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30. November 2009, 10:33 Uhr

"Ich würde dich heiraten! Bin voll!"

Ein neuer Kurznachrichtendienst erobert die Herzen der Web-Gemeinde. Besucher können ihre SMS der vergangenen Nacht einschicken. Hinter den Absendern verbergen sich Trunkenbolde, Liebhaber - und so mancher Philosoph. Von Sven Becker

SMS, Kurznachtricht, Party, Feiern

Ein Kurznachricht sagt manchmal eine Menge über eine Partynacht aus

Sonntagmittag, 13 Uhr. Der Kopf brummt. Was für eine Nacht! Langsam kommt die Erinnerung zurück, an die letzten Minuten vor dem Einschlafen, an die Sehnsucht im Rausch. Dann der Schreck: Ich hab' doch noch eine SMS geschickt. Aber an wen? Und was stand drin?

Früher blieben die Botschaften betrunkener Liebhaber den Empfängern vorbehalten. Heute sammelt die neue Internetseite www.smsvongesternnacht.de solche Kurznachrichten. Von Menschen, die sich einsam fühlen ("0:30: Es tut mir leid, dass ich dich immer noch vermisse"), die Hilfe brauchen ("6:47: Ich lieg bei so nem Typen im Zimmer, das is mir voll peinlich, kannst du mich abholen?") oder die sich einfach nur missverständlich ausdrücken:

23:16 Hey schatz, bin grad mit Kathy inner Kiste. Ruf dich später zurück!
23:17 ARSCHLOCH!!!
23:18 NEIN!!! Die Kiste ist ne Kneipe!!!!

Rechtschreibfehler und eindeutige Angebote

Die Seite funktioniert wie der Kurznachrichtendienst Twitter: Besucher können eine Nachricht eintippen, die in der Regel kurz darauf auf der Pinnwand erscheint. "Wir bekommen derzeit rund 100 Nachrichten pro Tag. Die Hälfte stellen wir online", sagt Axel Lilienblum, einer der beiden Erfinder. Lilienblum mag Rechtschreibfehler ("2:56: scheishe happ meihn slüssl vergesn"), eindeutige Angebote ("0:29: Ich würde dich heiraten! Bin voll!") und Philosophen ("23:29: der himmel is voll schön, wolken mit mond voll schön … ich liebe dich").

Vor drei Wochen ging die Seite online, 300 Besucher verirrten sich darauf zu Beginn. Heute sind es mindestens 15.000, an manchen Tagen ist der Ansturm so groß, dass der Server zusammen bricht. Den Erfolg verdanken die Betreiber vor allem dem sozialen Netzwerk Facebook, wo die Seite ein eigenes Konto mit den besten Kurznachrichten der letzten Nacht füttert. Am Anfang hatten die Seite 20 Freunde, heute sind es 10.000. Derzeit kommen jeden Tag tausend neue hinzu. Die Betreiber schicken die besten SMS an ihre Facebook-Freunde. Deren Freunde lesen sie auf ihrer Pinnwand und schicken sie weiter. Dadurch wird die Seite immer bekannter.

Aber woher kommt die Popularität? "Die Leute können sich mit den Nachrichten identifizieren", sagt Lilienblum. "Fast jeder hat doch nachts schon mal eine solche SMS geschrieben." Der 30-jährige Physiker hat die Seite gemeinsam mit der Regie-Studentin Anna Koch entworfen. Ein Büro haben die beiden Berliner nicht. Lilienblum arbeitet in seiner WG, bei Freunden oder im Café. Irgendwann soll das Projekt mit Anzeigen Geld abwerfen. Jetzt freut sich Lilienblum erstmal über den großen Zuspruch. Ob er denn selber auch betrunken Kurznachrichten schreibt? "Klar", sagt Lilienblum. "Aber ich kann mich an keine mehr erinnern."

Von Sven Becker
 
 
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