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9. Dezember 2007, 15:13 Uhr

"Es geht nicht von heute auf morgen"

Bei allem Stolz auf das Erreichte: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sieht auf das Gemeinschaftsprojekt noch eine Menge Arbeit zukommen. Im stern-Interview spricht er über Qualitätssicherung, Unterschiede zwischen Britney Spears und Edgar Allan Poe - und den Versuch, die Internetsuche neu zu erfinden.

Jimmy Wales bastelt nicht nur an der Wikipedia, sondern auch an einer Suchmaschine© Timm Schamberger/DDP

Herr Wales, ahnten Sie, welchen Erfolg Wikipedia haben würde, als Sie Anfang 2001 mit dem Projekt begannen?

Nicht in diesem Ausmaß. Mir war schon klar, dass Wikipedia beliebt werden könnte - aber natürlich nicht so, dass sie zu einer der zehn größten und einflussreichsten Webseiten der Welt wachsen würde.

Sind Sie mit Ihrem Online-Lexikon zufrieden?

Schwer zu sagen. Die Qualität ist höher als je zuvor, aber wir wollen natürlich weiter besser werden. Wir stehen nicht still. Wir wissen, dass es Probleme mit Vandalismus gibt, für die wir eine Lösung suchen, und Quellenangaben sind ebenfalls ein offener Punkt. Die Wikipedia-Gemeinde hat großes Interesse daran, sich um solche Dinge zu kümmern und weiter aufzuräumen, aber das geht nicht von heute auf morgen. Insgesamt freut uns, was wir erreicht haben, aber unsere Ziele sind noch höher gesteckt.

Wie messen Sie Qualität?

Es gibt leider keine absoluten Richtwerte. Deshalb schaue ich mir regelmäßig eine Reihe von Einträgen zu beliebig gewählten Stichwörtern an und vergleiche: Was stand dort vor einem Jahr? Vor zwei Jahren? Vor fünf Jahren? Und quer durch die Bank lässt sich sagen, dass die Artikel heute ausführlicher sind, mehr Quellenangaben haben und einen besseren Eindruck vom Thema vermitteln. Deshalb kann ich, denke ich, guten Gewissens sagen, dass die Wikipedia immer besser wird, selbst wenn es in mancher Hinsicht noch holpert.

Wo zum Beispiel?

Bei vielen Themen jenseits von Amerika und Europa haben wir bisher relativ wenig Informationen. Deshalb gilt mein Interesse im Augenblick besonders der Wikipedia in Entwicklungsländern. In einigen afrikanischen Sprachen, ebenso wie in Indien, sehen wir neuerdings sehr starkes Wachstum.

Warum liegt Ihnen das Wikipedia-Wachstum in Entwicklungsländern so am Herzen?

Mein Ziel war von Anfang an, ein kostenloses Lexikon aufzubauen, in dem alle Menschen Informationen in ihrer eigenen Sprache finden. Englisch und Deutsch haben den größten Anteil an Wikipedia, dann kommen Französisch und Japanisch. Für solche Sprachen lässt sich sagen: Es muss zwar noch besser werden, aber wir sind schon ziemlich gut. Für Suaheli oder Hindi - oder auch nur Arabisch - gilt das bisher nicht; in vielen bedeutenden Sprachen liegt noch viel Arbeit vor uns, damit wir unser ursprüngliches Ziel erreichen. Deshalb gilt diesen Regionen derzeit mein besonderes Interesse.

Wie geben Sie bei einem Gemeinschaftsprojekt die Richtung vor?

Ich bin nicht derjenige, der am Lenkrad sitzt - die Wikipedia-Gemeinde entscheidet, wo es langgehen soll. Die Gemeinde liebt es, Dinge zu diskutieren. Etwa: "Haben wir gute Themen, an denen wir arbeiten können?" Oder: "Lasst uns eine Projektgruppe von Freiwilligen zusammenstellen, die sich um Schwachstellen kümmert." So geht das immerzu, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.

Manche vergleichen diese Selbstkontrolle mit dem Wilden Westen, weil es keine Regeln zu geben scheint - außer jenen, die sich die Mitglieder selbst auferlegen. Sehen Sie das ähnlich?

Ja, dem würde ich zustimmen.

Obwohl es heute schon mehr Regeln gibt als am Anfang?

Das ist Teil des Erwachsenwerdens. Es zeigt, dass die Gemeinde reifer geworden ist. Anfangs brauchten wir auch nicht viele Regeln, weil nur eine Handvoll von Leuten an dem Projekt mitgearbeitet hat. Mit der Zeit haben wir versucht, sehr vorsichtig neue Regeln einzuführen - aber nur dann, wenn sie wirklich nötig waren. Es war eine natürliche Weiterentwicklung, und bisher war sie aus meiner Sicht sehr gesund. Selbst wenn es das eine oder andere Schlagloch gab. Genau wie es auch in Zukunft Schlaglöcher geben wird.

Neulich ist einer Ihrer eigenen Beiträge von anderen Mitgliedern sofort gelöscht worden - sie fanden ihn irrelevant.

(Lacht.) Es hat natürlich Schlagzeilen gegeben, ich fand das ganz amüsant. Das Interessante daran ist die Debatte, die wir seit langem innerhalb der Wikipedia führen: Was soll man löschen, was soll drin bleiben? Wo zieht man die Grenze? Ich bin ein stärkerer Verfechter des Löschens als viele andere - und nun bin ich selbst zum Opfer geworden. Aber das ist alles Teil der Art, wie wir arbeiten: auf der Basis von Diskussion und Dialog.

Wenn Sie von "wir" sprechen, wer ist das genau?

Wenn ich "wir" sage, dann meine ich die Kerngemeinde: die Nutzer und Verwalter, die sich am aktivsten an Wikipedia beteiligen. Wie viele das genau sind, weiß ich nicht; es lässt sich schwer beziffern.

Viele Millionen Menschen lesen Wikipedia-Beiträge, aber relativ wenige beteiligen sich als Autoren. Woran liegt das?

Ich denke, das ist ganz normal. Bei jedem Projekt dieser Art wird es einige Leute geben, die sehr aktiv sind, und andere, die sich weniger beteiligen.

Manche scheinen Wikipedia als Weg zu sehen, sich in den Vordergrund zu spielen - es gab Probleme mit Autoren, die so taten, als wären sie Experten, es in Wahrheit aber nicht waren.

Wir sehen das nicht als großes Thema. Es galt bei Wikipedia schon immer als schlechter Stil, sich auf Doktortitel und dergleichen zu berufen, um den Inhalt zu beeinflussen. Viel wichtiger ist es, Quellen zu nennen und den Lesern zu zeigen, wo die Informationen herkommen. Natürlich wollen wir solche Täuschungsmanöver verhindern, um sicherzustellen, dass man der Wikipedia vertrauen kann. Alles, was das öffentliche Vertrauen in ihre Verlässlichkeit untergräbt, macht mir Sorgen, und wir möchten auch Anerkennung dafür, dass Wikipedia bereits ziemlich gut ist. Andererseits muss man auch realistisch sein. Wir haben nie behauptet, unfehlbar zu sein, und würden allen raten, immer zu bedenken, wie Wikipedia entsteht: Es ist ein unfertiges Produkt, eine permanente Baustelle - entsprechend gilt es, vorsichtig zu sein.

Mehr zum Thema lesen Sie im aktuellen stern

Schauen Sie noch ab und zu in ein gedrucktes Lexikon?

Nein. Ich habe gar keines.

Würden Sie es bedauern, wenn es den Brockhaus und andere Lexika nicht mehr gäbe, weil sie gegen die kostenlose Wikipedia nicht ankommen?

Im Augenblick sieht es nicht danach aus. Soweit ich weiß, verkauft sich der Brockhaus nicht schlecht. Aber die Zeit steht nicht still, Dinge ändern sich, und viele solcher Fragen sind derzeit völlig offen. Ich könnte mir vorstellen, dass kommerzielle Lexika kostenlos Informationen aus Wikipedia übernehmen. Das steht ihnen frei, wenn sie etwas nützlich finden, und wir freuen uns, wenn andere auf unserer Arbeit aufbauen.

Kritiker werfen Wikipedia Beliebigkeit vor: Bedeutendes und Unbedeutendes steht gleichberechtigt nebeneinander. Es kann sogar vorkommen, dass jemand wie Britney Spears mehr Platz bekommt als berühmte Schriftsteller wie Edgar Allan Poe. Finden Sie das richtig?

Wir haben immer gesagt: Ein Online-Lexikon unterliegt nicht denselben Beschränkungen wie eines aus Papier. Beim Brockhaus könnten Sie klagen: "Lieber Himmel, Britney Spears bekommt vier Seiten und Edgar Allan Poe nur zwei!" Bücher zu drucken kostet Geld, deshalb ist der Umfang begrenzt. Für Wikipedia gilt das nicht; wir müssen nirgendwo kürzen, wenn wir Artikel erweitern. Das Beispiel, das Sie gewählt haben, ist amüsant. Wir können darüber lachen, dass Britney Spears einen ausführlicheren Wikipedia-Eintrag hat als Edgar Allan Poe. Ich finde es auch ein bisschen seltsam, dass es so ist - aber wir haben nirgendwo etwas herausgenommen, und es zeigt nur, wofür die Menschen sich interessieren.

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