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Barrieren bremsen blinde Surfer aus

Mehr als 155.000 Deutsche sind blind. Trotz ihres Handicaps zählen Menschen mit Sehbehinderungen zu den aktivsten Internetnutzern. Doch beim Surfen durch das weltweite Datennetz lauern unzählige Barrieren.

Von Sebastian Wieschowski

Wenn Jan Eric Hellbusch im Internet surft, ist die brabbelnde Blechstimme seines Computers immer mit dabei. Bewegt er den Cursor per Tastatur über eine Grafik, stößt sein Rechner monotone Roboterlaute aus und erklärt, was sich hinter der Bilddatei verbirgt. Jeden Tastendruck erzählt die Stimme penibel genau nach. Wenn die Sprachgeschwindigkeit schnell eingestellt ist, hört sich die Stimme an wie ein schlechter Rapper. "Es gibt zwar schöner klingende Stimmen, aber ich habe bislang keine genauere Sprachausgabe gehört als diese", sagt Hellbusch. Präzise und verständlich müssen die Angaben der Roboterstimme auch sein, denn Jan Eric Hellbusch nutzt im Internet die Ohren und seine Tastatur, während sich die meisten Surfer mit Augen und Maus im Netz zurechtfinden.

Hellbusch ist einer von über 155.000 blinden Menschen in Deutschland. Laut Deutschem Blinden und Sehbehinderten-Verband sind rund 550.000 weitere Deutsche stark sehbehindert - sie verfügen über weniger als 1/20 des gesunden Sehvermögens. Jan-Eric Hellbusch nutzt beim Surfen die Screenreader-Software "JAWS". "Ein so genannter Screenreader wandelt Bildschirminhalte in Sprache um und gibt sie über die Soundkarte aus oder übersetzt sie in Blindenschrift und zeigt sie auf einer Braille-Zeile an", erklärt Hellbusch. Bis zu 80 Zeichen erscheinen auf so einer Zeile, über die der Surfer mit seinen Fingern hinweg tastet.

Barrieren nicht nur für Blinde

Der studierte Wirtschaftswissenschaftler hilft Firmen als selbstständiger Berater bei der Barrierefreiheit ihrer Webseiten. Dass eine barrierefreie Webseite für einen Imagegewinn und neue Kunden sorgt, wissen viele Unternehmen. "Die Barrierefreiheit ist jedoch leider nicht so selbstverständlich, wie sie sein könnte und sollte", berichtet Jan Eric Hellbusch. "Wenn ich das Thema diskutiere, kommt früher oder später die Frage, um wie viele Nutzer es sich denn handelt." Das Thema Barrierefreiheit werde dann meist auf "von blinden Nutzern bedienbar" reduziert - dabei umfasst es tatsächlich die Belange aller Menschen mit einer Behinderung. Im weiteren Sinne zählen auch Migranten, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, und nichtbehinderte Surfer der Generation "50plus" zu den Internetnutzern, denen eine barrierefreie Webseite zugute kommen würde.

Obwohl in Deutschland längst die "Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung" (BITV) in Kraft getreten ist, kann Jan Eric Hellbusch nicht viele barrierefreie Seiten empfehlen. Selbst die Bundesbehörden, die seit Anfang 2006 die BITV umsetzen müssen, haben ihre Hausaufgaben noch nicht ausreichend gemacht: beim Test von 117 Internetseiten von Bundesministerien, ihnen nachgeordneten Dienststellen und von Krankenkassen stellte das Gemeinschaftsprojekt "BIK - Barrierefrei Informieren und Kommunizieren" der deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbände jeder dritten Seite ein schlechtes Zeugnis aus. Andreas Bethke, Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, sagte dazu: "Das Thema barrierefreies Internet ist bekannt, aber es wird oft nur punktuell an Barrieren gearbeitet."

Lästig statt hübsch

Beim Weg durch das Netz treffen Menschen mit Behinderungen auf die verschiedensten Barrieren - fehlende Erklärungstexte für Grafik- und Formular-Elemente, schlechte Kontraste oder Farbkombinationen, zu viele Grafiken und zu lange Texte. "Dynamische Elemente mögen nett anzuschauen sein, für Menschen mit Behinderungen sind sie jedoch oft nur lästig", sagt Jan Eric Hellbusch. Der Tipp des Barrieren-Beseitigers Hellbusch: "Alle Inhalte, die kein Text sind, also Bilder oder Multimedia, müssen gleichwertige erklärende Texthinterlegungen besitzen." Denn Sprachprogramme, mit denen sehbehinderte Menschen oft arbeiten, werten im Hintergrund die Struktur des Quelltextes einer HTML-Seite nach Überschriften, Tabellen oder Aufzählungen aus. Sind Informationen wie der Bild-Alternativtext im Quellcode nicht zu finden, liest die Software stattdessen nur den Dateinamen des Bildes vor. Ganz wichtig: Viele Webseiten sind für die Nutzung der Maus optimiert, aber die Tastaturbedienung muss mindestens gleichwertig sein. Denn Surfer wie Jan-Eric Hellbusch arbeiten nicht mit der Maus - und können Seiten, die für eine Navigation per Maus gestaltet wurden, oft gar nicht nutzen.

Kaufkräftige Kunden

Während Unternehmen in Deutschland die sehbehinderten Surfer noch nicht als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt haben, werben Hardwareentwickler in anderen Ländern umso intensiver mit Innovationen. LG Electronics brachte in Korea im vergangenen Jahr ein Handy nur für Blinde und Sehbehinderte auf den Markt, Samsung präsentierte in China den "Touch Messenger" - ein mobiles SMS-Gerät für blinde Menschen. Zum Einsatz kommen ein eigens für die Blindenschrift ausgelegtes Display sowie eine braillefähige Spezialtastatur. Die Tastatur besteht aus 3 x 4 Knöpfen, die wie Standard-Blindentastenfelder verwendet werden. Noch befindet sich das Gerät im Prototyp-Stadium, Samsung hat nach Unternehmensangaben jedoch ein Kundenpotenzial von 180 Millionen Sehbehinderten weltweit ausgemacht. Im Klartext: ein SMS-Endgerät für Blinde wäre für jeden 35. Erdenbürger interessant und damit alles andere als ein Exoten-Produkt.

Besonders im Internet müssten sich Diensteanbieter mit den Anforderungen von sehbehinderten Kunden auseinandersetzen, meint der Barrieren-Beseitiger Jan-Eric Hellbusch. Der Berater ist sich sicher: "Wer Menschen mit Behinderungen als vereinzelte Sonderlinge abtut, verliert aktive Seitenbesucher und kaufwillige Kunden." Wer versucht, sich mit Erklärungen wie "Behinderte gehören nicht zu unserer Zielgruppe" herauszureden, habe laut Hellbusch eine zentrale Eigenschaft des Internets ignoriert - schließlich sei das weltweite Datennetz der ideale Ort für den gesellschaftlichen Austausch aller Menschen, egal ob mit Behinderung oder ohne. Denn Webstatistiken unterscheiden nicht zwischen "behindert" und "nicht-behindert".

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