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7. Juli 2009, 18:30 Uhr

Fünf Jahre Haft für 96 Zeichen?

Die Nachricht, die Jean Anleu ins Gefängnis bringen könnte, war nur 96 Zeichen lang. Über Twitter hatte er eine Bank in seinem Heimatland Guatemala kritisiert, die in einen Polit-Skandal verwickelt ist. Der Staatsanwalt erhebt nun absurd erscheinende Vorwürfe - und droht mit fünf Jahren Haft.

Twitter, Guatemala, Jean Anleu

Jean Anleu nach seiner Festnahme. Inzwischen ist er auf Kaution draußen© El Periodico, Jose Luis Pos/AP

Jean Anleu war so wütend über die grassierende Korruption in seinem Land, dass er beschloss, seinem Ärger im Internet Luft zu machen und eine 96 Zeichen lange Nachricht über Twitter zu verschicken. Das brachte ihm die zweifelhafte Ehre ein, vermutlich einer der ersten zu sein, dem wegen eines Tweets eine Gefängnisstrafe droht. Bei Anleu sind es fünf Jahre Haft.

Unter seinem Internet-Pseudonym "jeanfer" forderte er die Menschen auf, ihr Geld von der in einen politischen Skandal verwickelten guatemaltekischen Bank für landwirtschaftliche Entwicklung (Banrural) abzuziehen. "Die erste konkrete Aktion sollte es sein, Geld von der Banrural abzuziehen und die Bank der Korrupten bankrott gehen zu lassen", hieß es in seiner Twitter-Mitteilung. Und mit diesen Worten hat er nach Ansicht von Staatsanwalt Genaro Pacheco das öffentliche Vertrauen in das Bankensystem Guatemalas untergraben.

Den Behörden gelang es nachzuweisen, dass Anleu diese Nachricht von seiner Wohnung in Guatemala-Stadt aus verschickte. Dann saß er erst einmal zusammen mit Kidnappern, Erpressern und anderen Kriminellen eineinhalb Tage im Gefängnis, bevor er gegen Kaution freikam. Sein Anwalt Jose Toledo glaubt, dass die Regierung ein Exempel statuieren will. "Die Botschaft ist doch klar: Passt auf, wenn ihr Nachrichten verbreiten wollt. Das kann jedem von euch passieren. Es ist eine Abschreckungsmaßnahme."

Guatemala, wo die Demokratie nach dem langen Bürgerkrieg immer noch im Aufbau ist, ist nicht das einzige Land, das sich Sorgen um das Potenzial, das in Twitter bei der Verbreitung von auch unliebsamen Nachrichten steckt. Im Iran wurden bei den Protesten gegen das offizielle Wahlergebnis Twitter oder Plattformen wie Facebook intensiv von der Opposition genutzt. Mehr als 2.000 Menschen wurden festgenommen, viele wegen Vergehen, die mit dem Internet in Zusammenhang stehen, wie Hadi Ghaemi, Direktor der in New York ansässigen Internationalen Kampagne für Menschenrechte im Iran schätzt. Ein konkreter Twitter-Fall sei ihm aber nicht bekannt, sagte er. Andere Länder, die Twitter aufmerksam beobachten, sind unter anderem China und Vietnam.

Ein Gefühl wie in Kafkas "Prozess"

Für Anleu, einen Computer-Freak, der gerne Schach spielt und eine Vorliebe für Franz Kafka hat, hat sich das Leben seit der Anklage drastisch verändert. Er fühlt sich selbst schon wie die Figur in Kafkas Roman "Der Prozess", die sich der Macht des Staates ausgesetzt sieht. "Ich fürchte immer, dass ich beobachtet werde, dass alles, was ich sage oder tue, registriert wird." Inzwischen schreibe er auf Twitter auch nicht mehr über die normalsten Dinge, wo er gerade sei und was er gerade mache. Laut seinem Anwalt soll Anleu noch im Juli angeklagt werden. Falls die Regierung aber gehofft hatte, Kritiker zum Schweigen zu bringen, so hat sie so ziemlich das Gegenteil erreicht. Tausende haben seitdem seine ursprüngliche Nachricht als neuen Tweet weitergeleitet und die Öffentlichkeit damit vergrößert. Die Hälfte seiner Kaution von 6.200 Dollar kam von anderen Twitterern, die Geld über Paypal aus 19 Ländern schickten. Und die Zahl seiner Follower, also derjenigen, die seine Nachrichten abonniert haben, stieg von 175 auf rund 1.800.

Dass Kritiker der guatemaltekischen Regierung gefährlich leben, zeigte der Fall des Anwalts Rodrigo Rosenberg. Dieser warf dem linksgerichteten Präsidenten Alvaro Colom vor, den Drogenkartellen zu helfen, ihr Geld über die Banrural zu waschen. Wenn er getötet werden sollte, dann geschehe dies im Auftrag von Colom, erklärte Rosenberg. Wenige Tage nach dem Video wurde er von Unbekannten erschossen. Auf seiner Beerdigung wurden DVDs des Videos verteilt, Colom-Kritiker stellten es auf Youtube ein.

Anleu versucht nun, sich in seinen Tweets zurückzuhalten und weniger politisch zu sein. Sein Anwalt hofft, dass der Prozess, der im November stattfinden könnte, gar nicht erst zustande kommt. Die Staatsanwaltschaft sehe vielleicht ein, dass sie den Falschen erwischt und einen Fehler gemacht habe, sagte Toledo. Wenn alles vorbei sei, dann wolle er die Welt sehen, sagte Anleu. Dann wolle er in einem Cafe in Prag sitzen, in dem vor einem Jahrhundert vielleicht auch Kafka gesessen hätte.

Auch stern.de twittert. Eine Übersicht über unsere Twitter-Angebote finden Sie hier.

Juan Carlos Llorca/AP
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
kralli19 (07.07.2009, 20:28 Uhr)
Deutschland nähert sich an....
Tja, von so einem Vorgehen träumt die deutsche Regierung auch.....
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