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6. August 2009, 07:49 Uhr

Deserteur in Microsofts Diensten

Qi Lu ist der wichtigste Manager für Microsofts Suchgeschäft und arbeitete einst für Yahoo. Damit ist der chinesische Computeringenieur eine Schlüsselfigur für die gemeinsamen Pläne der beiden Konzerne. Die Umstände für eine große Karriere waren denkbar schlecht: Qi Lu wuchs in Armut und Hunger auf. Von Helene Laube

Yahoo, Microsoft, Bing, Suchmaschine, Google

Qi Lu ist verantwortlich für Microsofts Suchmaschinen-Strategie© Microsoft

Die Ursprünge einer steilen Karriere sehen anders aus: Qi Lu wächst ohne Strom und ohne fließendes Wasser auf. Essen ist Mangelware, und in seinem chinesischen Dorf gibt es für 400 Familien einen Lehrer. Schiffsbau will er studieren, aber Qi Lu ist ein Fliegengewicht. Die kommunistische Partei schreibt ein Körpergewicht von 50 Kilogramm vor. "Ich war zu dünn", erinnert sich Lu. Und noch dazu für das Physikstudium zu kurzsichtig. Trotzdem führt Lus unwahrscheinliche Karriere vom Armenhaus zu Yahoo und dann zu Microsoft.

Vielleicht ist es genau das, was er braucht. Wer unter solch harten Bedingungen heranwächst, weiß zu kämpfen - genau das, was Lus Arbeitgeber braucht. Lu, der schließlich in China und den USA Computerwissenschaften studiert hat, ist seit Januar der Chef von Microsofts Online-Sparte.

Damit ist der angesehene Computerwissenschaftler auch für die Internetsuche verantwortlich, das Geschäft, in dem der weltgrößte Softwarekonzern seit Jahren vergeblich den Anschluss an Google sucht. Durch eine Allianz mit Yahoo soll die mehrmals überholte und Bing getaufte Suchmaschine nun endlich den bitter nötigen Schub bekommen.

Wir wollen brutal ehrlich sein

Aber Lu gibt sich - und die Wall Street - keinen Illusionen hin: Es wird keine Quantensprünge geben bei der Suche nach Marktanteilen. "Wir wollen brutal ehrlich sein, wo wir stehen und was die Hürden sind, die wir nehmen müssen - es wird dauern", sagte der 47-Jährige den Analysten, die vergangene Woche für ihr jährliches Treffen mit der Führungsriege nach Redmond in die Microsoft-Zentrale gereist waren. Bing ging Anfang Juni an den Start, und die Resonanz sei "ermutigend", so Lu: "Es ist ein guter Schritt, aber es ist ein erster Schritt in einer langen, langen, langen Reise."

Allein die Reise bis zu diesem Neuanfang dürfte Konzernlenker Steve Ballmer genauso lang vorgekommen sein wie den Investoren. Seit sechs Jahren versucht Microsoft, ein Gegengewicht zu Google aufzubauen, und hat dafür Milliarden in den Aufbau einer eigenen Suchmaschine und Suchanzeigenplattform gepumpt. Spielstand: Microsoft erbeutet weltweit nicht einmal drei Prozent aller Suchanfragen, Yahoo neun und Google fast 70 Prozent - Tendenz steigend. Noch verheerender sieht es bei den Textanzeigen aus. "In Westeuropa haben weder wir noch Yahoo eine gute Position - Google hat dort bei bezahlter Suchwerbung rund 92 Prozent Marktanteil", klagt Ballmer.

Profitabel durch Größe

Die Allianz, mit der die Bing-Technologie die Suche auf Yahoos Webseiten übernimmt, soll Microsoft vorrangig zu mehr Größe verhelfen. "Wenn man die Größe hat, kann es ein enorm profitables Geschäft sein", sagt Lu. Kleinere Suchmaschinen kriegen weniger Anzeigen, wodurch die Werbung weniger relevant für die Nutzer sein kann, was die Suchmaschine wiederum weniger profitabel macht.

Eines der großen Probleme für Microsoft und Yahoo ist die Stärke der Google-Marke. "Selbst wenn wir Milliarden von Webseiten für die Suchmaschine indexieren und die Absicht der Suchenden immer besser verstehen, reicht das nicht aus, um Marktanteile zu gewinnen", sagt Lu. "Google hat einen sehr, sehr starken Markennamen, unser Suchangebot muss sich also deutlich unterscheiden und gleichzeitig mit Google konkurrieren."

Wenn die Behörden die Kooperation zwischen Microsoft und Yahoo genehmigen, dann hat Lu bei der Integration der Suchtechnologien einen Vorteil: Zehn Jahre arbeitet er bei Yahoo, zuletzt als Chefentwickler für die Such- und Online-Anzeigentechnologien, ehe er zu Microsoft überläuft. Im August 2008 geht Lu, als Yahoo immer mehr Marktanteile an Google verliert. Zuvor drängt Lu das Management zu mehr Investitionen in die Technologie. Doch Lu, der als höflicher, bescheidener und arbeitswütiger Mensch gilt, soll irgendwann nicht mehr an Yahoos Wettbewerbsfähigkeit geglaubt haben. Sein Abgang ist der Anfang vom Ende für Yahoo.

Es gibt noch mehr Überläufer

Bei seiner Abschiedsfeier wurden T-Shirts mit dem Aufdruck "Ich arbeitete mit Qi. Du auch?" verteilt. Seit Lu bei Microsoft ist, sind knapp zehn frühere Kollegen nach Redmond übergelaufen, darunter der frühere Yahoo-Chef für Suchtechnologie Sean Suchter, der oberste Softwarearchitekt Knut Risvik und der Chef des internationalen Suchgeschäfts Yongdong Wang.

Lu gehörte zum Team, das seit Januar mit der Yahoo-Chefin Carol Bartz verhandelt hat. Dabei ist es Microsoft nach Meinung vieler Insider gelungen, einen vorteilhaften Deal zu ergattern. Lus ehemaliger Arbeitgeber hingegen habe kapituliert. "Der einst stolze Krieger des Internets hat sein Schwert niedergelegt, ist vor Microsoft niedergekniet und hat sich selbst ausgeweidet", sagt Jason Calacanis, Gründer der kleinen Suchmaschine Mahalo.

Von Helene Laube
 
 
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