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Fliegengitter-Zoff um 70.000 Euro

Ein Kunde kauft bei Amazon ein Fliegengitter für 22,51 Euro. Er ist unzufrieden und gibt eine negative Kritik. Dafür gibt's jetzt die Quittung: Er soll 70.000 Euro Strafe zahlen.

Von Christoph Fröhlich

  Haufenweise gute Bewertungen: das bewegt viele Kunden von Online-Shops zum Kauf.

Haufenweise gute Bewertungen: das bewegt viele Kunden von Online-Shops zum Kauf.

Toller Ebayer, gerne wieder. Drei von fünf Sternen. Empfehlungsrate: 83 Prozent. Ob Ebay, Amazon oder Tripadvisor: Auf zahlreichen Online-Plattformen bewerten Kunden, wie zufrieden sie mit dem letzten Einkauf, dem Verkäufer oder dem All-Inclusive-Hotel waren. Ein Vorgang, wie er zigtausend Mal täglich in Deutschland passiert. Es ist ja auch praktisch: Auf einen Blick sehen Interessierte, ob sich ein Produkt lohnt oder nicht, die Unternehmen bekommen direktes Feedback vom Kunden. Bei negativen Bewertungen ziehen die Händler bestenfalls Lehren aus der Kritik, im schlimmsten Fall schlucken sie den Ärger einfach herunter.

Zoff um 22,51 Euro

Auch Thomas A. aus einer Kleinstadt in der Nähe von Augsburg machte im Juni 2013 seinem Ärger Luft, wie die Zeitung "Augsburger Allgemeine" schreibt. Er bestellte im Amazon Marketplace ein Fliegengitter für 22,51 Euro. Die Lieferung kam zügig an, prompt versuchte A. den Insektenschutz mit der beiliegenden Anleitung nach dem Zuschnitt fachgerecht an seinem Fenster zu montieren. Doch so richtig klappte es nicht, das Fliegengitter war zu klein und ließ sich auch mit viel Mühe nicht am Rahmen befestigen. A. greift zum Hörer und beschwert sich beim Verkäufer, dass die Anleitung missverständlich formuliert sei.

Über den weiteren Verlauf der Geschichte herrscht Uneinigkeit. Je nachdem, welche Seite man befragt, erhält man zwei unterschiedliche Hergänge: A. sagt, der Händler wollte ihm telefonisch nicht helfen. Im Gegenteil: Er sei "richtig unverschämt" gewesen, sagte er der "Augsburger Allgemeinen". Die Anwälte des Händlers bestreiten das: "Man habe versucht, die Probleme des Kunden in Telefonaten und per Mail zu beheben", sagen die Juristen der Zeitung. Doch der Kunde habe einfach nicht verstanden, wie das Fliegengitter zu befestigen sei.

Am 3. Juli 2013 reichte es A., er stellte laut "Augsburger Allgemeinen" bei Amazon folgende negative Bewertung ein: "Die Lieferung erfolgte schnell. Das war das positive. In der Anleitung steht ganz klar Mann muss den Innenrahmen messen das ist falsch. Damit wird das ganze zu kurz! Die Ware selbst macht guten Stabilen Eindruck, Der Verkäufer nie wieder!"

Der Streit eskaliert

Der Händler fühlte sich offenbar ungerecht behandelt, er verlangte von A., die Bewertung zu löschen oder zumindest zu ändern. Sollte er der Forderung nicht nachkommen, würde der Verkäufer Anzeige erstatten. Das wiederum wollte A. dem Verkäufer nicht durchgehen lassen, er beschwerte sich bei Amazon. Am 10. Juli landete bei A. eine Abmahnung mit der Forderung nach einer Unterlassungserklärung in den Briefkasten. A. wollte seine Ruhe, gab nach und löschte die negative Bewertung. Allerdings weigerte er sich, die Anwaltskosten in Höhe von 800 Euro zu zahlen.

Für ein paar Wochen hatte A. seine Ruhe, im Herbst 2013 ging es weiter: Der Fliegengitter-Verkäufer verklagte A. auf Zahlung von rund 70.000 Euro. Der Grund: Der Händler habe wegen A. massive Einnahmeausfälle erlitten, weil Amazon aufgrund der Beschwerde das Verkäuferkonto gesperrt hatte. 13.000 Euro hätten sich auf dem Konto befunden, erklärt der Händler, 39.000 Euro wären erwirtschaftet worden, weitere 20.000 werden als "weitere Schäden" geltend gemacht. Nun muss sich das Landgericht Augsburg im Juni 2014 mit dem Fall.

Anwälte gehen in Stellung

Der Händler meint es offenbar ernst: Einen Gerichtskostenvorschuss in Höhe von knapp 2000 Euro hat er laut "Augsburger Allgemeine" bereits bezahlt. A.'s Anwalt ist optimistisch: "Würde der Kläger mit seinen Forderungen durchkommen, hätte das Folgen für das komplette System der Bewertungen im Internet", sagte er der Zeitung. Die Anwälte des Verkäufers halten dagegen: Wenn man behauptet, dass eine Bauanleitung falsch sei, dann ist das eine Tatsachenbehauptung. Und im vorliegenden Fall ist diese Tatsachenbehauptung eben falsch." Wie das Augsburger Gericht entscheiden wird, ist bislang noch nicht absehbar.

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