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Die Internet-Gesellschaft

Ob Facebook oder Xing: Immer weniger Menschen können sich dem Sog sozialer Netzwerke entziehen. Zu Recht, sagt stern.de-Redakteur Gerd Blank, denn trotz Gefahren überwiegen die Vorteile.

Wo haben Sie sich das letzte Mal verliebt? In einer Kneipe, im Supermarkt oder beim Sport? Oder gehören Sie zu der wachsenden Gruppe von Menschen, die ihren Partner über das Internet gefunden haben? Das Web wird menschlich, soziale Kontakte, egal ob romantischer, freundschaftlicher oder professioneller Natur, werden im Internet gepflegt oder sogar gefunden. Man tauscht sich am Bildschirm aus, trifft sich online und nutzt unzählige Services für ein digitales Gemeinschaftserlebnis. Auf der Cebit 2009 wurde für diesen Trend der Begriff "Webciety" erfunden, also die Verbindung von Web und Gesellschaft (Society).

Das Internet ist sozial und führt Menschen zusammen. Netzwerke schießen wie Pilze aus dem Boden, deren Nutzer sammeln Online-Freunde wie andere Briefmarken. Sie tauschen sich aus, kommunizieren miteinander per Tastatur. Ob Facebook, Myspace, Twitter, StudiVZ oder Xing: Jeder findet das passende Netzwerk für sich, oder gleich mehrere: eines für private Kontakte, eines für geschäftliche Beziehungen und eines fürs Hobby. Wo vor der Internetgeneration der Postweg die einzige Möglichkeit war, viele Freunde in einem Rutsch zu erreichen, ist jetzt nur noch ein Mausklick nötig.

Gerade in ländlichen Gegenden, wo selbst der Weg zum nächsten Supermarkt mit dem Bus genommen werden muss, hat die virtuelle Vernetzung eine große Bedeutung. Während in Großstädten meist für jeden Geschmack eine Gaststätte oder ein Club zur Verfügung steht, haben kleinere Dörfer und Gemeinden oft nicht mal eine Bücherei, geschweige denn einen Treffpunkt für junge Leute. Wo also Freude oder gar Partner kennenlernen? Und was ist, wenn man seinen Freundeskreis und Klassenkameraden verlässt, um in der Großstadt zu studieren oder zu arbeiten? Wie hält man die Kontakte aufrecht, wenn man nur sporadisch in die Heimat fährt? Das Internet ermöglicht es, sich in Echtzeit über Freunde zu informieren. Und dafür muss nicht einmal miteinander gesprochen werden. Kurze Statusmeldungen über den Gemütszustand der Freunde helfen dabei, sich trotz Entfernung verbunden zu fühlen.

Kontakte als Währung

Der Mensch ist kein Einzelgänger, auch wenn es da sicher Ausnahmen gibt. Das Bild des pickeligen Nerds, der einsam vor seinem Monitor sitzt und keine sozialen Kontakte hat, gehört längst der Vergangenheit an. Das Internet macht alle gleich und überwindet Grenzen, und die Währung in dieser virtuellen Welt sind Kontakte. Das Motto "wer kennt wen" ist, so scheint es, derzeit das wichtigste Credo. Kritiker sehen im bereitwilligen Zurschaustellen der eigenen Person eine große Gefahr. Persönliche Daten, die einfach im Netz kursieren, würden aus den Nutzern dieser Dienste öffentliche Personen machen.

Sicher, das Internet ist ein Multiplikator der Informationen und speichert diese auf unbestimmte Zeit. Fotos und Texte können dank immer ausgefeilterer Suchmaschinen auch Jahre nach der Veröffentlichung auf irgendeiner Seite leicht gefunden werden. Das ist gut bei sinnvollen Informationen. Aber wer noch Jahre später auf Fotos von sich stößt, die beim Feiern geknipst wurden, wünschte sich wohl häufig eine Taste fürs permanente Löschen. Und neue Partner freuen sich sicher nicht über abgelegte und vergessene Profile auf Dating-Portalen.

Mit dem Fortschritt leben

Innerhalb der vergangenen hundert Jahre musste die Menschheit sich mit immer schneller entwickelter Technik auseinandersetzen. Vom Morse-Code über Festnetztelefonie bis zum Handy, vom Radio übers Fernsehen bis zu Youtube. Schon immer fiel es manchen Menschen leichter, sich auf die technologische Entwicklungen einzulassen, als anderen. Und das ist auch heute so.

Inzwischen führen fast alle digitalen Wege über den Datenhighway. Das Internet verbindet Entertainment mit Information und Services mit Inhalten. Und diese Inhalte müssen nicht vorgefertigt sein, sie sind veränderbar, jeder kann mitmachen.

Wir befinden uns derzeit in der Internet-Pubertät und experimentieren noch ein wenig mit den Möglichkeiten herum, probieren aus, was geht und wohin die neue Technik führt. Während die älteren Nutzer eher zögerlich neue Technologien ausprobieren, haben die Jüngeren Twitter und Co. bereits verinnerlicht. Langsam aber sicher ändert sich das Bild, das Web entwickelt sich vom Pausenhof der jungen Nutzer zum Kontakthof für alle. Die IT-Industrie befeuert diesen Trend mit Hightech-Produkten: Kameras, die Bilder und Videos direkt ins Web bringen; Handys, die erkennen, wo man sich gerade befindet, und Kleinstcomputer, mit denen man überall kabellos ins Netz kommt. Allways on, ständig präsent sein. Es ist eine Zeit, in der selbst die E-Mail schon fast ein Anachronismus ist. Wenn man jetzt mal nur für sich sein will, reicht es nicht mehr, das Licht auszumachen und die Türklingel auszuschalten. Heutzutage müssen Messenger, Handy und Facebook-Konto mit einer Abwesenheitsnotiz versehen werden.

Langsam wachsen die Techniken zusammen und werden auch für all jene nutzbar, die nicht zu den "first movern" gehören, also zu jenen, die sofort auf den Zug springen, wenn er zu einer neuen Entwicklung führt. Mobiltelefone der neuesten Generation sortieren die Kontakte nicht mehr nur nach Namen, sondern auch nach Diensten. Sie reagieren, egal ob es sich um Anruf, Mail, Kurznachricht oder Twitter-Meldung handelt. Mit dem iPhone von Apple wurde einer großen Öffentlichkeit gezeigt, dass Internet-Services keinen großen Computer und komplizierten Browsereinstellungen benötigen, sondern mit einem Fingerdruck genutzt werden können. Das Handy wird so zur Fernsteuerung des sozialen Lebens.

Virtuelle und reale Welt

Diese Omnipräsenz des Digitalen zu verdammen, wäre voreilig. Zwar gibt es sicher negative Beispiele, die zeigen, wie gefährlich das Internet für den Einzelnen sein kann. Tatsächlich aber ist die virtuelle Welt mit der realen durchaus vergleichbar. Gefahren lauern überall, auch in der Nachbarschaft. Diebe dringen in Wohnungen ein, Konten werden geplündert und Gewalttaten verübt. Da helfen bessere Schlösser sowie vorsichtiges Verhalten. Natürlich birgt ein Online-Leben auch reale Gefahren. Viel zu bereitwillig geben Nutzer von sozialen Netzwerken ihre persönlichen Daten bedenkenlos ab. Als würde man seinen Personalausweis mit Haustürschlüssel als Einladung irgendwo liegen lassen.

Niemand wird ohne Führerschein mit einem Auto auf die Autobahn gelassen. Für den Datenhighway sollte das genauso gelten. Mit einer vernünftigen Medienerziehung, die gar nicht früh genug beginnen kann, werden Gefahrenquellen schneller ausgemacht. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir durch unser Verhalten zu gläsernen Menschen werden. Wenn wir die Vorteile der digitalen Welt in Anspruch nehmen, müssen wir auch einige Nachteile in Kauf nehmen. Es kommt darauf an, die Balance zu halten. Und das gilt eben nicht nur im Internet, sondern in allen Lebenslagen.

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