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"Es geht nicht von heute auf morgen"

Bei allem Stolz auf das Erreichte: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sieht auf das Gemeinschaftsprojekt noch eine Menge Arbeit zukommen. Im stern-Interview spricht er über Qualitätssicherung, Unterschiede zwischen Britney Spears und Edgar Allan Poe - und den Versuch, die Internetsuche neu zu erfinden.

Herr Wales, ahnten Sie, welchen Erfolg Wikipedia haben würde, als Sie Anfang 2001 mit dem Projekt begannen?

Nicht in diesem Ausmaß. Mir war schon klar, dass Wikipedia beliebt werden könnte - aber natürlich nicht so, dass sie zu einer der zehn größten und einflussreichsten Webseiten der Welt wachsen würde.

Sind Sie mit Ihrem Online-Lexikon zufrieden?

Schwer zu sagen. Die Qualität ist höher als je zuvor, aber wir wollen natürlich weiter besser werden. Wir stehen nicht still. Wir wissen, dass es Probleme mit Vandalismus gibt, für die wir eine Lösung suchen, und Quellenangaben sind ebenfalls ein offener Punkt. Die Wikipedia-Gemeinde hat großes Interesse daran, sich um solche Dinge zu kümmern und weiter aufzuräumen, aber das geht nicht von heute auf morgen. Insgesamt freut uns, was wir erreicht haben, aber unsere Ziele sind noch höher gesteckt.

Wie messen Sie Qualität?

Es gibt leider keine absoluten Richtwerte. Deshalb schaue ich mir regelmäßig eine Reihe von Einträgen zu beliebig gewählten Stichwörtern an und vergleiche: Was stand dort vor einem Jahr? Vor zwei Jahren? Vor fünf Jahren? Und quer durch die Bank lässt sich sagen, dass die Artikel heute ausführlicher sind, mehr Quellenangaben haben und einen besseren Eindruck vom Thema vermitteln. Deshalb kann ich, denke ich, guten Gewissens sagen, dass die Wikipedia immer besser wird, selbst wenn es in mancher Hinsicht noch holpert.

Wo zum Beispiel?

Bei vielen Themen jenseits von Amerika und Europa haben wir bisher relativ wenig Informationen. Deshalb gilt mein Interesse im Augenblick besonders der Wikipedia in Entwicklungsländern. In einigen afrikanischen Sprachen, ebenso wie in Indien, sehen wir neuerdings sehr starkes Wachstum.

Warum liegt Ihnen das Wikipedia-Wachstum in Entwicklungsländern so am Herzen?

Mein Ziel war von Anfang an, ein kostenloses Lexikon aufzubauen, in dem alle Menschen Informationen in ihrer eigenen Sprache finden. Englisch und Deutsch haben den größten Anteil an Wikipedia, dann kommen Französisch und Japanisch. Für solche Sprachen lässt sich sagen: Es muss zwar noch besser werden, aber wir sind schon ziemlich gut. Für Suaheli oder Hindi - oder auch nur Arabisch - gilt das bisher nicht; in vielen bedeutenden Sprachen liegt noch viel Arbeit vor uns, damit wir unser ursprüngliches Ziel erreichen. Deshalb gilt diesen Regionen derzeit mein besonderes Interesse.

Wie geben Sie bei einem Gemeinschaftsprojekt die Richtung vor?

Ich bin nicht derjenige, der am Lenkrad sitzt - die Wikipedia-Gemeinde entscheidet, wo es langgehen soll. Die Gemeinde liebt es, Dinge zu diskutieren. Etwa: "Haben wir gute Themen, an denen wir arbeiten können?" Oder: "Lasst uns eine Projektgruppe von Freiwilligen zusammenstellen, die sich um Schwachstellen kümmert." So geht das immerzu, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.

Manche vergleichen diese Selbstkontrolle mit dem Wilden Westen, weil es keine Regeln zu geben scheint - außer jenen, die sich die Mitglieder selbst auferlegen. Sehen Sie das ähnlich?

Ja, dem würde ich zustimmen.

Obwohl es heute schon mehr Regeln gibt als am Anfang?

Das ist Teil des Erwachsenwerdens. Es zeigt, dass die Gemeinde reifer geworden ist. Anfangs brauchten wir auch nicht viele Regeln, weil nur eine Handvoll von Leuten an dem Projekt mitgearbeitet hat. Mit der Zeit haben wir versucht, sehr vorsichtig neue Regeln einzuführen - aber nur dann, wenn sie wirklich nötig waren. Es war eine natürliche Weiterentwicklung, und bisher war sie aus meiner Sicht sehr gesund. Selbst wenn es das eine oder andere Schlagloch gab. Genau wie es auch in Zukunft Schlaglöcher geben wird.

Neulich ist einer Ihrer eigenen Beiträge von anderen Mitgliedern sofort gelöscht worden - sie fanden ihn irrelevant.

(Lacht.) Es hat natürlich Schlagzeilen gegeben, ich fand das ganz amüsant. Das Interessante daran ist die Debatte, die wir seit langem innerhalb der Wikipedia führen: Was soll man löschen, was soll drin bleiben? Wo zieht man die Grenze? Ich bin ein stärkerer Verfechter des Löschens als viele andere - und nun bin ich selbst zum Opfer geworden. Aber das ist alles Teil der Art, wie wir arbeiten: auf der Basis von Diskussion und Dialog.

Wenn Sie von "wir" sprechen, wer ist das genau?

Wenn ich "wir" sage, dann meine ich die Kerngemeinde: die Nutzer und Verwalter, die sich am aktivsten an Wikipedia beteiligen. Wie viele das genau sind, weiß ich nicht; es lässt sich schwer beziffern.

Viele Millionen Menschen lesen Wikipedia-Beiträge, aber relativ wenige beteiligen sich als Autoren. Woran liegt das?

Ich denke, das ist ganz normal. Bei jedem Projekt dieser Art wird es einige Leute geben, die sehr aktiv sind, und andere, die sich weniger beteiligen.

Manche scheinen Wikipedia als Weg zu sehen, sich in den Vordergrund zu spielen - es gab Probleme mit Autoren, die so taten, als wären sie Experten, es in Wahrheit aber nicht waren.

Wir sehen das nicht als großes Thema. Es galt bei Wikipedia schon immer als schlechter Stil, sich auf Doktortitel und dergleichen zu berufen, um den Inhalt zu beeinflussen. Viel wichtiger ist es, Quellen zu nennen und den Lesern zu zeigen, wo die Informationen herkommen. Natürlich wollen wir solche Täuschungsmanöver verhindern, um sicherzustellen, dass man der Wikipedia vertrauen kann. Alles, was das öffentliche Vertrauen in ihre Verlässlichkeit untergräbt, macht mir Sorgen, und wir möchten auch Anerkennung dafür, dass Wikipedia bereits ziemlich gut ist. Andererseits muss man auch realistisch sein. Wir haben nie behauptet, unfehlbar zu sein, und würden allen raten, immer zu bedenken, wie Wikipedia entsteht: Es ist ein unfertiges Produkt, eine permanente Baustelle - entsprechend gilt es, vorsichtig zu sein.

Schauen Sie noch ab und zu in ein gedrucktes Lexikon?

Nein. Ich habe gar keines.

Würden Sie es bedauern, wenn es den Brockhaus und andere Lexika nicht mehr gäbe, weil sie gegen die kostenlose Wikipedia nicht ankommen?

Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Soweit ich weiß, verkauft sich der Brockhaus nicht schlecht. Aber die Zeit steht nicht still, Dinge ändern sich, und viele solcher Fragen sind derzeit völlig offen. Ich könnte mir vorstellen, dass kommerzielle Lexika kostenlos Informationen aus Wikipedia übernehmen. Das steht ihnen frei, wenn sie etwas nützlich finden, und wir freuen uns, wenn andere auf unserer Arbeit aufbauen.

Kritiker werfen Wikipedia Beliebigkeit vor: Bedeutendes und Unbedeutendes steht gleichberechtigt nebeneinander. Es kann sogar vorkommen, dass jemand wie Britney Spears mehr Platz bekommt als berühmte Schriftsteller wie Edgar Allan Poe. Finden Sie das richtig?

Wir haben immer gesagt: Ein Online-Lexikon unterliegt nicht denselben Beschränkungen wie eines aus Papier. Beim Brockhaus könnten Sie klagen: "Lieber Himmel, Britney Spears bekommt vier Seiten und Edgar Allan Poe nur zwei!" Bücher zu drucken kostet Geld, deshalb ist der Umfang begrenzt. Für Wikipedia gilt das nicht; wir müssen nirgendwo kürzen, wenn wir Artikel erweitern. Das Beispiel, das Sie gewählt haben, ist amüsant. Wir können darüber lachen, dass Britney Spears einen ausführlicheren Wikipedia-Eintrag hat als Edgar Allan Poe. Ich finde es auch ein bisschen seltsam, dass es so ist - aber wir haben nirgendwo etwas herausgenommen, und es zeigt nur, wofür die Menschen sich interessieren.

Sehen Sie Grenzen für den Umfang der Wikipedia?

Es gibt sicher Grenzen, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Wenn Sie Papier bedrucken, geht es um Fragen wie: Was kostet die Herstellung, und wie viel sind Leute bereit zu zahlen? Je umfangreicher das Lexikon, umso mehr können Sie dafür verlangen, und es gibt generelle Vorstellungen davon, wie groß ein Lexikon sein kann. Unsere Grenzen haben mit anderen Fragen zu tun. Etwa: Über wie viele Themen kann man sinnvollerweise schreiben, und welche Informationen lassen sich bestätigen, sodass wir kein Opfer von Schwindlern werden? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass es Dinge gibt, die zu belanglos für einen Wikipedia-Eintrag wären, und bei anderen haben wir zu wenige Informationen. Wo genau diese Grenzen liegen ist allerdings sehr schwer zu sagen.

Wieviel aktive Beteiligung brauchen Sie noch, wenn das Meiste schon geschrieben ist?

Es stimmt sicher, dass es kaum noch die Möglichkeit gibt, einen relevanten neuen Beitrag zu schreiben. In den Anfangstagen konnten Sie auf einen Begriff wie "Afrika" klicken, und da war nichts. Sie konnten als Erster schreiben: "Afrika ist ein Kontinent." Diese Zeiten sind natürlich lange vorbei. Trotzdem passiert ständig etwas, das unsere Aufmerksamkeit verlangt: aktuelle Themen; Neues aus Wissenschaft und Politik; Biographien, die aktualisiert werden müssen - es gibt genug zu tun, und wir sehen bisher kein Nachlassen der Beteiligung. Unsere Nutzer sind haben großen Spaß am Schreiben.

Wie aktiv beteiligen Sie sich selbst an der Wikipedia?

Ich kümmere mich weiter intensiv um die englischsprachige Wikipedia-Gemeinde - etwa wenn es um Streitfragen über Inhalte oder Grundsätzliches zu unseren Richtlinien geht. Um dabei möglichst neutral bleiben zu können, habe ich von Anfang an nur wenig ins Schreiben und Bearbeiten eingegriffen. Außerdem reise ich als eine Art Missionar für die Wikipedia um die Welt und versuche, sie bekannter zu machen, vor allem in Entwicklungsländern. Neulich war ich zum Beispiel in Südafrika, um die "Wikipedia Academy" zu leiten, ein Seminar, bei dem es darum ging, Studenten und Professoren in Johannesburg dabei zu helfen, Artikel in ihrer Muttersprache zu verfassen.

Zugleich versuchen Sie, eine neue Suchmaschine aufzubauen, von der Sie sagen, sie könne "die Internetsuche revolutionieren". Wie soll das gehen?

Das Konzept basiert auf Offenheit, auf völliger Transparenz, kombiniert mit der Möglichkeit zum Mitmachen, ähnlich wie bei Wikis. Im Augenblick planen wir, mit "Search Wikia" Ende Dezember an den Start zu gehen, und dann können alle, die Interesse haben, mithelfen, diese Suchmaschine zu entwickeln. Anfangs wird sie nicht besonders gut sein, aber zumindest ist sie offen.

Warum ist das so wichtig?

Im Augenblick nutzen alle Suchmaschinen ihre eigene Software, und alles ist geheim. Die Entscheidungen, wie Ergebnisse ausgewertet und gewichtet werden, laufen hinter verschlossenen Türen ab. Ich glaube, es geht auch anders. Insofern ist "Search Wikia" eine Art politische Stellungnahme, genau wie alles, was ich in Angriff nehme. Natürlich muss auch die Qualität stimmen, damit Menschen diese neue Suchmaschine nutzen. Unser Ziel muss es sein, die Trefferquote zu erhöhen. Es gibt genügend Beispiele für Suchanfragen, bei denen die Ergebnisse enttäuschen. Menschen könnten eingreifen, korrigieren, Rückmeldungen liefern, um das Problem zu lösen - aber bisher gibt man ihnen dazu keine Gelegenheit.

Wie sähe dieses Mitmachen konkret aus?

Es geht vor allem darum, die Software zu steuern, die das Internet durchkämmt und den Inhalt der Webseiten erfasst. Menschen könnten helfen, indem sie bestimmte Seiten auf eine schwarze Liste setzen, wenn sie nur Spam, also Werbung, enthalten, und andere Seiten, die hilfreich sind, als besonders wichtig einstufen. Google oder Yahoo arbeiten genauso: Mitarbeiter überprüfen ständig, wie gut die Ergebnisse sind, und die Suche, die Auswertung der Treffer, wird entsprechend angepasst. Uns geht es darum, solche Entscheidungen in die Hände der Allgemeinheit zu legen, statt sie Firmen zu überlassen. Es ist so ähnlich wie mit Wikipedia und dem Brockhaus: Die einen schreiben für sich allein im Büro, die anderen gemeinsam und in aller Öffentlichkeit.

Also müssen Google & Co. sich in Acht nehmen?

Oh, keine Ahnung. (Lacht.) Ich hoffe es natürlich - aber es gibt keine Garantie, dass wir Erfolg haben werden. Wir probieren's einfach mal aus und versuchen, Spaß dabei zu haben.

Stimmt es, dass Ihr Wikia-Projekt sogar noch schneller wächst als Wikipedia?

Das stimmt, ja.

Können Sie Zahlen nennen?

(Zögert.) Jeden Monat kommen ungefähr 15 Prozent mehr Besucher dazu. Es schwankt, mal so, mal so. Tja, ich weiß es nicht so genau. Meine Mitarbeiter könnten Ihnen sicher besser Auskunft geben.

Das scheint Sie nicht besonders zu interessieren - obwohl Wikia, anders als Wikipedia, eine Firma ist, die mit dem Ziel arbeitet, Gewinn zu machen.

Stimmt, stimmt. Aber das ist nicht wirklich mein Gebiet.

Obwohl Sie der Chef sind?

Ich denke mir, wenn wir etwas aufbauen können, das die Menschen begeistert, etwas Großes und Offenes, das hohe Qualität bietet, dann folgen die Einnahmen von allein. Da mache ich mir keine Sorgen. Im Augenblick konzentrieren wir uns auf technische Fragen, damit die Menschen sich besser beteiligen können und noch mehr mitmachen.

Wo liegt der Unterschied, wenn Menschen sich an etwas beteiligen, bei dem es um Profit geht?

Bei einem gemeinnützigen Projekt wie Wikipedia liegt alles in Händen von Freiwilligen, bis hin zur Gestaltung der Webseite und dem Verwalten der Computersysteme. Bei Wikia ist das anders. Da gibt es eine Art stilles Abkommen, das besagt: "Wenn ihr mit Werbung Geld verdient, dann müsst ihr euch selbst um die langweiligen Dinge kümmern, die hinter den Kulissen ablaufen." Was Spaß macht, übernehmen die Menschen weiterhin gern - aber keine Aufgaben, die sie als Arbeit empfinden.

Die Deutschen sind besonders eifrige Wikipedia-Autoren. Wie erklären Sie sich das?

Ich sage immer: Weil die Deutschen so schlau sind und so gut aussehen. (Lacht.) Im Ernst: Es ist schon interessant - in deutschsprachigen Ländern war die Wikipedia von Anfang an sehr stark. Ich vermute, dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen haben Bildung und Nachschlagewerke in Deutschland eine lange Tradition. Deshalb fällt der Wikipedia-Gedanke auf fruchtbaren Boden. Außerdem haben mir einige Wikipedianer erzählt, dass die Deutschen - vor dem Hintergrund ihrer Geschichte - sich bemühen, Gutes zu tun und dankbar sind für ein Projekt, das der ganzen Welt hilft. Ich kann nicht beurteilen, wie treffend dieses Argument ist, aber es ist mir mehrfach begegnet.

Manche entdecken in Wikipedia Anflüge eines Kults oder Züge einer religiösen Gemeinde. Sie auch?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ich verstehe schon, woher dieser Eindruck kommt. Man kann hübsch darüber diskutieren. Aber der große Unterschied ist: Eine Religion vermittelt Grundwerte, eine Weltsicht, sie gibt uns Regeln, wie wir uns verhalten sollen. Wikipedia ist lediglich etwas, für das Menschen sich begeistern können, so ähnlich wie Fußballfans sich für Sport begeistern. Es ist ein Hobby, mehr nicht.

Interview: Karsten Lemm
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