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Wie das Internet unser Denken verändert

Immer mehr Menschen sind für eine immer längere Zeit am Tag online, dank Smartphones auch unterwegs. Das bleibt nicht ohne Folgen: Das Denken verändert sich beim massiven Surfen. Buchautor Nicholas Carr will sein altes Gehirn zurück.

Immer diese Unruhe, diese ständige Unruhe: Hier E-Mails checken, nebenbei ein Blick auf das Mobiltelefon. Hat jemand etwas Neues bei Facebook gepostet? Was war das für ein Link bei Twitter, den man sich unbedingt mal ansehen wollte? Und wo war man vorher stehengeblieben? Noch mal nach E-Mails sehen. Und dann dieses Gefühl, als habe man den Faden verloren. Das Internet ist nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Immer mehr Menschen sind für eine immer längere Zeit am Tag online und dies dank Smartphones wie iPhone oder Blackberry immer öfter auch unterwegs. Das bleibt nicht ohne Folgen, wie der amerikanische Autor Nicholas Carr in seinem neuen Buch "The Shallows" ("Die Untiefen") schreibt.

Bei dem Journalisten und Buchautor begannen die Veränderungen schon in den 80er Jahren damit, dass er Texte nur noch am Computerbildschirm bearbeiten konnte. Dann kam das Internet in den 90ern und im folgenden Jahrzehnt das Web 2.0. Carr meldete sich bei MySpace, Digg und Twitter an, las Nachrichten über seinen RSS-Reader. Zeitungen und Zeitschriften rührte er immer seltener an.

Zugleich bemerkte Carr an sich Veränderungen, die er besorgniserregend fand. Er wurde unaufmerksam, seine Gedanken glitten ab. "Ich habe mein altes Gehirn vermisst", schreibt der Autor, der schon vor zwei Jahren mit dem Artikel "Macht uns Google dumm?" in der Zeitschrift "The Atlantic" Aufsehen erregte.

Warnung vor Nebenwirkungen

Carr zitiert in seinem unterhaltsamen Buch viele Studien, die Hinweise darauf geben, dass das Internet nicht ein bloßes Medium ist, sondern auch Denkstrukturen beeinflusst. Das ist nicht neu: Als Landkarten erfunden wurden, änderte sich bei Menschen das Bild von ihrer Welt. Sie konnten sich nicht nur die nahe Umgebung, sondern ferne Städte, Länder und Kontinente vorstellen. Mit der mechanischen Uhr bekam der Tag eine Struktur - eine wichtige Voraussetzung für Handel und Industrie.

Der Autor bestreitet nicht die vielen Vorteile des Internets, fragt aber vor allem nach den Nebenwirkungen. Denn ein Computerbildschirm ist heute die perfekte Ablenkungsmaschine, die in schneller Folge neue Reize aussendet: E-Mails, Twitter-Nachrichten, SMS auf dem Telefon, dazu viele geöffnete Fenster. In Texten mit vielen Links muss das Gehirn jedes Mal für den Bruchteil einer Sekunde anhalten und kurz entscheiden, ob geklickt wird oder nicht. Das Lesen wird anstrengend. Informationen werden schwerer verarbeitet.

Carr macht zwischendurch interessante Exkurse in die Hirnforschung: Jahrhundertelang stellten sich die meisten Wissenschaftler das menschliche Gehirn als statisch vor, das sich nach der Jugend nicht mehr verändert. Der Verband grauer Zellen wurde als eine Art Rechenmaschine mit unveränderlichen Bauteilen angesehen. Diese Vorstellung ist überholt. Mit neuen Aufgaben und Erlebnissen verändern sich Zellen. Bestimmte Teile des Hirns können wachsen oder schrumpfen. Wer sein Leben lang Taxi fährt, hat in seinem Hirn einen größeren hinteren Hippocampus als ein Kioskbesitzer, der neben dem Taxistand Zeitungen verkauft.

Informationen kommen kaum ins Langzeitgedächtnis

So kann auch das Internet das Gehirn verändern und verleitet nach Analyse des Autors zu kursorischem Lesen, hastigem Denken und oberflächlichem Lernen. Die vielen Reize überfordern demnach das Gehirn, so dass viele Informationen anders als beim konzentrierten Lesen eines Buches das Langzeitgedächtnis nicht erreichen, das sich fast unbegrenzt mit Informationen füllen ließe.

Carr benutzt für diese Vorgänge eine Analogie: Das Vordringen von Informationen in das Langzeitgedächtnis ist wie das langsame Füllen einer Badewanne mit einem Fingerhut. Liest man ein Buch, tropft das Gelernte langsam vor sich hin und kann mit dem Fingerhut gut in die Wanne gefüllt werden. Surft man im Netz mit all seinen Ablenkungen, sind zwar alle Wasserhähne voll aufgedreht. Doch den Fingerhut und schließlich die Wanne erreichen viel weniger Tropfen.

Sehnsucht nach dicken Wälzern

"Na und?", könnte man fragen. Es ist aber gerade das Langzeitgedächtnis, das komplexe Konzepte und tiefgreifende Gedanken ermöglicht. Dafür benötigt man echtes Wissen und nicht nur Informationen darüber, wo man dieses Wissen finden kann, wie der Autor argumentiert. Er will keineswegs die Zeit zurückdrehen oder dass Mediennutzer wie vor 100 Jahren in aller Stille Bücher oder Zeitungen lesen.

Aber das Buch liefert viele Argumente dafür, dass zu viele Informationen auf einmal Kreativität und kluge Gedanken eher verhindern als fördern. Nach der Lektüre von "The Shallows" möchte man sich am liebsten mit großen Wälzern eindecken, den Computer ausschalten, sich in eine stille Ecke verziehen, tief versunken lesen, sich in Gedanken verlieren und vor allem: nicht abgelenkt werden.

DPA/DPA
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