Der Streit des Linken-Politikers Lutz Heilmann mit Wikipedia hat gezeigt: Die Online-Enzyklopädie ist trotz Schwächen inzwischen eine Macht. Wer sich mit ihr anlegt, muss ihre Regeln verstehen - sonst geht der Schuss nach hinten los. Von Ralf Sander

Die gesperrte Wikipedia.de-Seite© DPA
Wikipedia.de ist wieder da, die vom Linken-Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann gerichtlich erwirkte Sperrung der Website wurde aufgehoben. Heilmann bedauerte sein Vorgehen gegen die deutsche Ausgabe der Online-Enzeklopädie. "Ich habe zu kurz gedacht und die Folgen nicht überschaut", sagte er der "taz". Was bleibt, ist die erneut ins Gedächtnis gerufene Erkenntnis, dass das Wikipedia-Modell seine Schwächen hat. Und doch so stark ist, dass es aus Fehlern sogar noch Gewinn schlagen kann. Während der Kläger trotz berechtigter Ansprüche wie ein Verlierer dasteht, weil die Justiz mit der Entwicklung des Internet kaum mithalten kann.
Was war passiert? Im deutschsprachigen Eintrag von Wikipedia standen Tatsachenbehauptungen über Lutz Heilmann, der seit 2005 für die Linkspartei im Bundestag sitzt, die laut Heilmann "falsch, ehrabschneidend und deshalb mein Persönlichkeitsrecht verletzend" waren. In dem Streit ging es unter anderem um Auffälligkeiten in Heilmanns Biografie. Am vergangenen Donnerstag hatte der Abgeordnete eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Lübeck erwirkt: Die Website Wikipedia.de durfte nicht mehr zum deutschsprachigen Wikipedia-Angebot führen.
Nun wird es kompliziert. Bei Wikipedia.de handelt es sich allerdings nicht um die Enzyklopädie selbst, sondern nur um eine Weiterleitungsseite des Vereins Wikimedia Deutschland. Der Verein ist nach eigenem Bekunden nicht für Wikipedia-Inhalte verantwortlich, sondern will lediglich über die Internet-Enzyklopädie informieren. Die eigentliche Urheberin der Online-Enzyklopädie ist die Wikimedia Foundation mit Sitz in den USA.
"Für einen in Deutschland sitzenden Kläger ist es sehr schwierig, in den USA zu klagen, besonders wenn es auch noch schnell gehen soll", sagt Rechtsanwalt Stephan Mathé von der Kanzlei Rode + Mathé, "so mussten wohl einfach diejenigen dran glauben, die erreichbar waren." Laut Mathé ist die Frage der Haftung in diesem Rechtsbereich schwierig zu beantworten: "Direkt verantwortlich ist natürlich eigentlich die Person, die die unwahren Behauptungen aufgestellt hat." Diese sei im Zweifelsfall aber nicht zu identifizieren. "Dann wäre derjenige dran, der die Aussagen veröffentlicht und sich diese somit zueigen macht. Das ist vergleichbar mit der Forenbetreiberhaftung und ist auch heftig umstritten", so Mathé weiter. Im konkreten Fall sei die Kette aber noch länger: "Hier geht es ja um eine Seite, die nur auf eine andere hinweist. Dennoch hat das Lübecker Landgericht hier wohl eine Störerhaftung festgestellt." Allerdings dürfe die Besonderheit einer Einstweiligen Verfügung (EV) nicht vergessen werden: "Bei einer EV geht es nicht um Beweise, sondern es reicht aus, dass der Richter es glaubhaft findet, was man behauptet", so Mathé. In einem möglichen späteren Verfahren müssten dann Beweise vorgelegt werden, und die Entscheidung des Gerichts kann auch anders ausfallen als bei der EV. Am Sonntagabend hat Heilmann seinen Antrag auf eine Einstweilige Verfügung rechtswirksam wieder zurückgezogen. Seit Montagmittag funktioniert die Weiterleitung von wikipedia.de auf de.wikipedia.org wieder.

Lutz Heilmann wehrte sich gegen Fehler im Wikipedia-Beitrag über ihn© Maurizio Gambarini/DPA
Der beanstandete Artikel über Heilmann war die ganze Zeit über erreichbar, denn die deutschsprachige Wikipedia hat die URL de.wikipedia.org - und liegt auf Servern in den USA. Seit der vergangenen Woche wurde der Eintrag über Heilmann laut Wikipedia-Protokoll mehrfach überarbeitet. Warum hat das Lübecker Gericht sich nicht gegen den Artikel direkt gewandt? "Das Argument ist wohl: Wikipedia.de hat keinen Einfluss auf die einzelnen Beiträge, sondern verweist nur darauf", sagt Rechtsanwalt Mathé.
Der juristische Angriff ging zumindest zum Teil nach hinten los: In einer Stellungnahme auf seiner Homepage teilt Heilmann mit: " Ich bedaure außerordentlich, dass durch die von mir beantragte Einstweilige Verfügung des Landgerichts Lübeck die deutschen Wikipedia-Userinnen und -User in den letzten 24 Stunden keinen direkten Zugriff mehr auf die Wikipedia-Inhalte hatten. Mir ging es dabei keineswegs um Zensur, sondern schlicht um eine wahre Tatsachen-Darstellung. Der juristische Weg hat sich dafür insoweit als problematisch erwiesen, als durch die Struktur von Wikipedia die anderen Userinnen und User in Mitleidenschaft gezogen werden."
Das Problem, das der 42-Jährige mit Wikipedia hat, haben schon andere vor ihm erlebt. Die erste große Kontroverse über die Qualität von Wikipedia-Einträgen zu lebenden Personen der Zeitgeschichte entbrannte im Jahr 2005: Über den Journalisten John Seigenthaler, sr. war in der englischsprachigen Version des Lexikons vier Monate lang zu lesen, dass er in die Morde an John F. Kennedy und Robert Kennedy verwickelt gewesen sein könnte. In einem wütenden Aufsatz in der Zeitung "USA Today" beschimpfte er daraufhin die Wikipedia als "ein schadhaftes und unverantwortliches Recherche-Werkzeug".
Die große Stärke der Enzyklopädie ist gleichzeitig ihre Schwäche: Ihre Artikel entstehen in kollektiver Arbeit. Im Prinzip kann jeder einen Eintrag veröffentlichen oder bereits bestehende Beiträge verändern. Das kann zu einer beständigen Verbesserung der Texte führen - aber auch grobem Unfug Tür und Tor öffnen. Im stern berichtete der deutsche Jürgen Lüdeke, der für die Wikipedia ehrenamtlich als Administrator arbeitet: "Um 7.30 Uhr werden die Schüler aktiv. Dann wird in alle möglichen Artikel 'ficken' und ähnlicher Quatsch reingeschrieben. Das setze ich sofort zurück". Die Geschwindigkeit, mit der viele Fälle von Artikel-Vandalismus rückgängig gemacht werden, ist beeindruckend. Das Wiki-Credo "Die Nutzer kontrollieren sich selbst" funktioniert meistens - aber eben nicht immer. Fäkalausdrücke sind einfach zu erkennen. Bei falschen, ungenauen und geschönten Tatsachenbehauptungen ist es schon schwieriger, wie die Fälle von Heilmann, Seigenthaler und anderen zeigen.
Zumal ideologische Schlachtfelder häufig zu erbitterten Kämpfen um korrekte Ausdrucksweisen führen. Um die "Edit Wars" - so wird ständiges Hin- und Her-Verändern von Artikeln genannt - zu unterbinden, werden einige Einträge vorübergehend oder dauerhaft für Änderungen gesperrt. Die Themen reichen von traditionell schwierigen Themen wie Hitler und Islamismus, es kann aber auch mal der Eintrag über die Moskauer U-Bahn sein.