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Second Death - der Tod im Netz

Längst leben wir einen Großteil unseres Lebens im Internet. Was aber passiert mit Profilen, Fotos und E-Mails, wenn der Nutzer stirbt? Viel zu lange hat das niemanden interessiert. Nun gibt es erste Ideen und Geschäftsmodelle.

Von Jarka Kubsova

  Der Cyberspace ist auf den Tod noch nicht richtig vorbereitet

Der Cyberspace ist auf den Tod noch nicht richtig vorbereitet

  • Jarka Kubsova

Es ist schon dunkel, Matthias Streitwieser steht mit nackten Füßen in schäumender Gischt, seine Turnschuhe hält er in der Hand. Das Wasser ist wohl kalt, Streitwieser jauchzt. Das ist auf dem Foto deutlich zu sehen. Es ist eins von Hunderten auf seinem Profil bei Facebook. Nur hat er dieses nicht selbst reingestellt, sondern eine Bekannte von ihm. Streitwieser ist zu dem Zeitpunkt schon seit einigen Wochen tot. Ein Unfall beim Klettern in Bayern. Streitwieser rutschte ab, stürzte 150 Meter in die Tiefe. Er wurde 34 Jahre alt. Man erfährt auf seinem Profil, dass er schnell starb, aber seine Bergung schwierig war, wie seine Familie die Nachricht über seinen Tod aufnahm, wo er begraben liegt. Streitwieser ist gestorben, wie er gelebt hat: öffentlich, im Internet.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich sein Profil kaum von dem eines Lebenden. Dann aber fällt auf, dass hier Funktionen ausgeschaltet sind, die für einen Toten mehr als unpassend erscheinen: So kann man Streitwieser nicht "anstupsen", auf seiner Seite erscheint keine Werbung. "Gedenkstatus" oder "Memorial State" wird so ein Profil bei Facebook genannt. Facebook bietet es seinen Mitgliedern bei Bedarf seit wenigen Monaten an.

Abziehbilder des Lebens

Sechs Jahre gibt es das soziale Netzwerk jetzt, 350 Millionen User sind darin angemeldet. Die Profile sind Abziehbilder des Lebens: Fotos von Partys, vom Nachwuchs, aus dem Urlaub. Lieblingsmusik, Lieblingsvideos, Geschwätz mit Freunden, Verabredungen, Pläne, Erlebnisse. Dass das Leben aber irgendwann endet, ist im Internet bisher vergessen worden. Twitter, Myspace, Studi-VZ, Wer-kennt-wen, Blogs, eigene Homepages, E-Mail-Dienste, virtuelle Festplatten, Singlebörsen - rein geht es bei allen diesen Seiten immer ganz einfach und immer ganz schnell; jeder Internetnutzer hat heute häufig weit mehr als ein Dutzend Nutzerkonten bei den unterschiedlichsten Diensten. Raus geht es aber nur sehr schwer. Und was mit den Internetprofilen nach dem Tod geschieht, rückt erst allmählich ins Bewusstsein - bei den Usern wie auch bei den Anbietern.

"Das hat in erster Linie mit dem Altersdurchschnitt der Internetnutzer zu tun, noch ist der relativ niedrig. Mit Todesfällen mussten sich die Betreiber in der Vergangenheit eher selten auseinandersetzen", sagt Carsten Ulbricht, der sich als Rechtsanwalt auf die Themen Web 2.0 und Social Media spezialisiert hat. Aber es gebe in diesem Bereich viele neue Probleme und Pflichten für die Betreiber, sagt Ulbricht. Mit zunehmender Zahl und steigendem Alter der Internetgemeinde können Onlinedienste den Tod nicht mehr ignorieren.

Das Beenden des virtuellen Lebens, das Löschen von Daten und Inhalten, kann selbst für Nutzer zur nervenaufreibenden Angelegenheit werden, für Hinterbliebene aber zur Tortur. "Da kann es zu schrecklichen Situationen kommen. Wenn Einträge und Informationen auf Websites nicht mehr würdevoll sind, etwa, nachdem sich jemand das Leben genommen hat", sagt Birgit Janetzky. Die Theologin berät in Seminaren Bestatter zum Thema Tod und Internet. "Wenn niemand Zugriff auf die Nutzerkonten hat, ist das für Angehörige oft ein großes Problem." Manche Betreiber würden die Endlichkeit des Lebens in ihren Konzepten schlicht nicht berücksichtigen.

Auch das deutsche Erbrecht hinkt der digitalen Entwicklung hinterher. Wenn jemand ein Haus hinterlässt, ist ganz klar geregelt, wie vorzugehen ist, selbst wenn es kein Testament gibt. Etwas Vergleichbares existiert für das digitale Erbe nicht. "Die Gesetze sehen für die heutige Wirklichkeit im Internet oft keine passenden oder interessengerechten Lösungen vor", sagt Ulbricht.

Datenschutz endet nach dem Tod

Nach deutschem Recht treten die Erben zwar in die Rechtsstellung des Verstorbenen. Was laut Ulbricht bedeutet: Über Rechte an Bildern dürfen sie verfügen, und auch die Inhalte im E-Mail-Postfach dürfen in der Regel an sie übergehen. "Für Persönlichkeits- oder Datenschutzrechte und andere nicht vererblichen Rechte entstehen allerdings neue Probleme, die gesetzlich nicht geregelt werden", so Ulbricht. So endet der Datenschutz nach deutschem Recht mit dem Tod. "Auf dieser Grundlage muss man deshalb davon ausgehen, dass der Dienst mit den personenbezogenen Daten wie Namen und Anschrift machen kann, was er will."

Dennoch gehen viele Websitebetreiber inzwischen auf die Erben zu und beschäftigen sich mit dem Thema Tod - zumal in der Vergangenheit manche Anbieter durch wenig würdevollen Umgang mit Verstorbenen im Internet für Aufsehen gesorgt haben: vor zwei Jahren etwa MyDeathSpace.com. Die Website sammelt Daten von jung verstorbenen Menschen, schildert die genaue Todesursache und verlinkt über einen Klick auf das Foto des Toten direkt zu dessen alter, nun verwaister Myspace-Seite.

"Am Anfang haben wir uns mit dem Thema tatsächlich nicht beschäftigt. Das war ein Lernprozess", sagt ein Sprecher der VZ-Netzwerke, zu denen die Seiten Studi-, Schüler- und Mein-VZ mit insgesamt 16 Millionen Nutzern gehören. Inzwischen gibt es allerdings eine Regelung: Wenn Hinterbliebene nachweisen können, dass sie erbberechtigt sind, dürfen sie entscheiden, ob das Profil gelöscht oder - ähnlich dem Denkmalstatus bei Facebook - erhalten bleiben soll. Letzteres wünscht beim Businessnetzwerk Xing in der Regel niemand. "Geschäftspartner sind eher daran interessiert, einen Toten schnell aus der Kontaktliste zu streichen", sagt ein Sprecher.

Passwörter gibt das Unternehmen selbst an Verwandte nicht heraus. Wird Xing auf den Tod eines Mitglieds hingewiesen, wird das Profil zunächst auf Verborgen gestellt. Reagiert die Person drei Monate lang nicht auf Mails, werden die Daten endgültig gelöscht. Der E-Mail-Dienst Web.de erlaubt Erbberechtigten gegen Vorlage eines Erbscheins den Zugriff auf das Postfach des Verstorbenen. So hält es auch GMX. Komplizierter wird es etwa bei Hotmail. Da müssen Hinterbliebene eine Mail in Englisch an die Betreiber in den USA senden.

Haben die Erben genügend Informationen?

Aber was passiert mit den Daten des Toten auf der virtuellen Festplatte? Muss man ihn bei Onlinespielen wie World of Warcraft oder Second Life abmelden? Was ist mit den Bildern bei Flickr? Kennen die Erben überhaupt alle Onlinezugänge, die der Tote jemals benutzt hat?

Einige Anbieter haben anhand dieser Fragen neue Geschäftsmodelle entwickelt. Bei dem Onlinedienst Legacy Lockers aus den USA etwa können Internetuser ihre Passwörter für die von ihnen genutzten Sites hinterlegen und verwalten. Im Todesfall werden die Zugangsdaten an eine festgelegte Person geschickt. Der Dienst kostet pro Jahr 30 US-Dollar oder einmalig 300 US-Dollar für die Nutzung bis ans Lebensende. Ähnlich funktionieren die Angebote von AssetLock und PrivateMatters. Datenschützern sträuben sich angesichts dieser Verfahren die Haare. Die Anbieter aber versprechen, extrasichere Verschlüsselungsprogramme zu verwenden.

"Das Netz hat an dieser Stelle ein Problem"

Internationale Konkurrenz haben die Vorreiter aus den USA bisher wenig. Jüngster Zuwachs unter den digitalen Nachlassverwaltern ist Mywebwill aus Schweden. Anstoß für das Unternehmen gab ein Profil bei Facebook. Öffentliche Trauer im virtuellen Raum, wie Freunde und Angehörige sie im Falle von Matthias Streitwieser betreiben, hat Sunniva Geertinger als unerträglich empfunden.

Wochenlang versuchte sie, das Profil ihres verstorbenen Freundes zu löschen. Grüße seiner Onlinefreunde oder die letzten Urlaubsbilder waren ihr kein Trost, sondern verfolgten sie wie ein Gespenst. Andere Freunde aber beharrten darauf, die Seite zu erhalten. Darum erfand sie Mywebwill, wo Internetnutzer in einem digitalen Testament festlegen sollen, welchen Umgang sie sich für ihren virtuellen Nachlass wünschen. Ob ihre Profile gelöscht oder erhalten werden sollen und wer die Passwörter bekommt. Zudem können sie eine letzte Mail an Freunde und Verwandte verfassen, die nach dem Tod verschickt wird.

In Deutschland hat sich bisher nur der Anbieter Idivus vorgewagt. Wie bei US-Vorbild Legacy Lockers können Mitglieder hier Daten und Passwörter hinterlegen und verwalten sowie Nachrichten für Freunde aufbewahren. 1,50 Euro kostet das im Monat. Angemeldet haben sich - wie bei den meisten dieser Dienste - bisher nur wenige Menschen. Von den Einnahmen kann Idivus gerade mal die laufenden Kosten decken. "Uns war schon klar, dass man damit kein Geld verdienen kann", sagt Marco Hamburger, Projektmanager und einer der beiden Gründer von Idivus. "Aber das wird noch kommen, das Netz hat an dieser Stelle ein Problem. Wir wollten früh am Markt sein."

In zehn Jahren wird die Lage anders sein

"Noch ist die Internetgemeinde jung, aber spätestens in zehn Jahren werden sich mehr Menschen Gedanken darüber machen, was aus ihrem digitalen Nachlass wird", sagt Theologin Janetzky. Schon jetzt merke sie in ihrer Arbeit mit Bestattern, dass das Thema zunehmend an Bedeutung gewinnt. Was auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft beobachtet: "Künftig werden sich immer mehr Dienste um digitalen Nachlass kümmern", sagt Axel Schmiegelow, Vorsitzender der Fachgruppe Social Media. In der Branche werde eifrig nach Methoden und Automatismen gesucht, mit denen man auf digitale Todesfälle reagieren kann. "Wir stehen hier jedoch erst am Anfang einer Entwicklung", sagt Schmiegelow.

Das Internet hat das Leben verändert, allmählich verändert es auch den Umgang mit dem Tod. Manche Menschen tauchen als Verstorbene überhaupt erst im Netz auf, etwa in Trauer- und Erinnerungsvideos. Manche wiederum scheinen gar nicht aus dem Leben zu verschwinden. "Er ist immer noch unter uns" steht auf der Profilseite von Matthias Streitwieser. "Die Accounts werden nicht gelöscht. Erinnert Euch an ihn. Ihr sollt wissen, dass er immer noch da ist." Wenn man seine Fotos betrachtet, hat man fast das Gefühl, dass es so ist.

FTD

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