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23. November 2008, 11:45 Uhr
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"Wo waren sie die ganze Zeit?"

Die Familie des 19-jährigen Abraham Biggs, der seinen Suizid ins Internet übertragen hatte, erheben schwere Vorwürfe gegen die Zuschauer und den Betreiber des Onlineportals justin.tv: "Man schaut einem Mitmenschen in Not nicht einfach nur zu." Die Angehörigen fordern "eine Art Aufsicht".

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Der Screenshot des Livestreams zeigt den toten Abraham Biggs, kurz vor den Eintreffen der Polizei

Nach dem Selbstmord eines 19-Jährigen vor laufender Webcam hat dessen Familie eine stärkere Aufsicht über das Internet gefordert. Der Vater des Studenten, Abraham Biggs Sr., sagte am Wochenende im US-Staat Florida, sowohl die Zuschauer, die stundenlang seinem Sohn tatenlos beim Sterben zusahen, als auch die Betreiber des Internetportals hätten sich falsch verhalten. "Wir reden hier vom Leben eines Menschen. Und als menschliches Wesen lehnt man sich nicht zurück und schaut einem Mitmenschen in Not einfach nur zu."

Abraham Biggs starb am Mittwoch, nachdem er im Internet seinen Selbstmord angekündigt hatte und dann vor laufender Webcam eine Überdosis Opiate und Benzodiazepin einnahm. Zuschauer kommentierten im so genannten Chat die Bilder, erst nach stunden alarmierte jemand die Aufsicht des Portals Justin.tv. Der Moderator konnte den Aufenthaltsort des Selbstmörders ermitteln und schaltete die Polizei ein. Die Beamten fanden den jungen Mann tot auf dem Bett seines Vaters - und beendeten nach zwölf Stunden die Übertragung.

"Wo waren sie die ganze Zeit?"

"Ich denke, dieser Zwischenfall und wahrscheinlich andere Vorkommnisse dieser Art deuten darauf hin, dass eine Art Aufsicht notwendig ist", sagte Biggs Sr., der nach eigenen Angaben auf der Arbeit war, als sein Sohn starb. "Es ist falsch, dass so etwas mehrere Stunden vor sich geht und von den Verantwortlichen (der Webseite) niemand einschreitet. Wo waren sie die ganze Zeit?" Die Tat seines Sohns sei ein Schrei nach Hilfe gewesen. "Aber statt Hilfe zu erhalten wurde er ignoriert. Ich würde so etwas nicht im Internet sehen wollen und nicht versuchen, Hilfe für den jungen Mann zu holen. Ich denke, dass würde eine durchschnittliche Person machen, jeder normale Mensch würde das machen. Ich bin wirklich entsetzt." Auch Biggs' Schwester Rosalind war empört: "Das durfte nicht sein. Sie hatten Hits (Seitenaufrufe), sie hatten Zuschauer, und stundenlang passierte nichts."

Ein Internetsurfer, der nach eigenen Angaben den Selbstmord beobachtete, sagte, Biggs habe mehrere Tabletten eingenommen und sich dann hingelegt. Es habe den Anschein gehabt, dass er atme und schlafe, während Zuschauer im Chat Witze machten. Einige Zuschauer des virtuellen Publikums hätten Biggs ermutigt, sich umzubringen, sagte eine Ermittlerin des Kreises Broward, Wendy Crane. Andere versuchten aber auch, ihn davon abzubringen. Wieder andere erklärten, sie hätten Biggs und seine Drohung nicht ernst genommen, weil er schon häufig von Selbstmord gesprochen habe. Eine weitere Gruppe diskutierte darüber, ob die von Biggs genommene Dosis aus Opiaten und Benzodiazepin tödlich sei oder nicht. Nach Angaben des Vaters hatte er die Mittel wegen einer manisch-depressiven Erkrankung verschrieben bekommen.

Nicht der erste Selbstmord im Internet

Es war nicht der erste Selbstmord vor laufender Kamera im Internet. Eine Dozentin für Populäre Kultur der Staatsuniversität von Ohio, Montana Miller, sagte, Jugendliche dokumentierten heutzutage alles, was sie für wichtig hielten und stellten es ins Internet. "Falls es nicht aufgezeichnet ist, scheint es ihnen nicht wichtig. Für die heutige Generation scheint zu gelten: 'Warum soll man etwas machen, wenn es nicht alle sehen werden?'" Sie verglich Briggs Selbstmord mit anderen Arten, in der Öffentlichkeit Selbstmord zu verüben - etwa sich von einer Brücke stürzen. Die Ermittlerin Crane sagte, sie kenne einen Fall, bei dem sich ein Mann in Florida vor einem Online-Publikum in den Kopf geschossen habe. In Großbritannien erhängte sich im vergangenen Jahr ein Mann, während er sich an einem Online-Chat beteiligte.

Sarah Larimer/AP
KOMMENTARE (10 von 16)
 
Elenaor (24.11.2008, 11:24 Uhr)
Wenn die Wahl besteht...
... bloß meinen Sohn nahe zu sein oder ihm gesund zu machen, dann würde ich arbeiten gehen um ihm die Behandlung zu bezahlen. Und in Amerika hat man keine 35-Stunden-Woche, das sollte sich eigentlich schon nach Deutschland herumgesprochen haben. Abgesehen davon, dass die meisten Amis dann noch einen Nebenjob haben müssen, nur um über die Runden zu kommen. Nur weil im Text nicht steht, dass der Vater sich Vorwürfe macht, heißt das noch lange nicht, dass er sich keine macht.
Außerdem verstehe ich die ganze Diskussion nicht: Das ist wie, wenn die Eltern ihr Kind mal 5 Minuten aus den Augen lassen, es ins Wasser läuft und ertrinkt und 50 Leute stehen drum herum und schauen zu. Das passiert regelmäßig, weil keiner sich zuständig fühlt. Und dieses Nicht-Zuständigfühlen sieht man ja auch hier wieder wunderbar. Es hätte ja jemand anderes helfen können, also bin ich von der Schuld reingewaschen! Denn schließlich ist das Kind ja unbeaufsichtigt gewesen, also was habe ich damit zu tun, dass es ertrinkt?
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass einige Leute bloß nicht den gedanken aufkommen lassen möchten, dass ihnen so etwas ähnliches passieren könnte.
Fakt ist jedenfalls, man hätte den Support anschreiben müssen, die Polizei rufen müssen oder sonst etwas - aber nicht einfach zugucken dürfen.
havranek (24.11.2008, 11:02 Uhr)
Wo waren denn die Deutschen??
Komisch, Internet ist weltweit, da hat doch bestimmt auch der eine oder andere Deutsche zugesehen!
Vorallem wie will man im Internet schnell helfen, eine eMail an die Seitenbetreiber schreiben??
Ich erinnere mich aber an die U-Bahn Schläger welche das Opfer fast getötet hätten, seltsam, da sind viele Deutsche live nebenan gestanden, haben aber gar nichts gemacht oder geholfen, nur geglotzt!
rued (24.11.2008, 09:39 Uhr)
immer schön alles zerpflücken.
Wer sich mit dem amerikanischen Gesundheitssystem auch nur ein bischen auskennt, wird die Unmöglichkeit erkennen gleichzeitig die Behandlung des Sohnes zu zahlen und dabei nicht arbeiten zu gehen. Hier muss man auch gar nicht so weit gehen irgendeinem die Schuld zuzuschreiben. Die Schuld für das Handeln des Jungen tifft hier wohl niemanden. Viel schlimmer finde ich wirklich die Leute im Internet, die dabei zugesehen haben und dann noch darüber diskutieren ob die Dosis auch tödlich ist, weil eben diese Leute davon wussten und bewusst nichts gemacht haben.
Das als typisch Amerikanisch abzutun, würde auch nicht als richtig erachten und den Leuten die behaupten der Vater würde die Schuld auf andere schieben, rate ich den Text nochmal genau zu lesen.
Die Familienmitglieder verlangen lediglich nach einer Kontrolle, damit sich sowas nicht wiederholt.
Und um die Menschen anzuprangern, die sich alles angesehen und nicht gahandelt haben, muss ich weder Amerikaner, noch Vater sein. Das bekomm ich als ganz einfacher Deutscher hin. EKELHAFT!
Chuckymaster (24.11.2008, 03:42 Uhr)
@Elenaor / @ Mori
Wenn ich weiss das mein Sohn krank ist, lasse ich ihn aber auch nicht 12 Stunden allein. Und das ist ja nur die Zeit in der man es ja anscheinend im Internet ansehen konnte.
Wie lange war also niemand zuhause? Wenn mein Sohn krank ist, dann sorge ich doch wohl wenigstens dafuer das alle paar Stunden mal jemand nach ihm sieht, oder?
und ich sehe es auch so, das es ein Problem der Amis ist immer die Schuld den Anderen zu geben. Felht jetzt echt nur noch, dass der Vater den Betreiber und die Zuschauer verklagen will, denn da sind sie doch auch die Groessten.
So tragisch die ganze Sache auch ist muss ich zugeben, haette ich es gesehen waere ich auch von einem Fake oder Scherz ausgegangen und haette weitergeschaltet. Denn wie will man denn heute noch tatsaechlich zwischen Wirklichkeit oder nicht im Internet unterscheiden?
@ Mori
Dein Beispiel von Muenchen ist ja wohl die unterste Evolutionsstufe des Menschen. Denn da waren die Leute live vorort und haetten eingreifen muessen (!!) und nicht irgendwo virtuell auf der Welt verteilt.
CatDeeley (23.11.2008, 23:21 Uhr)
..
Ach und wenn man die Ursache gefunden hat, dann ist alles wieder in Ordnung?
Kann mich nur meinen Nachrednern anschliessen.
BadFriend (23.11.2008, 22:16 Uhr)
@Elenaor
Die Uraschen dafür finden. Ich weiß wovon ich da rede. Näher möchte ich darauf nicht eingehen.
Elenaor (23.11.2008, 20:39 Uhr)
Scheinheiligkeit
Sein Sohn hat sich aber eben nicht im stillen Kämmerlein umgebracht, also gibt es keinen Grund, warum er sich nicht darüber beklagen sollte, dass niemand geholfen hat!
Ansonsten frage ich mich, ob hier alle "Die-Familie-ist-schuld"-Schreier ihr ganzes eigenes Leben, ihren Job etc aufgeben würden um jahrelang ein seelisch, krankes Familienmitglied zu bewachen? So mal - fällt bei euch das Geld von Himmel? Und der Junge war in Behandlung, was sollte man mehr tun? Festbinden? Aber natürlich, Selbstmorde passieren nur in verrüttelten Familien. Schöne Illusion! Depressionen kriegen ja auch nur Menschen aus gestörten Verhältnissen...
hauspferd (23.11.2008, 20:30 Uhr)
Tragisch
ist es dass der 19 jährige Mann Selbstmord begangen hat. Das die Community tatenlos zugeschauen hat, muss weiter diskutiert werden.
Das Verhalten des Vaters zeugt leider von einer starken Entfremdung seinem Sohn gegenüber. Sein Sohn ist nach 19 Jahren gestorben und er beschwert sich, das andere, völlig fremde Menschen, nicht auf seinen Sohn aufgepasst hätten. Die Verantwortung und sogar eine Schuld wird auf das Portal abgeschoben.
Wie wäre für ihn die Situation wenn der Sohn sich, wie viele andere Selbstmörder, heimlich umgebracht hätte? Würde er dann anfangen über den verlorenen Sohn zu trauern oder sein Verhältnis zu ihm reflektieren?
Mori (23.11.2008, 14:10 Uhr)
Typisch Amerika
Hi makira,
Vor einm paar Jahren fiel in München ein kleiner Junge in einem knietiefen Teich. Zahlreiche Gaffer standen am Rand, jeder dachte der andere tut was. Am Ende ertrank das Kind qualvoll.
Ich bin mir sicher, dass Du noch nie mit einem manisch depressiven Menschen zu tun hattest. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Gechlossene Psychiatrie, oder als Angehörige / Freunde die permanente Unsicherheit, dass der Kranke sich etwas antut. Für Familie und Freunde ist diese Krankheit die Hölle. Wer einen Selbstmordversuch mitbekommt, ob am Telefon, am Computer etc. sollte unverzüglich eingreifen, Es ist grausam und unmenschlich einem Menschen beim Sterben zuzusehen und darüber zu diekutieren, ob die Dosis der Medikamente ausreicht.
Aber wie in München auch, jeder schiebt die Verantwortung weiter, nur macht man sich auch als dann schuldig.
h-p-t (23.11.2008, 14:07 Uhr)
@CatDeeley
vollkommen richtig....
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