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28. Januar 2009, 18:03 Uhr

Als Chantal plötzlich doppelt existierte

In Mainz trafen sich Experten, Lehrer und Schüler, um über Datenschutz in Sozialen Netzwerken zu diskutieren. Besonderes Augenmerk lag auf den Problemen, die Kinder und Jugendliche in SchülerVZ & Co. bekommen können. Aufklärung schon in der Schule, lautet die einhellige Forderung.

StudiVZ, SchülerVZ, Community

SchülerVZ ist bei Jugendlichen ungeheuer beliebt - aber nicht ohne Gefahren

Chantal hat von SchülerVZ erst einmal die Nase voll. Gleich zweimal innerhalb weniger Wochen haben Unbekannte ihre Daten benutzt und eine Kopie ihrer virtuellen Identität in dem beliebten Online-Netzwerk erstellt. In ihrem Namen haben die Unbekannten dann unter anderem ein Foto von Adolf Hitler hochgeladen, so dass in der gesamten Netzgemeinde der Eindruck entstehen konnte, sie sympathisiere mit rechtsextremen Einstellungen. "Es hat mir die Tränen in die Augen getrieben", beschrieb die 16-jährige Schülerin auf einem Symposium zum Thema Datensicherheit in sozialen Netzwerken in Mainz ihre Stimmung nach dem virtuellen Identitätsdiebstahl. Vier lange Tage habe es gedauert, bis der Betreiber der Plattform das gefälschte Profil aus dem Netz genommen habe. Als die Täter sie dann auch noch bedroht hätten, sei sie zur Polizei gegangen, berichtete Chantal weiter. Die Anzeige sei allerdings ohne Ergebnis eingestellt worden.

Ob mit der Löschung aber auch sämtliche Spuren der gefälschten Identität ein für allemal aus der virtuellen Öffentlichkeit verschwunden sind, bezweifelten die meisten Experten der Veranstaltung im ZDF-Sendezentrum. Rund 300 Datenschützer, Medienexperten, Wissenschaftler, Lehrer und Schüler diskutierten am Europäischen Datenschutztag auf Einladung der Daten- und Jugendschutzbeauftragten des ZDF sowie des Landesbeauftragten für den Datenschutz in Rheinland-Pfalz über das "Daten-Outing" von Heranwachsenden in Netz-Communitys. Zu groß, zu unübersichtlich sei das World Wide Web mit all seinen Verästelungen, um einmal veröffentlichte Daten zuverlässig wieder entfernen zu können. Wer einmal persönliche Daten ins Netz gestellt hat, wird sie ohne professionelle Hilfe den Blicken der Netzgemeinde nicht wieder entziehen können, lautete die einhellige Meinung der Referenten.

Was die User in Foren, Blogs und neuerdings sogenannten sozialen Netzwerken freiwillig von sich geben, lässt nicht nur bei Datenschützern die Alarmglocken schrillen. Längst müssen sich auch Polizei und Gerichte mit den Folgen von leichtfertigem Daten-Strip und ihrer kriminellen Nutzung beschäftigen. Penetrante Werbepost und gefälschte E-Mails mit der Aufforderung, Kontoverbindung samt PIN- und TAN-Nummern der Hausbank als vermeintlichem Absender mitzuteilen, finden sich beinahe täglich im virtuellen Posteingang vieler Internetnutzer.

Den freizügigen Umgang mit persönlichen Angaben haben die Betreiber der Kontakt-Plattformen zum Geschäftsprinzip erhoben: Um Mitglied zu werden, sollen die Nutzer neben Namen und Geburtsdatum auch ihr Hobby, ihre politische Orientierung und Religion angeben. Und als reiche das nicht, um sich interessant zu machen, lassen Jugendliche im wahrsten Sinne des Wortes die Hüllen fallen. Dabei verdrängen viele, dass die ganze Welt zugucken kann, was nicht nur in Bewerbungsgesprächen bisweilen zu unliebsamen Überraschungen führen kann. Hendrik Speck, Professor für Informatik an der Fachhochschule Kaiserslautern, betonte: "Diese Daten, beziehungsweise Profilierungsdichte, ist wesentlich größer als das, was beispielsweise Einwohnermeldeämter speichern, aber es ist auch wesentlich dichter und detaillierter, als die Standard-Erfassungsbögen der Staatssicherheit."

"Die Eltern haben oft keine Ahnung"

Vor allem Kinder und Jugendliche veröffentlichten allzu häufig freimütig private Daten wie Adressen, Hobbys, Vorlieben und sogar Telefonnummern auf den Profilseiten der Netzwerk-Betreiber, ohne sich der Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung bewusst zu sein, bestätigte Petra Kain von der Zentralen Jugendkoordination des Polizeipräsidiums Westhessen. Das versuche sie durch Aufklärungsarbeit in den Schulen und auf Elternabenden zu verändern. Kain zieht nach ihren jahrelangen Bemühungen eine ernüchternde Zwischenbilanz: "Eltern haben oft nicht die geringste Ahnung, wo ihre Kinder im Internet unterwegs sind, wen sie dort alles treffen können und was sie alles von ihrer Privatsphäre preisgeben." Gleichzeit wachse der soziale Druck auf die Kinder, auf bestimmten Netz-Communitys präsent zu sein. "Schon im 6. Schuljahr sind Schüler einfach out, wenn sie sich nicht auf SchülerVZ angemeldet sind." Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung des Internets für die Heranwachsenden müsse das Thema Datenschutz und "Identitätsmanagement" künftig stärker in der Schule berücksichtigt werden, forderten die Teilnehmer der abschließenden Podiumsdiskussion. "Information, Aufklärung und Bewusstseinsbildung sollten mit praxistauglichen Angeboten verbunden werden, um der Generation Internet ein risikoärmeres Kommunikationsverhalten zu vermitteln. Über eines müssten sich aber alle Nutzer von Online-Kontaktbörsen klar sein: "Das Internet vergisst nie!"

Bernd Schmid/DPA
 
 
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