Copyright-Streit mit Folgen: Google muss dem Medienkonzern Viacom die Daten von Millionen Youtube-Nutzern übergeben. Der Fall zeigt, wie riesig die Informationsmengen sind, die über uns gesammelt werden. Schaut das Web 2.0 bald in die Röhre, weil die Nutzer Angst um ihre Daten haben? Von Karsten Lemm, San Francisco

Google muss Viacom Einblick in alle gespeicherten Nutzerdaten gewähren© AFP
Die Väter von MTV sind auf Youtube nicht gut zu sprechen. Wenn die Topmanager des New Yorker Mediengiganten Viacom bei der populären Onlinevideoseite vorbeischauen, sehen sie immer wieder Clips, die von ihren eigenen Fernsehsendern stammen - neben MTV auch VH-1, Comedy Central und der Kinderkanal Nickelodeon. Mehr als 160.000 Copyright-Verletzungen will Viacom ausgemacht haben; deshalb verklagte der Konzern, der im vorigen Jahr 13 Milliarden Dollar einnahm, die Youtube-Mutter Google auf mehr als eine Milliarde Dollar Schadenersatz. Nun entschied ein Richter: Google muss Viacom Einblick in alle gespeicherten Nutzerdaten gewähren, damit das Medienhaus prüfen kann, wie groß der Schaden an seinem Urheberrecht ausfällt.
Das Urteil versetzt das Internet in Aufruhr, weil die Auswirkungen noch nicht zu überblicken sind. Laut Richterspruch ist Google verpflichtet, zu jedem Video, das je zu sehen war, sämtliche verfügbaren Daten herauszugeben - einschließlich der Nutzernamen, mit denen Youtube-Fans sich anmelden, sowie Webseiten, die Youtube-Videos zeigen. Neben aktiven Mitgliedern sind auch reine Surfer betroffen, denn Google muss Informationen über alle Menschen weiterreichen, die jemals ein Youtube-Video angesehen haben.
"Wir sind enttäuscht, dass das Gericht dem überzogenen Verlangen von Viacom nach Nutzerdaten stattgegeben hat", klagte Google-Anwältin Catherine Lacavera in einer offiziellen Stellungnahme. "Wir werden Viacom bitten, die Privatsphäre unserer Nutzer zu respektieren und uns zu erlauben, die Protokolle zu anonymisieren, ehe wir sie entsprechend der Anordnung des Gerichts weitergeben."
Die Daten, die Youtube für jedes Video sammelt, betreffen im wesentlichen die Nutzernamen (die meistens - aber nicht immer - nicht identisch sind mit den wahren Namen, sondern aus Kunstbegriffen wie "iglotz123" bestehen) und die IP-Adresse - also die Kennzahl des PCs im Internet, die für sich genommen allerdings meist nicht ausreicht, um einen Nutzer namentlich zu identifizieren. E-Mail-Adressen werden in der Youtube-Datenbank nach Informationen des "Wall Street Journal" nicht gespeichert. Google möchte die Nutzernamen und IP-Adressen löschen, ehe die Informationen - mehrere Terabyte an Daten - an Viacom weitergegeben werden.
Der Medienkonzern wiederum versicherte eilends, kein Youtube-Fan müsse um seine Privatsphäre fürchten - oder gar Angst haben, nun wegen Copyright-Verletzung vor dem Kadi zu landen. "Viacom hat keinerlei Informationen verlangt, die Nutzer persönlich identifizieren können", erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme und betonte, sämtliche Daten, die Google überreiche, würden "hoch vertraulich behandelt" und dienten lediglich dazu, "unsere Klage gegen Youtube und Google zu untermauern". Ohnehin erhalte Viacom nicht selbst Einblick in die Nutzerdaten, sondern alle Informationen würden von außenstehenden Beratern untersucht, sagte Viacoms Chef-Anwalt Michael Fricklas der "New York Times". "Wir werden nichts von dem, was wir erfahren, dazu nutzen, Endverbraucher rechtlich zu verfolgen", versicherte er.