Autoren von Viren, Trojanern und anderen digitalen Plagegeistern haben ein neues Angriffsziel ausgemacht: soziale Online-Netzwerke wie "MySpace.com". stern.de zeigt, wo Gefahren lauern und wie sich Nutzer schützen können. Von Udo Lewalter

Web-Communitys wie MySpace sind neues Ziel von Online-Kriminellen© AFP
Kary Rogers ist Mitglied einer der größten Online-Communitys, MySpace. Wie weltweit 150 Millionen andere Menschen auch. Er ist 29 Jahre alt, verheiratet und ein Fan unterhaltsamer Comedy-Shows. Das verrät ein Blick in sein Profil. Regelmäßig tauscht er sich online mit seinen 95 Community-Freunden aus. Zumeist chattet man über Bücher, Filme oder Musik. Eines Tages erhält er eine Mail. Von einem seiner "Buddies", wie es scheint. Er öffnet die Nachricht und findet einen Link zu einem interessanten Video - das verspricht die Mail jedenfalls. Sekundenbruchteile nach dem Klick landet er auf einer Seite, die sein Passwort für MySpace verlangt. Rogers erkennt, dass da jemand nur an seine Daten will. "Ich ging sofort zurück und änderte mein Passwort", berichtete der Netzwerktechniker der Mississippi State University in Starkville. Eine von vielen bösen Überraschungen, die Nutzer der Netz-Gemeinschaft derzeit erleben. Denn immer häufiger berichten Mitglieder von ziemlich unfreundlichen Attacken digitaler Vandalen, die sie auf Porno-Seiten entführen, den Posteingang mit Spam verstopfen oder die auf den Diebstahl der virtuellen Identität aus sind.
Nacktfotos als Lockmittel
Ein weiteres Beispiel: Kürzlich legte ein Spammer eine Reihe von Profilen mit den Fotos gut aussehender Frauen an. Von dort aus wurden dann hunderte von "Friend Requests" verschickt, verbunden mit der Ankündigung von Nacktfotos. Wer sich das Profil anschauen wollte, sah zunächst nur einen blauen Bildschirm mit dem Hinweis, das Profil sei besonders geschützt durch einen "MySpace Adult Content Viewer", der erst heruntergeladen werden müsse. Wer sich darauf einließ, holte sich einen Wurm auf den eigenen PC, der eine "Adware" installierte, also eine Software mit hartnäckiger Werbung. Gerade der lockere Umgangston in den "Social Communities" kann zur Falle werden. "Die fortgesetzte Interaktion setzt die eigenen Bedenken und Sicherheitsbarrieren herab", erklärt Marc Gaffan, ein Experte für Internet-Betrug beim Sicherheitsunternehmen RSA.
Im Web 2.0 lauern große Gefahren des Missbrauchs
Die Eindämmung der Attacken durch Online-Kriminelle ist für MySpace zu einer großen Herausforderung geworden. Das inzwischen zum Medienkonzern von Rupert Murdoch gehörende Unternehmen kann es sich nicht leisten, Mitglieder an die wachsende Zahl von alternativen Angeboten zu verlieren. Denn die Werbekunden bleiben nur erhalten, wenn weiter ein Millionenpublikum erreicht wird - bei den als Gradmesser für die Reichweite dienenden "Page Views" ist MySpace mit 38,7 Milliarden in einem Monat inzwischen sogar an Yahoo vorbeigezogen. Ein Grund für den Erfolg ist die äußerst einfache Nutzung des Angebots, um ein persönliches Profil anzulegen und mit Fotos, Musik und Videos individuell zu gestalten. Besonders einfach sind auch die Möglichkeiten, mit anderen MySpace-Mitgliedern zu kommunizieren und diese in den höheren Vertrauensstatus der persönlichen Freundschaft zu versetzen. Aber gerade hier lauern auch die Gefahren des Missbrauchs.
MySpace hat daher jetzt zusätzliche Software-Entwickler, Anwälte und andere Fachleute eingestellt, die nach verdächtigen Aktivitäten Ausschau halten, Betrüger verfolgen, verdächtige Profile beobachten und die Mitglieder beraten. "Sicherheit ist von höchster Priorität, weil das entscheidend für unsere Community wie für unsere Geschäftspartner ist", sagt Sicherheitschef Hemanshu Nigam.
Mirjam Mieschendahl, Marketing-Leiterin der Community "Uboot.com", sieht für ihr Angebot keine Gefahr: "Wir gehörten bisher noch nicht zu der Zielgruppe solcher Aktionen. Dazu sind wir vielleicht zu klein und ziehen so nicht die Aufmerksamkeit von Viren- und Trojanerautoren auf uns". Betrachtet man jedoch die Zahl der aktiven Mitglieder, so relativiert sich die Einschätzung. Immerhin knapp sechs Millionen Menschen tauschen sich hier regelmäßig aus. Ein durchaus interessantes Ziel für Entwickler von Schadensprogrammen also.
Für das im Dezember gestartete deutschsprachige Angebot "7just7.de" sind solche Angriffe laut Pressesprecher Mike-Sten Eich ein kritisches Thema: "Gerade die auf der Entwicklungsumgebung Flash aufgebauten Web-2.0-Anwendungen sind angreifbar". Daher haben die Entwickler der Community bereits eine technische Barriere entwickelt, die Angriffe abwehren soll. "Für uns sind die Attacken kein Problem. Ein spezielles Filtersystem erkennt automatisch, wenn kritische Inhalte auf das Angebot gestellt werden", so Eich gegenüber stern.de. 80 Prozent der Angriffe sollen so abgewehrt werden können. Damit sei man zufrieden. Bedenkt man jedoch, dass selbst auf gut geschützten Angeboten folglich jede fünfte Attacke erfolgreich verläuft, so kann Usern nur geraten werden, keinesfalls auf Schutzmaßnahmen wie Antivirus-Programme zu verzichten.
"Die Angreifer gehen dorthin, wo es den größten Marktanteil gibt"
Wie wichtig Schutz in Communitys ist, das wissen auch Experten. Symantec-Sicherheitsexperte David Cole beobachtet bereits seit einiger Zeit, dass die Entwickler von Viren Web-2.0-Anwendungen als neues Ziel ausgemacht haben. Allein der gewaltige Zulauf zu diesen Portalen sei für die Entwickler von Schadensprogrammen reizvoll: "Die Angreifer gehen dorthin, wo es den größten Marktanteil und die höchste Aktivität gibt."