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23. November 2008, 11:32 Uhr

"Wo waren sie die ganze Zeit?"

Die Familie des 19-jährigen Abraham Biggs, der seinen Suizid ins Internet übertragen hatte, erheben schwere Vorwürfe gegen die Zuschauer und den Betreiber des Onlineportals justin.tv: "Man schaut einem Mitmenschen in Not nicht einfach nur zu." Die Angehörigen fordern "eine Art Aufsicht".

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Der Screenshot des Livestreams zeigt den toten Abraham Biggs, kurz vor den Eintreffen der Polizei

Nach dem Selbstmord eines 19-Jährigen vor laufender Webcam hat dessen Familie eine stärkere Aufsicht über das Internet gefordert. Der Vater des Studenten, Abraham Biggs Sr., sagte am Wochenende im US-Staat Florida, sowohl die Zuschauer, die stundenlang seinem Sohn tatenlos beim Sterben zusahen, als auch die Betreiber des Internetportals hätten sich falsch verhalten. "Wir reden hier vom Leben eines Menschen. Und als menschliches Wesen lehnt man sich nicht zurück und schaut einem Mitmenschen in Not einfach nur zu."

Abraham Biggs starb am Mittwoch, nachdem er im Internet seinen Selbstmord angekündigt hatte und dann vor laufender Webcam eine Überdosis Opiate und Benzodiazepin einnahm. Zuschauer kommentierten im so genannten Chat die Bilder, erst nach stunden alarmierte jemand die Aufsicht des Portals Justin.tv. Der Moderator konnte den Aufenthaltsort des Selbstmörders ermitteln und schaltete die Polizei ein. Die Beamten fanden den jungen Mann tot auf dem Bett seines Vaters - und beendeten nach zwölf Stunden die Übertragung.

"Wo waren sie die ganze Zeit?"

"Ich denke, dieser Zwischenfall und wahrscheinlich andere Vorkommnisse dieser Art deuten darauf hin, dass eine Art Aufsicht notwendig ist", sagte Biggs Sr., der nach eigenen Angaben auf der Arbeit war, als sein Sohn starb. "Es ist falsch, dass so etwas mehrere Stunden vor sich geht und von den Verantwortlichen (der Webseite) niemand einschreitet. Wo waren sie die ganze Zeit?" Die Tat seines Sohns sei ein Schrei nach Hilfe gewesen. "Aber statt Hilfe zu erhalten wurde er ignoriert. Ich würde so etwas nicht im Internet sehen wollen und nicht versuchen, Hilfe für den jungen Mann zu holen. Ich denke, dass würde eine durchschnittliche Person machen, jeder normale Mensch würde das machen. Ich bin wirklich entsetzt." Auch Biggs' Schwester Rosalind war empört: "Das durfte nicht sein. Sie hatten Hits (Seitenaufrufe), sie hatten Zuschauer, und stundenlang passierte nichts."

Ein Internetsurfer, der nach eigenen Angaben den Selbstmord beobachtete, sagte, Biggs habe mehrere Tabletten eingenommen und sich dann hingelegt. Es habe den Anschein gehabt, dass er atme und schlafe, während Zuschauer im Chat Witze machten. Einige Zuschauer des virtuellen Publikums hätten Biggs ermutigt, sich umzubringen, sagte eine Ermittlerin des Kreises Broward, Wendy Crane. Andere versuchten aber auch, ihn davon abzubringen. Wieder andere erklärten, sie hätten Biggs und seine Drohung nicht ernst genommen, weil er schon häufig von Selbstmord gesprochen habe. Eine weitere Gruppe diskutierte darüber, ob die von Biggs genommene Dosis aus Opiaten und Benzodiazepin tödlich sei oder nicht. Nach Angaben des Vaters hatte er die Mittel wegen einer manisch-depressiven Erkrankung verschrieben bekommen.

Nicht der erste Selbstmord im Internet

Es war nicht der erste Selbstmord vor laufender Kamera im Internet. Eine Dozentin für Populäre Kultur der Staatsuniversität von Ohio, Montana Miller, sagte, Jugendliche dokumentierten heutzutage alles, was sie für wichtig hielten und stellten es ins Internet. "Falls es nicht aufgezeichnet ist, scheint es ihnen nicht wichtig. Für die heutige Generation scheint zu gelten: 'Warum soll man etwas machen, wenn es nicht alle sehen werden?'" Sie verglich Briggs Selbstmord mit anderen Arten, in der Öffentlichkeit Selbstmord zu verüben - etwa sich von einer Brücke stürzen. Die Ermittlerin Crane sagte, sie kenne einen Fall, bei dem sich ein Mann in Florida vor einem Online-Publikum in den Kopf geschossen habe. In Großbritannien erhängte sich im vergangenen Jahr ein Mann, während er sich an einem Online-Chat beteiligte.

Sarah Larimer/AP
 
 
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