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5. November 2007, 10:13 Uhr

Massenklage gegen Datenspeicherung

Der Bundestag beschließt diese Woche das Gesetz zur Datenspeicherung. Bürgerrechtler wollen mit der größten Verfassungsbeschwerde in der Geschichte der Bundesrepublik antworten.

Massenklage und Kundgebungen gegen Datenspeicherung: "Big Brother pur"© picture-alliance

Es soll die "größte Verfassungsbeschwerde in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" werden. Das jedenfalls propagieren die rührigen Bürgerrechtler, die im "Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung" gegen das Gesetz zur sechsmonatigen Speicherung sämtlicher Telefon- und Internetdaten mobil machen, das in dieser Woche im Bundestag verabschiedet werden soll. Mit rund 7000 Vollmachten potenzieller Kläger sind sie zum kollektiven Marsch nach Karlsruhe gerüstet.

Ob das fürs Guinness-Buch reicht, weiß zwar nicht einmal das Bundesverfassungsgericht. Doch rekordverdächtig ist die Massenklage allemal: An der "Geburtsstunde" des Datenschutzes - beim Volkszählungsurteil im Dezember 1983 - sollen rund 1300 Kläger beteiligt gewesen sein. Überhaupt scheint das historische Verfahren, mit dem Karlsruhe lange vor der Entstehung des Internets das Recht auf "informationelle Selbstbestimmung" aus der Taufe gehoben hatte, Pate für den aktuellen Protest zu stehen. Damals wurde zum Massenboykott des Zensus aufgerufen - und auch am Dienstag wollen die Kritiker möglichst viele Gegner auf die Straße bringen.

Wachsender Offenbarungseifer

Massenkundgebungen für den Datenschutz? Eigentlich schien der Mehrheit der Bevölkerung der Schutz persönlicher Daten - einmal abgesehen vom Steuergeheimnis - so gleichgültig zu sein wie nie zuvor. Soziale Internet-Netzwerke wie MySpace oder StudiVZ leben vom wachsenden Offenbarungseifer. Und im anhaltenden Gefühl, von Terroranschlägen bedroht zu sein, räumen die Bürger ohnehin den Ermittlern die Vorfahrt ein - Datenschutz gilt eher als Sicherheitsrisiko.

Dabei dürfte die Bewährungsprobe des Datenschutzes erst noch bevorstehen. Denn die Volkszählung war harmlos - verglichen mit den gigantischen Vorhaben, ein halbes Jahr lang sämtliche Spuren der elektronischen Kommunikation eines ganzen Landes zu speichern. Der Verband der Informationswirtschaft Bitkom hat errechnet, die Verkehrsdaten eines größeren Internetproviders umfassten pro Jahr bis zu 40.000 Terabytes - oder 40 Kilometer gefüllter Aktenordner. "Das ist Big Brother pur", schimpfte kürzlich der Grünen-Rechtspolitiker Jerzy Montag.

Juristisch ist weniger die Datenmasse als vielmehr ihr Detailreichtum interessant. Gespeichert werden soll außer den Inhalten der Gespräche oder Mails so ziemlich alles: Teilnehmer und Dauer von Telefonaten, E-Mail-Verkehr, Surfspuren im Internet - sogar der Standort, von dem aus per Handy telefoniert wurde. Wie bei einem Schnittmusterbogen muss die Polizei nur den Linien folgen - und schon hält sie ein detailgenaues Profil der Persönlichkeit in der Hand.

Grundrechtseingriffe hingenommen

Mehr als einmal hat das Gericht es hingenommen, dass Grundrechtseingriffe - wenn auf der anderen Waagschale die Sicherheit liegt - gerechtfertigt sein können. Doch mit dieser Rechtfertigung sieht es bei den Speicherplänen nicht allzu gut aus. Zwar bezweifeln auch die Kritiker nicht, dass sich damit schwere Straftaten aufklären lassen. Allerdings heiligt der Zweck aus ihrer Sicht nicht jedes Mittel: Die staatliche Vorratshaltung höchstpersönlicher Daten von Menschen, die keinerlei Verdacht trifft, geht aus ihrer Sicht zu weit. "Alle Bürger dem Generalverdacht auszusetzen, sie seien Straftäter, ist unerträglich", kritisierte etwa der Deutsche Anwaltverein.

Die Kritik könnte in Karlsruhe auf offene Ohren treffen. Verbindungsdaten sind sensibel, der Zugriff darauf stellt einen schweren Eingriff in das Fernmeldegeheimnis dar, entschieden die Richter 2003. "Insofern genügt es verfassungsrechtlichen Anforderungen nicht, dass die Erfassung der Verbindungsdaten allgemein der Strafverfolgung dient" - vorausgesetzt sei ein "konkreter Tatverdacht". Ähnlich liest sich der Beschluss zur Rasterfahndung vom vergangenen Jahr: Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit erlaube "intensive Grundrechtseingriffe erst von bestimmten Verdachts- oder Gefahrenstufen an". Der Datenzugriff "ins Blaue hinein" ist unzulässig.

Ob jedoch das letzte Wort wirklich in Karlsruhe gesprochen wird, ist noch unklar. Denn das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung geht auf eine EU-Richtlinie zurück, mit der die Union womöglich ihre Zuständigkeit überschritten hat; eine Klage Irlands ist beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) anhängig. Auch inhaltlich war aus Luxemburg bereits Skepsis zu hören: Juliane Kokott, Generalanwältin beim EuGH, merkte kürzlich in einem Verfahren zum spanischen Recht an: "Man kann daran zweifeln, ob die Speicherung von Verkehrsdaten - gewissermaßen auf Vorrat - mit den Grundrechten vereinbar ist, insbesondere da dies ohne konkreten Verdacht geschieht."

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
Aurum (05.11.2007, 16:49 Uhr)
Dem schliese ich mich an!
Es wird immer dreister, was sich die "Konkursverwalter" Deutschlands erlauben. Aber so war es auch in den letzten Jahren der DDR. Da mußte dem Volk der starke Arm der "Partei" gezeigt werden, um jeden Widerstand im Keime zu ersticken. Nur war die Schulbildung damals auf höherem Niveau und das Volk hat noch mitgedacht. Aber das ist das System des Ur-Kapitalismus, denn ein dummes Volk läßt sich leichter regieren. Honecker und Mielke waren gegen das, was heute abgeht Weisenkinder.
LegalUK (05.11.2007, 15:03 Uhr)
Lieber Stern,
soweit ich weiss befindet sich dieses Gesetz noch in den Ausschuessen und ist fuer diese Woche nicht auf der Tagesordnung des Bundestages. Es waere interessant zu erfahren, woher der Stern (bzw. die dpa) die Information hat, dass es diese Woche beschlossen wuerde.
faustjucken_de (05.11.2007, 14:55 Uhr)
Brigitte (Zypresse) Zypries, die Totengräberin unserer Verfassung
Mir juckt die Faust, wenn ich diese Frau im Fernsehen sehe.
Schon wieder ein neues Gesetz zur Aushebung des Datenschutzes, das schon Jahre in der Mache ist, aber erst jetzt vom lahmarschigen Wahlvolk und den Massenmedien entdeckt wird: die Vorratsdatenspeicherung.
Im Zuge der Terroristenparanoia sollen ab 2008 alle Verbindungsdaten (Telefon, Handy, Internet) jedes Bundesbürgers mindestens 6 Monate gespeichert werden. Also der Generalverdacht für alle: Du, ich, unsere Eltern, Kinder, Freunde - alles potenzielle Verbrecher und Raubkopierer
Laut aussage der Zypresse wird "es wohl in letzter Instanz vom Bundesverfassungsgericht entschieden" (SPIEGEL, 03.11.2007)
Großartig, mal wieder hat das BVG das letzte Wort. Ist das nicht jämmerlich? Aus der Hüfte schießen und dann mal schauen, ob was durchkommt. Wenn nicht, kann man es immer noch anpassen. Wofür haben wir dann diese Sesselschwitzer im Bundestag?
Zypresse: "Wenn die Überwachung den Kernbereich privater Lebensgestaltung erfasst, soll diese von vorneherein verboten sein."
HÄ? Wie soll das gehen, das widerspricht doch dem Gedanken einer kompletten Speicherung aller Verbindungsdaten auf VORRAT. Daher auch Vorratsdatenspeicherung. Oder habe ich da was nicht verstanden? Ach so, ich melde mich als Journalist oder Arzt bei igendeiner Instanz und die sorgt dann dafür, dass Arcor, vodafone, T-Online etc. genau meine Verbindungsdaten nicht mitschneidet. Bin ich der Einzige, der dabei einen Lachkrampf bekommt?
Wozu gibt es eigentlich unseren Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar? Ist wohl doch nur ein Minister ohne Portefeu, ein zahnloser Tiger, ein Frühstücksdirektor.
Zumindest die Festplattenhersteller werden sich freuen, denn irgendwo muss der Scheiß ja gespeichert werden.
Anonymität ist kein Verbrechen, sondern ein Grundrecht
manndernichtdaist (05.11.2007, 14:38 Uhr)
höhöhö!
ALS OB JEDER TERRORIST SEINE BOMBENLEGER-MACHENSCHAFTEN PER TELEFON AUSMACHT!!! AHAHAHA Das ich nicht lauthals loslache....
Niemals mehr als Türke oder Iraner die Oma anrufen.
-Hallo Oma ich bins, Sharif!
Und schon steht die KSK vor der Tür.
"Servus Otto, morgen hab ich Karten fürs Dortmundspiel, das wird eine BOMBENSTIMMUNG, das sag ich dir, die Schalker ZERREISSEN wir in der LUFT"
Schon springt der Telefon-Filter an und ab gehts in die U-Haft.
Zwielichtige Ex-Gestapo Mitglieder bekommen endlich wieder einen Job. Die SA wird wieder eingeführt -> weniger Arbeitslose, besonders die schwer Vermittelbaren bekommen endlich eine Stelle und hängen sich Voll ins Zeug. Anders ausgedrückt, hauen anderen voll in die Fresse.
Man sollte Bücher und alles Papier verbrennen. Nicht dass Leute auf die Idee kommen Briefe zu schreiben....
bR4iNST0RM (05.11.2007, 14:06 Uhr)
An stern.de
Hallo liebe Redaktion! Wieso ist der Artikel nicht mehr auf der „Home“-Seite zu finden? Dieser Artikel gehört nicht einfach in die Schublade gesteckt! Er gehört als „Headliner“ gesetzt! Oder ist es wirklich so, dass es zu vielen Egal ist, was in Zukunft über die Bevölkerung gespeichert und für Dritte zugänglich gemacht wird?!
Malt (05.11.2007, 13:33 Uhr)
Interesse!
Eben... und das schlimme: ES INTERESSIERT KEINE ALTE SAU! Die Menschen werden gegenüber dererlei Nachrichten systematisch abgestumpft, damit sich für die wichtigen Sachen keiner mehr einsetzt, weil "das ja eh' alles keinen Sinn hat".
Sämtliche totalitären Päne werden bei deren Erwähnung als konspirative Ideen abgewunken. Ich mein: Wozu, frage ich mich, soll das ganze denn gut sein, wenn es selbst laut Aussagen von Experten 0,0 gegen den vorgebrachten Grund (Terror) nutzt. Wozu denn?
Und selbst WENN die jetztige Regierung nichts Böses im Schilde führen SOLLTE - was ist mit zukünftigen Regierungen... ich mein, wenn's so weitergeht, sitzt die NPD wahrscheinlich auch bald wieder im Boot... oder die linke.... und dann?
Vermutlich werden die jetztigen CSU/SPD Verbrecher dann ganz schnell das Lager Wechseln... und zwar in das des zukünftigen Regierenden! Wendehälse und Großmäuler! Aufgehängt gehört sich diese scheinheilige Bagage!
Julian2225 (05.11.2007, 13:22 Uhr)
meine 2cents...
...zu diesem Artikel ist der Verglecih zum patriot act der in den USA gilt.
In Deutschland wird das nicht sooo offen angesprochen weil man sich sicherlich keinen wirklichen Massenprotesten entgegensetzen moechte die im grossen Stil darauf aufmerksam machen und wohl einige traeumende Menschen wachruetteln wuerde. Aber im klein/klein Prinzip ist die Heimat auf dem besten Weg zur permanenten Ueberwachung. Wie hier ein Kommentar ansprach, es ist nur eine Frage der Zeit bis der/die ersten fuer reines Gedankengut abgesperrt werden! Und korrekt, in der DDR hat es jeder gewusst und sich danach verhalten. Heute wird alles unter dem Deckmantel des Ueberwortes "Terrorismusbekaempfung"entschuldigt/erklaert/hingenommen.
Und Orwell laesst wie immer schoen gruessen...aber wer liest heute noch wenn so wundervolle Sendungen wie dancing with the stars, Idols und so weiter zur Volksverbloedung on the air sind?
bR4iNST0RM (05.11.2007, 13:11 Uhr)
Dafür stehe ich mit meinem Namen..
Ich schließe mich hier an! Die Datenspeicherung auf Vorrat hat nur den Sinn, der Industrie beim Kundenprofil unter die Arme zu greifen, um diesen so verhassten Datenschutz endgültig auszuhöhlen! Das es angeblich helfen soll, Terroristen Dingfest zu machen, ist nur das Deckmäntelchen. Sehr armer Versuch!
Allen Datenschützern und allen, denen es nicht egal ist, dass ihre Daten demnächst Zwangsgespeichert werden, wünsche ich Erfolg! Was dieser Staat versucht ist Verfassungswidrig!
daujoons (05.11.2007, 12:35 Uhr)
Pendlerpauschale als Beschäftigungstherapie
Es ist geradezu unglaublich, wie ein ganzes Volk mehr und mehr für dumm verkauft wird.
Da werden Pendlerpauschale und Postbotengehälter in den öffentlichen Fokus gerückt- um still und heimlich die Bespitzelung des Volkes beschließen zu können. Stasi? Ein Witz gegen diese Form der allgegenwärtigen Überwachung. Und das Beste daran: in der ehemaligen DDR haben die Menschen die Bedrohung noch wahrgenommen und sich zumindest in Teilen dagegen gewehrt.
Was wird passieren, wenn die ersten Widerständler gegen die Staatsgewalt unter dem Vorwand terrorristischer Machenschaften weggesperrt werden?
Nichts wird geschehen- man wird weiter "Das Supertalent" gucken und um die eigene Rente fürchten. Ein Leben lang...
Merkt hier niemand, was auf uns zukommt?
Was ist nur aus diesem Land geworden.
Marquis (05.11.2007, 12:30 Uhr)
Morgen, Di, 6.11., letzte Demo
gegen die Vorratsdatenspeicherung
vor der Bundestagsabstimmung, und zwar ab 17.00 vor dem Reichstag.
Ich bin kein "Berufsdemonstrant" aber dafür werde ich mal nach Berlin fahren.
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