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22. April 2009, 21:18 Uhr

"Privater Sex interessiert uns nicht"

Sex gab es in der virtuellen Welt von "Second Life" schon immer, woran sich einige Spieler auch schon immer störten. Ab sofort wird digitale Erotik und Gewalt in einen neuen Rotlichtbezirk verbannt. Allerdings hat so ein spezieller Bereich für Erwachsene auch seine Tücken. stern.de hat nachgefragt.

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Erotik und Gewalt wird bei "Second Life" künftig nur noch in speziellen Bereichen für Erwachsene stattfinden© Linden Lab

Erst sind sie in Massen eingewandert, als sei es das gelobte Land, dann jedoch sollen sie fast alle wieder weggelaufen sein - die vielen Millionen Menschen, die sich vor zwei Jahren in "Second Life" einen Avatar zugelegt haben. Und richtig: Viele, die damals gehofft hatten, im zweiten Leben einen schnellen Linden Dollar zu machen oder zumindest schnellen Cybersex zu finden, fliegen nicht mehr über die Inseln oder verkaufen virtuellen Krams.

Aber die Welt von "Second Life" gibt es immer noch. Im März haben gut eine Million Avatare mehr als 44 Millionen Stunden im Virtuellen verbracht. Wer nach dem großen Ansturm noch dabei ist, der hat wohl in der Welt etwas für sich gefunden: Freunde, einen virtuellen Arbeitsplatz, ein Publikum. Und diese Kundschaft stört es, dass sie in "Second Life" über Sex und Gewalt stolpert, ohne es zu wollen. Darauf reagiert nun Betreiber Linden Lab und will so genannte "erwachsene Inhalte" isolieren. Doch das sei alles gar so nicht einfach, sagt der stellvertretende Leiter der Rechtsabteilung von Linden Lab, Ken Dreifach.

Herr Dreifach, soll Second Life nun sauber werden?

Es geht darum, dass unsere Welt so vielfältig geworden ist in all den Jahren, dass sie von so vielen Menschen für so viele verschiedene Dinge genutzt wird - und dass manche davon nicht mehr zufällig in Situationen geraten wollen, die sie abstoßen oder abschrecken. Wir versuchen jetzt, diesen Nutzern mehr Kontrolle zu geben, so dass sie Second Life an ihre Bedürfnisse anpassen können. Es geht uns um ein wenig mehr Vorhersehbarkeit.

Es gab also Beschwerden?

Es gab Feedback von Usern, aber auch von Firmen und Organisationen, die bei uns aktiv sind. Wissen Sie: Second Life wird von Krankenhäusern genutzt, von internationalen Universitäten, von der Regierung und Konzernen. Und wenn die Leute einladen auf ihre Inseln, wollen sie nicht, dass ihre Besucher über das stolpern, was wir "erwachsene Inhalte" nennen.

Was genau haben Sie vor?

Wir werden die Inhalte ein wenig mehr isolieren. Wer in Second Life Orte oder Veranstaltungen für Erwachsene anbietet, muss diese in Zukunft als solche kennzeichnen - und zu diesen Orten werden nur Avatare Zutritt haben, die sich uns gegenüber als volljährig ausgewiesen haben. Außerdem werden die Nutzer bei der Suchfunktion in Zukunft solche erwachsenen Inhalte auf Wunsch ausblenden können beziehungsweise sie nur ungefiltert sehen dürfen, wenn ihr Alter überprüft worden ist. So schützen wir die einen und geben anderen die Möglichkeit, konkret nach solchen Inhalten zu suchen.

Wie wollen sie das Alter eines Nutzer eindeutig überprüfen, der hinter einem Avatar steckt?

Da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder durch einen Zahlungsvorgang per Kreditkarte oder durch eine Altersüberprüfung bei einem externen Dienstleister, mit dem wir bereits erfolgreich zusammenarbeiten.

Bleibt die Frage: Was sind "erwachsene Inhalte"?

Und das ist eine gute Frage. Wir haben darüber Monate diskutiert und werden das noch weiter tun. Derzeit bitten wir die Community um Feedback und haben bereits viele Eingaben erhalten: Händler, Künstler und andere Nutzer bringen derzeit ihren Standpunkt in die Debatte ein. Wir hören zu und haben aufgrund ihrer Vorschläge unsere endgültige Definition von "erwachsen" bereits verfeinert. Es ist ungemein wichtig, dass diese nicht zu breit ist oder zu eng. Und sie muss für jeden verständlich sein - ähnlich wie in der realen Welt. Dort weiß auch jeder intuitiv, wann er oder sie einen Erwachsenenbereich betreten. Derzeit fällt unter "erwachsen" alles, was überaus sexuell oder sehr gewalthaltig ist: Nachtclubs zum Beispiel - aber auch Händler, die "erwachsene Dinge" verkaufen.

Was ist mit sexy gekleideten Avataren?

Es geht uns nicht um das Privatleben der Avatare. Wichtig sind uns vor allem Orte oder Events, die über die Suchfunktion gefunden werden und die nach Publikum oder Kundschaft streben. Avatare können natürlich auch weiterhin Sex in ihrem eigenen Appartement haben. Und wenn sie ein sexy Kleid anhaben - oder sexy Schuhe verkaufen - bedeutet das nicht automatisch, dass ihr Land in Zukunft zum Bereich wird, in den nur Erwachsene Zutritt haben.

Und was geschieht mit jenen, die ihren Club oder ihr Bordell absichtlich nicht als "erwachsen" kennzeichnen? Können Sie garantieren, dass sich keine illegale Szene entwickelt?

Zuerst einmal reden wir gerade nur von einem sehr kleinen Prozentsatz an Inhalten, verglichen mit der großen Welt von Second Life. Und wir werden gegen Verstöße genau so vorgehen wie wir es einst gegen illegales Glücksspiel getan haben. Außerdem werden Orte, die einschlägige Suchstichworte benutzen, automatisch als "erwachsen" gekennzeichnet werden. Und nicht zuletzt haben die Anbieter ja auch einen Vorteil, wenn sie sich als "erwachsen" ausweisen - dann werden sie über die Suche aufzufinden sein.

Die Aufspaltung von "erwachsen" und "sauber" ist eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der jüngsten Geschichte von Second Life. War dieser Schritt nötig, um die Welt wieder etwas mehr zum Leben zu erwecken? Eine Menge Menschen denken, Second Life dümple nur noch vor sich hin.

Nun, es gibt uns noch, und es geht uns gut. Wir hatten einen Hype und dann einen Anti-Hype, nun sind wir an einem Punkt, an dem wir immer noch wachsen und gleichzeitig immer mehr Firmen und Organisationen auf uns zu kommen - unter anderem, um einen preiswerten Weg zu finden, miteinander zu kollaborieren, sich in der virtuellen Welt zu treffen und darin Projekte zu bereden. Dieser Schritt war auch nötig, um für diese Partner als Plattform weiter attraktiv zu sein.

Interview: Sven Stillich
 
 
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