Mädchen wachsen sehr eng bei den
anderen Frauen der Großfamilie auf
und erhalten durch Tanten, große
Schwestern oder Großmütter eine
eher beiläufige Aufklärung. Es
gibt unter den Frauen wenig Privatsphäre.
Man spricht sehr offen, witzig
und gern auch zotig über Sex -
beschwert sich über bestimmte
Praktiken oder den zu großen
erotischen Appetit des Ehemanns.
Auch bei Feiern und Familienzusammenkünften
sind Gespräche
mit recht deftigem Inhalt sehr
verbreitet. Da kommt es dann schon
vor, dass sich die Urgroßmutter
einen Besenstil zwischen die Beine
klemmt und ein Lied vom Ziegenbock
anstimmt. In der "Hennanacht"
vor der Hochzeit wird der Braut
noch einmal das kommende Prozedere
erklärt.
Sehr oft im Familienkreis - afghanische
Familien sind groß, man lebt
in engen Hausgemeinschaften
zusammen, nicht selten heiraten
Cousins Cousinen. Die traditionelle
Sitte, dass Eltern die Ehe anbahnen,
heißt auf Paschtu Maraka, auf
Dari Chawastgari. Die Mutter des
Bräutigams kommt zur Mutter
der Braut und bittet beim Tee um die
Hand der Tochter. Wird bei wiederholten
Besuchen nur Tee und nicht
auch Konfekt serviert, bedeutet das
eine Absage. Einmal sehen sich die
Mütter in den Badehäusern die potenziellen
Schwiegertöchter an und
berichten den Söhnen ausführlich.
Die können nur heimlich versuchen,
einen Blick auf ihre Braut zu erhaschen,
zum Beispiel wenn sie bei
einer Hochzeitsfeier in die Frauengemächer
spicken. Mädchen, die gesehen
werden wollen, drücken sich
bei so einer Gelegenheit am Eingang
herum oder erlauben es, dass von
ihnen Fotos gemacht werden. Und
für ganz fortschrittliche Familien
gilt: Nach islamischem Recht ist es
vertretbar, dass der Bräutigam
seine zukünftige Braut kurz ohne
Schleier sieht.
In der Stadt hingegen dienen Facebook
und SMS als Flirtwerkzeug,
Kabul hat mit die höchste Handydichte
der Welt, außerdem gibt
es Internetcafés. An der Universität
ist das Kennenlernen leichter,
es gibt die Möglichkeit, sich auf
dem Campus verstohlen zu zweit
zu treffen.
Aber: Offizielles Dating existiert in
Afghanistan nicht, erst nach der Verlobung
wäre es theoretisch möglich,
dass ein Paar zusammen Tee trinkt.
Geheiratet werden kann ein
Mädchen, wenn es eine Frau ist -
das ist sie nach herrschender Meinung
nach ihrer Menarche, der
ersten Menstruation. 57 Prozent der
Mädchen heiraten mit weniger als
16 Jahren. Die Hochzeit wird als
Höhepunkt im Leben einer Frau gesehen,
sie ist in sieben Schritten
durchritualisiert, vom Polterabend,
dem Pesch-Chori über das Pass-
Chori, das Essen nach der Hochzeitsnacht,
bis zum Aufräumen des
Hochzeitsthrones, dem Tacht
Dschami. Hochzeitsfeiern sind oft
mit exorbitanten Ausgaben verbunden
- eine Feier kann bis zu
10.000 Dollar kosten. Immer mehr
Afghanen bleiben unverheiratet,
weil sie sich das nicht leisten können.
In einzelnen Gebieten haben
insbesondere schiitische Mullahs
Gruppenhochzeiten initiiert und
Fatwas gegen allzu üppige Gelage
erlassen.
Chatna Suri oder Sunnati, die
Beschneidung der Jungen. Früher
war die Beschneidung der pubertierenden
Knaben eine Initiation in
die Gemeinschaft der Erwachsenen,
sie wurde vom Dalak, dem Dorfbarbier,
ohne Betäubung vorgenommen.
Heute lässt man vermehrt Babys
direkt nach der Geburt beschneiden,
durchaus auch von einem Chirurgen
im Krankenhaus. Auf dem Land
gibt es aber nach wie vor die Beschneidung
der Kinder im Alter
von fünf oder sechs Jahren. Mädchen
werden in Afghanistan nicht
beschnitten. Sie haben oft unter
einer anderen Sitte zu leiden:
der Brautgabe zur Vergeltung eines
Unrechts, Bad genannt. Verliert
eine Familie beispielsweise einen
Sohn durch Gewalt oder einen Unfall,
kann die Familie, aus deren Mitte
der Täter stammt, der Opferfamilie
eine Tochter als Bad geben.
Das Mädchen wird dann mit einem
männlichen Familienmitglied
verheiratet und tilgt so die Schuld.
Was der Betroffenen meist
ein elendes Dasein beschert, da
die Familie des Opfers an ihr alle
Trauer und Wut auslässt.
Auf Prostitution steht die Todesstrafe,
sie ist streng verboten, doch
natürlich wird auch dieses Verbot
mit großem Geheimhaltungsaufwand
unterlaufen. Vieles läuft über
Telefonnummern, die unter der
Hand weitergegeben werden, so
erfahren Männer Adressen von
Wohnungen, die kurzfristig bezogen
und schnell wieder gewechselt
werden. Die Polizei ist oft an den
Einnahmen beteiligt.
Selbstverständlich sind auch Pornound
ausschweifende Bollywoodfilme
verboten, dennoch regelt, besonders
in den Großstädten, die Nachfrage
das Angebot.
Bei Ehebruch droht Männern wie
Frauen die Todesstrafe, üblicherweise
durch Steinigung. Verheiratete
Frauen dürfen nicht einmal allein
auf die Straße, wenn ihnen der
Ehemann das verbietet.
Am ehesten mit
Kondom - 5,8 Prozent
der verheirateten
Frauen geben an,
per Präservativ zu
verhüten.
Ansonsten
verläuft Sex
ungeschützt,
Kinder gelten
als großes
Geschenk, auf
1000 Einwohner
kommen im Jahr 46 Geburten,
7,1 Kinder gebärt eine Frau im
Durchschnitt. Es gibt keine Zahlen
zu HIV-Infektionen.
Kaum ein Afghane würde sich als
homosexuell bezeichnen, dennoch
ist es durchaus verbreitet, dass
heterosexuelle Männer Sex mit
einem Mitglied des eigenen
Geschlechts haben. Oft geht das
Verhältnis über die sexuelle Begegnung
hinaus und wird zu einer Beziehung,
manchmal halten sich Männer
langjährige Liebhaber. Sie sind
jedoch eines nicht: homosexuell.
Und wieder ein Jubiläum für das Internet: Vor 40 Jahren gelang US-Forschern erstmals die Datenübertragung zwischen zwei Rechnern, die sich nicht am selben Ort, sondern 500 Kilometer von einander entfernt befanden. Der erste Versuch allerdings endete mit einem Computerabsturz. mehr...