit.

Vermutlich kann man als Einzelner diese Entwicklung kaum aufhalten. Aber es hilft schon, ein bisschen weniger über sich hinauszuposaunen. Ein bisschen diskreter den wirklich wichtigen Dingen nachzugehen. Nicht jeden Einkauf oder jede Freizeitbeschäftigung zu einem Statement aufzublasen. Und über längere Strecken einfach mal völlig unoriginell zu erscheinen.

Machen wir es den Schnüfflern nicht so einfach! Im Stillen zu genießen, kann sehr befriedigend sein, vor allem dann, wenn es sich um Guilty Pleasures handelt. Und auch der Small Talk auf Partys könnte gern mal wieder von XXL auf XS reduziert werden. Tanzt, knutscht, fallt übereinander her. Aber bitte ohne Liveticker.

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