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Nackt im Netz

Ein Porträt mit Bierglas im Xing-Profil - und schon ist der neue Job gestorben. Peinliche Partygeschichten auf Myspace - und noch die eigenen Kinder werden sie lesen. Viele Deutsche geben im Netz teils sehr private Informationen über sich preis - und leiden hinterher unter ihrer virtuellen Vergangenheit.

Von Dirk Liedtke

Michael Andresen (Name von der Redaktion geändert) hatte sich in einen Anzug geworfen, und der 26-jährige Hamburger Werber brachte gute Referenzen für den Job als Key-Account-Manager mit. Alles sprach für ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch. Aber es kam anders. "Ich hatte mich kaum hingesetzt, da wurde ich von dem Bereichsleiter auf mein Profilbild bei der Internet-Plattform Xing angesprochen", erinnert sich Andresen. Auf dem Party-Schnappschuss zeigte sich der junge Mann lässig mit einem Bier in der Hand. "Dem ist das unheimlich sauer aufgestoßen, und aus dem Job ist nichts geworden", sagt Andresen.

Sebastian Weiss (Name von der Redaktion geändert), 20, stellte sich in einem renommierten Münchner Hotel für einen Ausbildungsplatz zum Koch vor. "Das Gespräch lief gut", erzählt er. Bis ihm der Personalleiter eine lieb gewonnene Gewohnheit mitteilte: "Wenn ich Leerlauf vor einem Vorstellungstermin habe, google ich Bewerber." Auch bei Weiss wurde der Hotelmanager fündig: Ein ehemaliger Mitschüler von Sebastian hatte "Kotzbilder" von der Abschlussfahrt des Jahrgangs bei der Studentencommunity StudiVZ hochgeladen. Der Hotelmanager hatte keinen Humor: "Wir erwarten 100 Prozent Seriosität." Aus dem Ausbildungsplatz wurde nichts.

"Würde mich nie mit richtigem Namen anmelden"

Andrea Larisch ist vorsichtiger. Bei dem kleinen Internet-Netzwerk Kaioo ist sie mit Pseudonym registriert: "Mit meinem richtigen Namen würde ich mich eigentlich nirgends anmelden." Hier herrscht ein alberner, aufgedrehter Ton. Spaß und Flirten statt Netzwerken für die Karriere ist das Thema. Die Supermarkt-Kassiererin aus Berlin hat bei Kaioo die Juxgruppe "Die Freizeit darf unter dem Job nicht leiden!" gegründet. Bislang hat ihr Filialleiter sie noch nicht entdeckt.

Diese Momentaufnahmen aus der bunten Parallelwelt der "sozialen Netzwerke" im Internet stehen für Millionen. Fast jeder zweite Deutsche im Alter von 14 bis 49 Jahren gibt im Netz teils sehr private Informationen über sich preis. Bei Diensten wie SchülerVZ, StudiVZ, Facebook, MySpace oder Xing pflegen vier von zehn Teenagern und jungen Erwachsenen ein Online-Profil. Und selbst Senioren tummeln sich fleißig bei speziellen Plattformen wie Feierabend und Platinnetz. In vier Jahren werden über 21 Millionen Menschen in Deutschland Mitglied in mindestens einem Netzwerk sein. Und alle vereint der Daten-Striptease im Netz.

Es ist fast schon schizophren: Über versteckte Kameras und Privatdetektive bei Lidl und Telekom regt sich die ganze Nation auf. Auch gegen die Vorratsdatenspeicherung zur Terrorbekämpfung regt sich Protest. Aber bei Selbstdarstellungs-Netzwerken im Internet fallen die Hemmungen in Sachen Datenschutz. In den USA macht bereits das Schlagwort von der "Generation-schau-mich-an" die Runde.

Bei StudiVZ, MySpace oder Facebook steht der Spaß im Vordergrund. Möglichst cool, witzig und sexy präsentieren sich dort auch graue Mäuse und Mauerblümchen. Denn wer nicht das allerbeste Bild von sich zeigt, findet weniger Internet-Freunde. Witzige Sprüche, sexuelle Vorlieben, religiöse Überzeugung, wer mit wem? - all dies steht im Netz.

Es droht der Datenschutz-Kater

Ihre Arglosigkeit bezahlen immer mehr Nutzer mit einem Datenschutz-Kater. So wurden in Brandenburg acht Hotelangestellte gefeuert, weil sie bei StudiVZ derbe Scherze über ihren Boss ausgetauscht hatten. Eine 14-jährige Schülerin flog in Bad Kissingen von der Realschule, nachdem sie bei SchülerVZ einen Lehrer beschimpft hatte. Und die junge Lufthansa-Pilotin, die im Frühsommer in Hamburg eine spektakuläre Sturm-Landung hinlegte, wurde in der "Bild"-Zeitung mit privaten Urlaubsbildern und Details aus ihrem Privatleben vorgeführt, die ebenfalls aus StudiVZ stammten. Wer Persönliches in Online-Communitys preisgibt, wird quasi zur öffentlichen Person.

Um die offenbar wachsende Zahl der Opfer digitaler Selbstentblößung kümmern sich bereits spezialisierte Daten-Terminatoren. Die Firmen heißen "Dein guter Ruf" oder "Datenwachschutz". Gegen eine monatliche Gebühr von zehn Euro beispielsweise bei "Reputation Defender" kann man seine Internet-Identität regelmäßig überprüfen lassen. Diese Trüffelschweine finden mehr als Google - nämlich längst vergessene Einträge in Foren oder Beiträge in Newsgroups. Auch rufmörderische Einträge - etwa auf dem amerikanischen Internet-Pranger für nervige Nachbarn Rottenneighbor.com - stöbern diese Firmen auf.

Verleumdungsjäger durchkämmen das Netz

Das Geschäft mit der Rufrettung im Netz hat als einer der ersten der Amerikaner Michael Fertik, 29, gewittert. Mit über 50 Mitarbeitern in den USA und dem Rest der Welt sucht sein Unternehmen Reputation Defender - auf deutsch: Verteidiger des guten Rufs - nach peinlichen, verfänglichen und verleumderischen Daten irgendwo im Web. Die Erfolgsbilanz des Harvard-Juristen klingt beeindruckend. Nach eigenen Angaben will das Unternehmen in folgenden Fällen Datenspuren beseitigt haben:

  • Eine Berliner Geschäftsfrau wurde in zwei Blogs als "rassistisch" und "intolerant" beschimpft, weil sie eine Bürgerinitiative gegen zumeist türkische und afrikanische Drogen-Dealer in einem Park gegründet hatte.
  • Ein Mann wurde mit eindeutigen E-Mail-Angeboten homosexueller Männer überflutet. Ein Unbekannter hatte mit dessen persönlichen Daten, inklusive Anschrift, E-Mail und Telefonnummer ein Profil auf einer schwulen Dating-Seite eingerichtet.
  • Über einen verheiraten Verkehrspiloten und Vater zweier Kinder wurde in einem Blog geklatscht, weil er dort Jahre zuvor eine längst vergessene Kontaktanzeige aufgegeben hatte.
  • Ein Arzt hatte vor Jahren in einem Selbsthilfe-Forum eine Frage zu seinen gelegentlichen Angstzuständen und Panikattacken gestellt. Eines Tages schrieb ihm ein Patient, er benötige seine Hilfe nicht mehr, da der Arzt offenbar selbst Hilfe brauche.
  • Eine Fotografin fand auf mehreren Websites Fotos, die sie beim Sex zeigten. Ein Ex-Freund hatte die Bilder hochgeladen, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte.

Die Grenzen zwischen Selbstentblößung und Cybermobbing durch Dritte sind fließend. Wer sich bei einer Plattform mit einem Echtbild anmeldet, ist nicht dagegen gefeit, dass jemand das Bild kopiert und damit ein neues Profil auf einer anderen Plattform anlegt. Das Geizen mit eigenen Daten ist daher die beste Vorsorge vor Identitätsklau und peinlichen Datenspuren im Web-2.0-Zeitalter. Denn das Internet vergisst im Prinzip nichts. Wer Daten bei Google löschen lassen will, muss sich auf ein langes, kompliziertes Verfahren ohne Erfolgsgarantie einstellen. In der Zwischenzeit lassen sich Daten aber kopieren und herunterladen.

"Ich bin vorsichtiger geworden"

Auf Nummer Sicher geht Sebastian Scholzen, 23, aus Krefeld. Der Politikstudent und Mitarbeiter eines CDU-Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag will sich seine geplante Berufspolitiker-Karriere nicht mit entlarvenden Google-Resultaten vermasseln. "Dein guter Ruf" sammelt für monatlich 9,95 Euro regelmäßig seine Spuren im Netz: "Ich war positiv überrascht", sagt der in der Jungen Union engagierte Funktionär. Sein Profil bei StudiVZ hat er vorsorglich abgespeckt. So ist ein Fotoalbum mit Hockey-Bildern nicht mehr online. Seine rund 200 Freunde hat er per Rundmail gebeten, nicht mehr auf Fotos zu verlinken, auf denen er zu sehen ist. "Ich bin vorsichtiger geworden, was private Angaben angeht", sagt Scholzen.

Begründet ist die Paranoia der Nutzer vor dem Missbrauch ihrer Daten auch aus einem anderem Grund: Mehrmals wurde die Datenbank von StudiVZ geknackt. Zeitweise waren Nutzerdaten und Passwörter ungeschützt. Bei MySpace wurden Fotos aus den privaten Fotoalben der Sternchen Paris Hilton und Lindsay Lohan geklaut und im Internet verbreitet. Das renommierte Fraunhofer-Institut hat gerade in einer ausführlichen Studie allen großen sozialen Netzwerken, mangelhafte bis bestenfalls befriedigende Noten in Sachen Privatsphärenschutz ausgestellt. Am besten schnitt noch Facebook ab. Aber selbst bei dem amerikanischen Newcomer in Deutschland kritisierten die Wissenschaftler "erhebliche Schwächen". Im schlimmsten Fall ließen sich bei den "Lokalisten" über Suchmaschinen Bilder anzeigen, die eigentlich gesperrt waren.

Zur Beruhigung trägt es auch nicht gerade bei wenn selbst Sergey Brin, einer der zwei Google-Gründer, vor der Preisgabe persönlicher Daten warnt, "die Jahre später auftauchen und dem Nutzer einen Schlag versetzen." Wobei der Google-Mann im Glashaus sitzt: Die Suchmaschine speichert Suchanfragen ihrer Nutzer neun Monate lang, allerdings erst seit September 2008. Davor wurden die Daten erst nach 18 Monaten aus dem Archiv gelöscht.

Gierige Personensuchmaschinen

Noch unheimlicher in ihrem Datenhunger als Google sind spezielle Suchmaschinen mit putzigen Namen wie "Yasni" oder "Spock". Diese Daten-Sammler sind darauf abgerichtet, systematisch aus allen sozialen Netzwerken verfügbare Daten, Fotos und Videos abzusaugen und auf einer Suchresultate-Seite in eine Art Personal-Akte zu packen. "Diese Datensammlungen sind umfangreicher als bei den Einwohnermeldeämtern oder zu DDR-Zeiten bei der Stasi", sagt der Informatik-Professor der Fachhochschule Kaiserlautern, Hendrik Speck. Dass die Suchmaschine Yasni zugleich die Dienste von Reputation Defender anpreist, zeigt: Bock und Gärtner sind im Netz nur schwer zu unterscheiden.

Michael Andresen, dessen Vorstellungsgespräch wegen seines Partybilds im Netz platzte, tauschte das Bild bei Xing gegen ein unverfängliches Motiv aus. Das nächste Gespräch lief viel besser: "Gleich danach war meine jetzige Chefin dann auf meiner Xing-Seite." Den Job bekam er und hat ihn bis heute. Und Sebastian, der verhinderte Kochlehrling, macht zur Zeit ein Praktikum bei einer Fernseh-Produktionsfirma. Bei StudiVZ ist er nur noch mit einem Pseudonym angemeldet. "Selbst-Datenschutz" nennen Experten das. Hoffentlich wird daraus ein Trend.

(Beachten Sie auch unsere "Zehn Tipps zum Selbst-Datenschutz")

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