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Internet statt Kaffeekränzchen

Senioreneinrichtungen müssen umdenken - die Ansprüche ihrer Zielgruppe an die Infrastruktur ändern sich. Die ältere Generation will auch am digitalen Leben teilhaben und lässt sich nicht mehr mit Volksmusik und Fernsehabenden ruhig stellen.

  Auch Senioren wollen am digitalen Lifestyle teilhaben

Auch Senioren wollen am digitalen Lifestyle teilhaben

Die ältere Generation drängt ins Mitmach-Internet, sei es in Soziale Netzwerke, in Blogs, Foren, Chats oder in sonstige Communities. Das Web 2.0 verändert nach Überzeugung des Autors auch unser Leben im Alter. Dies wird sich auf die Ansprüche auswirken, die Senioren und deren Angehörige zukünftig an Einrichtungen zur Seniorenbetreuung stellen.

Frau Stein ist körperlich noch recht rüstig und geistig fit, ist aber vor kurzem in einen Seniorenwohnsitz gezogen. "Der Schritt umzuziehen war richtig, solange ich noch halbwegs fit bin", so ihre Meinung. "Die Kinder und Enkel sind über die ganze Welt verstreut, da sind Besuche eher selten. Kontakt haben wir bisher über Skype und Facebook gehalten und über andere Seniorenplattformen stehe ich ständig im Austausch mit interessanten Menschen - da wird es nie langweilig. Für mich hat sich diesbezüglich durch den Umzug in die Seniorenresidenz nichts geändert."

Falsches Bild der hilfsbedürftigen Senioren?

Sicherlich ein nicht alltägliches Szenario, welches nicht so recht zum herrschenden Bild hilfe- und pflegebedürftiger Senioren sowie zum Angebot von Senioreneinrichtungen passen will. Es gibt durchaus viele agile Senioren, die ehrenamtlich aktiv sind, sich als Hobby "Motorad-fahren" auswählen oder mit 78 in Computerkursen büffeln. Menschen, die jetzt (bzw. in den kommenden Jahren) in den Ruhestand gehen, hatten 25 bis 30 Jahre im Beruf und/oder im Privatleben Umgang mit Computer und Internet.

Diese Zielgruppe fühlt sich von den durch Sozialträger, Kommunen und Kirchengemeinden angebotenen "Kaffeekränzchen" und "Seniorennachmittagen" ganz und gar nicht angesprochen. Trotzdem organisieren Senioreneinrichtungen häufig ihr Programm unter der Prämisse, dass Senioren gerne Volksmusik hören und ihre Zeit mit Bastelnachmittagen verbringen möchten. Aktivitäten in Senioreneinrichtungen sind überwiegend auf therapeutische Aspekte oder Beschäftigungstherapie ausgerichtet, ohne auf die Wünsche und Vorstellungen der Betroffenen einzugehen.

Aktive Senioren haben dagegen genaue Vorstellungen, wie und mit wem sie ihre Zeit verbringen möchten. Hobbies, die im Internet gepflegt werden (Foto- und Video-Communities) gehören ebenso dazu, wie Partnersuche per Internet oder Kontaktaufnahme und Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten über soziale Netzwerke, Chats oder Foren. Warum sollte sich dies beim Wechsel in eine Senioreneinrichtung ändern?

Generation-Online ist nicht auf Jüngere begrenzt

Dass die Generation 50+ im "Internet angekommen ist", lässt sich auch an Nutzerzahlen ablesen. Der gerade erschienene Nonliner-Atlas 2010 gibt an, dass 71,5 Prozent der Altersgruppe 50-59 Jahre online ist, während dies bei den 60-69 jährigen immerhin noch 54 Prozent sind. Hier sind auch die größten Steigerungsraten zu vermelden. Der Bruch kommt in der Gruppe 70+, die erst zu 23% das Internet nutzt. Weitere Zahlen belegen, dass die Generation der Senioren gerade das Mitmach-Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten entdeckt. Von den 3 bis 4 Millionen Facebook-Nutzern in Deutschland (Stand Ende 2009) sind - je nach Quelle, zwischen 120.000 und 300.000 über 50 Jahre alt. Spezielle Senioren-Communities, wie Feierabend.de, Platinnetz.de oder forum-fuer-senioren.de, haben nach eigenen Aussagen je um die 100.000 Mitglieder. Bei wer-kennt-wen ist ein Großteil der Teilnehmer "deutlich dem Teenie-Alter" entwachsen und bewegt sich eher auf 40 bis 50 Plus zu. Besonders interessant ist dort, dass sich Kontakte über Altersgrenzen etablieren. Da finden sich durchaus rüstiger Pensionäre, die mit Freunden, alten Bekannten und ehemaligen Arbeitskollegen vernetzt sind, aber im Profil auch jüngere Personen (vermutlich Enkel) als "Ich kenne" aufweisen.

Einflussfaktoren für ein langes und glückliches Leben

Studien zur Lebenssituation älterer Menschen und deren Zufriedenheit zeigen, dass soziale Kontakte und Netzwerke sowie Anerkennung durch Dritte einen großen Einfluss haben. Von Kommunen ins Leben gerufene Projekte der Kategorie "Lebenswerte Lebenswelten für ältere Menschen" haben das Ziel, mehr soziale Netzwerke zu etablieren oder zu vergrößern. Sie liefern aber keine Antwort auf die Frage, wie solche Modelle bei in der Mobilität eingeschränkten Menschen funktionieren sollen, wenn der Anteil Jüngerer ständig abnimmt. Zudem beziehen sich diese Modellprojekte nur auf ausgewiesene Areale und erreichen nicht die in anderen Stadtteilen oder in ländlichen Regionen wohnenden Menschen. Zukünftig ist daher davon auszugehen, dass ein wachsender Teil der älteren Bevölkerung das Web 2.0 zur Vernetzung und zum Pflegen von Kontakten einsetzen wird. Ein Glücksfall, dass solche Technologien zur Kompensation körperlicher Defizite oder zur Überwindung räumlicher Barrieren bereitstehen. Die gerade populären Smartphones, Tablet-PCs und ähnliche Gadgets werden - sofern die Industrie es schafft seniorengerechte Geräte bereitzustellen - der Zielgruppe als Hilfsmittel eine Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war.

Auf die Betreiber von Seniorenheimen oder Senioreneinrichtungen werden unter diesem Blickwinkel neue Anforderungen an die Infrastruktur zukommen. Wer heute im Internet nach einem Ferienappartement sucht, stößt bei fast jeder modernen Unterkunft auf die Verfügbarkeit eines kostenlosen WLAN-Zugangs. Im Bereich Seniorenwohnheime herrscht bei der Recherche hinsichtlich WLAN- oder Internetzugang Leere. Selbst Luxus-Residenzen heben eher auf Golfplatz oder Billardraum statt auf moderne Kommunikationsinfrastruktur ab. Dabei verursacht eine solche Infrastruktur kaum Kosten, eröffnet aber gänzlich neue Chancen.

Soziale Vereinsamung und fehlende Kommunikation gehört auch bei heutigen Heimbewohnern zum gelebten Alltag. Die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte führten dazu, dass Kinder und Enkel oft in weit entfernten Städten oder gar in anderen Ländern leben und arbeiten. Besuche bei Oma oder Opa sind da eher selten.

Gegenmittel zur Vereinsamung im Alter

Aber es gibt die Möglichkeit über moderne Kommunikationsmittel, wie Skype, E-Mail oder soziale Netzwerke, Kontakt zu Familie, Freunden und Bekannten in aller Welt zu halten. Die "Teilhabe am Leben der Kinder und Enkel" ist so mit wenig Aufwand möglich. Wer Senioren in entsprechenden Lebenssituationen im Bekanntenkreis kennt, weiß, dass dies durchaus schon genutzt wird. Angehörige, die zukünftig einen Wohn- oder Pflegeplatz im Heim suchen oder Senioren, die über Jahre aktiv in sozialen Netzwerken oder im Internet unterwegs waren, werden sich mit Sicherheit nicht mit Telefon- und TV-Kabelanschluss zufrieden geben. In den USA gelten gut ausgestattete Computerräume samt WLAN-Zugang zum Pflichtprogramm besserer Seniorenresidenzen. Die Amerikanerin Marlys Marshall Styne ist ein gutes Beispiel für zukünftige Entwicklungen. Sie lebt im 35. Stock einer Seniorenwohnanlage an der "Goldküste" Chicagos. 2005 geriet sie als Witwe mit 73 Jahren in eine tiefe Depression und begann als Therapie zu schreiben. Mittlerweile bloggt sie unter seniorwriter.blogspot.com Geschichten aus ihrem Umfeld und hat einige Preise für ihre Werke errungen.

Medienkompetenz verhilft zu neuen Chancen

Aber die Dinge wandeln sich auch hierzulande. Ein vor einigen Wochen geführtes Beratungsgespräch des Autors drehte sich um die Frage, mit welcher Computertechnik Seniorenheime auszustatten wären und welche Schulung dies erfordert, um der Vereinsamung der Bewohner zu begegnen. Von der betreffenden Initiative wurde darüber nachgedacht, über Skype den Kontakt zwischen pflegebedürftigen Bewohnern und entfernt lebenden Familienangehörigen zu ermöglichen. Es wurde außerdem darüber gesprochen, wie Senioren (auch wenn sie bettlägerig sind) über soziale Netzwerke Kontakt halten oder sich mit Gleichgesinnten austauschen können.

Moderne Computer- und Kommunikationstechnik eröffnet auch Menschen mit Handicaps neue Chancen zur Überwindung von Kommunikationsbarrieren oder Einsamkeit. Recherchen für den Markt+Technik-Buchtitel "Computer trotz Handicap" zeigten dem Autor was Computertechnik für Menschen mit Behinderungen leisten kann. Viele Beeinträchtigungen lassen sich bereits mit Bordmitteln heutiger Computer oder Hardware von der Stange kompensieren. Besonders in Erinnerung geblieben ist eine zwischenzeitlich leider verstorbene, aber seinerzeit vor Ideen und Lebenslust nur so sprühende Person, die wegen einer fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung ans Haus gefesselt war. Über Skype, Messenger oder Foren stand sie mit Selbsthilfegruppen, Freunden und Bekannten in ständigem Kontakt. Da die Erkrankung eine normale Mausbedienung des Computers unmöglich machte, kam eine Zusatztastatur mit integriertem Trackball zum Einsatz - Zusatzkosten 30 Euro.

Soziale Netzwerke und Techniken wie Skype, Messenger, Videochat und weitere Internetdienste bieten die Möglichkeit "Gleichgesinnte" zielgerichtet zu finden und im "Netz zu treffen" oder mit Familien und Bekannten in Kontakt zu bleiben, egal, ob man noch agil ist, oder wegen einer Gehbehinderung oder Pflegebedürftigkeit ans Haus/Bett gebunden ist. Die Zukunft sieht also nicht gar so düster aus - der Datenhighway macht vieles möglich, auch wenn in der virtuellen Welt manche Gefahren lauern. Hier gilt es auch im höheren Lebensalter digitale Medienkompetenz zu erwerben, um die Vorteile in Anspruch zu nehmen, ohne sofort mit den Gefahren und Risken in Berührung zu kommen.

Halten wir es mit Marlys Marshall Styne, deren Blog den bezeichnenden Titel "Never too Late!" trägt

Von Gunter Born

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